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Il Buco – Ein Höhlengleichnis

Ungewöhnlich und schön

IL BUCO lässt sich genauso gut als Essay über die modernistische Entzauberung der Welt schauen wie als Porträt einer Landschaft, in der die Höhle die Hauptrolle übernimmt.

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Warum macht man einen dialogfreien Film über eine Höhlenexpedition in Süditalien im Jahre 1961? Wer diese Frage erst einmal ignoriert und sich auf IL BUCO („Das Loch“) einlässt, sieht einen so ungewöhnlichen und schönen Film, dass Motivation und Relevanz keine Rolle mehr spielen müssen.



1961 ist Italien im Wirtschaftswunder angekommen. Doch hundert Jahre nach der nationalen Vereinigung gibt es immer noch ein deutliches Gefälle zwischen dem industrialisierten Norden und dem bäuerlichen Süden, das bis heute weiterbesteht. In diesem Kontext bricht eine Gruppe von Höhlenforscher*innen aus Mailand auf nach Kalabrien, um eine der tiefsten Höhlen der Welt zu erkunden. Mit der Expedition hält scheinbar die Moderne Einzug in die pastorale Monotonie des Südens. Das Hinabsteigen, Ausleuchten, Vermessen lässt sich als Metapher für die kolonialistische Wissenschaft verstehen, zumal die Aufnahmen aus der Höhle oft kontrastiert werden mit Erkundungen des Körperinneren durch Ärzte oder der gebannten Versammlung vor dem Fernseher, der auch die Dorfbewohner*innen Kalabriens in die Globalisierung portiert.



Essenziell sind diese Assoziationen jedoch nicht. IL BUCO lässt sich genauso gut als Essay über die modernistische Entzauberung der Welt schauen wie als Porträt einer Landschaft, in der die Höhle die Hauptrolle übernimmt: Anstelle von Dialogen hören wir Tropfen, anstelle von Gesichtern sehen wir Schatten. Den Aufnahmen aus den feucht-dunklen Gängen, die an Eingeweide erinnern, ohne ekeln zu wollen, gingen immense technische Herausforderungen voraus: Das Filmteam um den Regisseur und Hobbyspeläologen Michelangelo Frammartino brauchte nach jedem Drehtag bis zu vier Stunden, um an die Oberfläche zurückzukehren. Und auch über der Erde zeigt IL BUCO ausnahmslos beeindruckende Einstellungen, die auch die kleinsten Bewegungen und Geräuschen atmosphärisch in Szene setzen.

Yorick Berta

Details

Originaltitel: Il buco
Italien/Frankreich/Deutschland 2021, 93 min
Genre: Drama
Regie: Michelangelo Frammartino
Drehbuch: Michelangelo Frammartino, Giovanna Giuliani
Kamera: Renato Berta
Schnitt: Benedetto Atria
Verleih: Film Kino Text
Darsteller: Paolo Cossi, Jacopo Elia, Denise Trombin, Nicola Lanza
Kinostart: 10.11.2022

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