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Jeannette: Die Kindheit der Jeanne d'Arc

Bruno Dumont hat vier Texte von Charles Peguy für zwei Filme über Jeanne d'Arc - JEANNETTE - DIE KINDHEIT DER JEANNE D'ARC & JEANNE D'ARC - bearbeitet. Wie die Figur der Johanna von Orléans selbst ist auch Charles Peguy eine politisch umstrittene Figur, auf die sich rechte Nationalisten und katholische Extremisten ebenso berufen wie linke Philosophen, etwa Alain Badiou.

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Bruno Dumont hat vier Texte von Charles Peguy für zwei Filme über Jeanne d'Arc - JEANNETTE - DIE KINDHEIT DER JEANNE D'ARC & JEANNE D'ARC - bearbeitet. Wie die Figur der Johanna von Orléans selbst ist auch Charles Peguy eine politisch umstrittene Figur, auf die sich rechte Nationalisten und katholische Extremisten ebenso berufen wie linke Philosophen, etwa Alain Badiou. Peguy stammte aus einer Bauernfamilie und war Sozialist, bevor er sich dem Katholizismus zuwendete, den Modernismus ablehnte und über die Aufwertung der Tradition bei nationalistischen Begriffen landete. Als einer der ersten französischen Freiwilligen wurde er 1914 im Krieg erschossen. Bruno Dumont hat in Interviews gesagt, er verstehe sich selbst als einen „Primitiven“, der sich außerhalb der realen Politik sieht. An Peguy scheint ihn vor allem das Wüten gegen die Welt zu interessieren.

JEANNETTE hätte man wohl früher als „Rockoper“ bezeichnet. Hier tanzen und headbangen die Darsteller*innen, die zum Großteil Laien sind, zur Musik des französischen Elektro-Metallers Igorrr. Die achtjährige Lise Leplat Prudhomme als Jeannette und später die ältere Jeanne Voisin stehen in irgendwelchen Dünen und singen mit voller Inbrunst Peguys fast liturgische, sich oft wiederholende Verse – Peguy verstand seine Werke über Jeanne D'Arc als eine Art mittelalterliches Mysterienspiel. Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht. In drei Monologen und drei Dialogen – mit einer gleichaltrigen Freundin, einer von Zwillingen gespielten Nonne, und einem täppischen Onkel – klagt Jeanne über die Abwesenheit des Königreichs Gottes und hadert damit, handeln zu dürfen, zu können und zu wollen und die Eltern belügen zu müssen. Der innere Aufruhr ist groß, aber selbst die Musik wird immer wieder von gleichgültigem Schafsblöken unterbrochen.

„Das Risiko der Ernsthaftigkeit ist, dass sie zu Schwulst wird, weshalb man sie (…) mit der Komödie und dem Schwank ausbalancieren muss. Die Wahrheit liegt notwendigerweise im Schrägen“, sagt Dumont im Interview in Le Monde. Und so mögen die in Jeannes Vision in Bäumen schwebenden Heiligen so albern wirken wie die headbangende Doppel-Nonne und der schlecht rappende Onkel, dennoch hat das alles etwas Berührendes. Vor allem, wenn Jeanne über das Elend der Welt klagt – „Immer nur nichts, nichts, niemals nichts“ – und dabei ihr Kindergesicht in Großaufnahme keine Spur von Zweifel zeigt, ist das erstaunlich erschütternd. Die schwebenden Heiligen im Baum tauchen allerdings auch schon in der wohl frühesten Filmversion der Jeanne d’Arc von George Méliès um 1900 auf. Vielleicht will Dumont auch zurück zu einer naiveren, direkteren Form des Kinos.

Ohne die Choreografien und die Musik wären Peguys Texte kaum zu ertragen, dazu ist dessen Weltentwurf doch etwas zu streng, zu nationalistisch („Frankreich den Franzosen“) und zu katholisch. Andererseits zeigt der keinerlei Religiosität verdächtige Dumont eben keine Heldin, die notwendigerweise für das Richtige kämpft, sondern einen kindlichen emotionalen Aufruhr. Der Aufruhr sieht sich immer auf der Seite der Gerechtigkeit, egal auf welches Weltkonstrukt er sich bezieht, und sei es die idiotische Idee, das Oberhaupt des Hauses Valois sei gottgewollter als das Oberhaupt des Hauses Lancaster. JEANNETTE meint vermutlich nicht nur Greta Thunberg, sondern auch die jungen Faschisten. Von Ferne riecht Dumonts Film allerdings auch ein wenig nach Stadttheater: hier der Text, da die Aufführung, ein bisschen Schock, ein bisschen Spaß, ein bisschen was Falsches, ein bisschen was Echtes, danach eine Schorle.

eran. Nur wenn Christophe von der Hölle singt, entwickelt der Film ganz unmittelbare Wucht.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Jeannette, l'enfance de Jeanne d'Arc
Frankreich 2017, 115 min
Sprache: Französisch
Genre: Musical, Historienfilm, Drama
Regie: Bruno Dumont
Drehbuch: Bruno Dumont
Kamera: Guillaume Deffontaines
Schnitt: Basile Belkhiri, Bruno Dumont
Musik: Gautier Serre
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Lisa Leplat Prudhomme, Jeanne Voisin, Lucile Gauthier, Victoria Lefebvre
Kinostart: 25.12.2019

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Jeannette: Die Kindheit der Jeanne d'Arc

(Jeannette, l'enfance de Jeanne d'Arc) | Frankreich 2017 | Musical, Historienfilm, Drama | R: Bruno Dumont

Bruno Dumont hat vier Texte von Charles Peguy für zwei Filme über Jeanne d'Arc - JEANNETTE - DIE KINDHEIT DER JEANNE D'ARC & JEANNE D'ARC - bearbeitet. Wie die Figur der Johanna von Orléans selbst ist auch Charles Peguy eine politisch umstrittene Figur, auf die sich rechte Nationalisten und katholische Extremisten ebenso berufen wie linke Philosophen, etwa Alain Badiou.

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