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INDIEKINO BERLIN: Filmkritik Belladonna of Sadness
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Belladonna of Sadness

Zwischen Feminismus und Sexploitation

Die psychedelisch-pornografische Kult-Animation BELLADONNA OF SADNESS von Eiichi Yamamoto und Ozamu Tezuka aus dem Jahr 1973 entführt in bizarren Bildern zwischen Jugendstil und Popart in eine mittellalterliche Welt, in der Sex, Gewalt, Voyeurismus und Feminismus eine verstörende Verbindung eingehen.

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BELLADONNA OF SADNESS hat seinen Kultfilmstatus ehrlich erarbeitet. Das psychedelisch-pornografische Anime von 1973 gehört sicher zu den kuriosesten Filmerlebnissen, denen man sich unterziehen kann. Die so nie zuvor und nie wieder gesehene Bildsprache variiert zwischen zartesten Jugendstil-Aquarellen und popartigen Animationen à la YELLOW SUBMARINE. BELLADONNA OF SADNESS war eine billige Produktion, der dritte Teil der Animerama-Serie, explizite Animationen für Erwachsene, der Tokioer Mushi-Productions. Nur wenige Szenen sind tatsächlich im Detail animiert, oftmals gleitet die Kamera lediglich an statischen Zeichnungen entlang und entfaltet dabei einen eigenartigen Sog, der das Gefühl von Voyeurismus noch verstärkt.

Unterlegt mit Sleaze-Pop der 70er führt der Film in ein europäisches Mittelalter der Burgen und Bauern, der Kriege und der Hexerei. Als Vorlage diente der Roman „La Sorcière“ aus dem Jahr 1862, in dem der Autor Jules Michelet im Rahmen einer fiktiven Hexengeschichte seine Kritik an der Unterdrückung der Frauen und der Bauernschaft formulierte: Bauer Jean und seine Freundin Jeanne wollen heiraten. Der Fürst verlangt ein Brautgeld und - als ihm die Summe nicht reicht - die Braut selbst, die er in einer drastischen, fast schon abstrakten Sequenz vergewaltigt. Jeanne ist am Boden zerstört, da erscheint der Teufel in Form eines harmlos wirkenden, sehr kleinen Penis und bietet ihr seine Macht an. Jeanne nimmt dankbar und zunehmend lustvoll an. Mit Jeannes zunehmender Hingabe ans Böse wächst der Teufelspenis, der zunächst bequem in Jeannes Hand passte, zu imposanter Baumgröße an. Gleichzeitig wächst auch Jeannes Macht im Ort. Sie wird zur Göttin der Lustbarkeiten, zur lokalen Gegengewalt, die den Bauern Heilung bietet, als die Pest den Landstrich überrollt, und dem Fürsten die Stirn, der sie daraufhin der Hexerei anklagt.

Exploitation-Sex, Gewalt und Feminismus gehen in BELLADONNA eine faszinierende, verstörende Verbindung ein. Mit ihren großen Anime-Rehaugen und der meist nackten Sanduhrfigur ist Jeanne Pin-up-Objekt par Excellence. Ihre Macht ist die Macht des teuflischen Phallus, mit dem sie sich verbündet hat. Gleichzeitig ist BELLADONNA die Geschichte eines Aufstandes gegen die Herrschaft der Reichen und der Männer. Der Pakt mit dem Teufel ist keine Verzweiflungstat, sondern geschieht, zumindest nach und nach, aus Jeannes eigener Lust an der Macht, und an der Lust. Die Bauern, die BELLADONNA in ihrem Exil am Rande der Stadt um Hilfe ansuchen, finden eine Art Swingerclub-Eden vor. Endlos streift die Kamera über eine hippieske „Free Love“-Szenerie.

Verantwortlich für diesen Rausch sind der Anime-Regisseur Eiji Yamamoto, der auch die beiden anderen Animerama-Filme 1001 ARABIAN NIGHTS (1969) und CLEOPATRA (1970) gedreht hat, und als Produzent Ozamu Tezuka, der „Godfather“ von Manga und Anime, der hierzulande am besten für seine Kinder-TV-Serien „Astro Boy“ und „Kimba, der weisse Löwe“ bekannt ist. Ende der 60er Jahre begann Tezuka zunehmend düsteren Stoff für Erwachsene zu zeichnen. Unmittelbar vor BELLADONNA entstanden Werke wie „Kirihito“ und „Ayako“, beides Manga in deren Zentrum Ausgestoßene stehen, die unfassbare Gewalt seitens der Gesellschaft erleben. In „Kirihito“ wird ein Arzt von der seltenen Monmo-Krankheit befallen und verwandelt sich in einen Hund, in „Ayako“ sperrt ein Vater seine uneheliche Tochter auf Jahrzehnte weg und die ganze Familie schweigt dazu. Auch wenn Tezuka nur am Anfang an der Produktion von BELLADONNA beteiligt war, so scheint Jeanne doch in diese Ahnenreihe zu passen. Wie Kirihito und Ayako wird sie eines Tages triumphieren.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Kanashimi no Beradona
Japan 1973, 93 min
Sprache: Japanisch
Genre: Animation, Fantasy
Regie: Eiichi YAMAMOTO
Drehbuch: Yoshiyuki FUKADA
Kamera: Shigeru YAMAZAKI
Schnitt: Masashi FURUKAWA
Musik: Masahiko SATÔ
Verleih: Rapid Eye Movies
FSK: 16
Kinostart: 01.09.2016

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