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I, Tonya

Komisch und voller Mitgefühl

Kurz vor den Olympischen Winterspielen 1994 schlägt ein Mann im Auftrag des Ex-Mannes der Eiskunstläuferin Tonya Harding derer Konkurrentin Nancy Kerrigan mit der Eisenstange vor das Knie. Komisches und engagiertes Biopic mit bis in die Nebenrollen exzellenter Besetzung.

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Gegenüber vom Erika-Hess-Eisstadion an der Müllerstraße im Wedding gab es in den 90er Jahren ein billiges Restaurant mit deutscher Küche, wo ich manchmal nach der Arbeit Königsberger Klopse verdrückte. Einmal saß ein Ehepaar mit einer noch ziemlich kleinen Eisprinzessin im Schlepptau zwei Tische weiter und unterhielt sich im fast leeren Laden unüberhörbar. Madame schimpfte über die Preisrichter, offenbar hatte die Prinzessin nichts gewonnen. Vor allem aber beschwerte sich die Mutter über die Familie der damaligen deutschen Meisterin. Das seien ja unerträglich vulgäre Leute, sowas gehöre doch nicht in den Verband, die Tochter auch, ganz schrecklich. Die Herrschaften machten eins deutlich: Eiskunstlaufen ist ein Haifischbecken, in dem es nicht zuletzt um gesellschaftlichen Status ging.

Kurze Zeit später, während der Vorbereitungen zu den Olympischen Winterspielen in Calgary 1994, erhielt die US-Eiskunstlauf-Meisterin Nancy Kerrigan einen Schlag mit der Eisenstange vor das Knie. Der Auftrag für das Attentat kam von Jeff Gillooly, dem Ex-Ehemann ihrer Konkurrentin Tonya Harding. Dessen Kumpel Shawn Eckardt, der sich als Hardings „Leibwächter“ bezeichnete, hatte den Angriff organisiert.

Once there was this girl who
Swore that one day she would be a figure skating champion
And when she finally made it
She saw some other girl who was better
And so she hired some guy to
Club her in the kneecap

– “Headline News”, Weird Al Yankovic, 1994

Die deutschen Medien bezeichneten Tonya Harding als „die Eishexe“, die internationale Presse fand „poison dwarf“, Giftzwerg, passend. Nancy Kerrigan trat bei der populären TV-Show „Saturday Night Live“ als Moderatorin auf, Harding wurde auf Lebenszeit die Teilnahme an allen Eiskunstlauf-Wettbewerben und Profishows untersagt, außerdem wurde sie wegen Behinderung der Justiz zu drei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Harding hat immer bestritten, von Gilloolys und Eckardts Plänen gewusst zu haben, Gillooly hatte vor Gericht das Gegenteil behauptet. Die Affäre war ein gewaltiges, weltweites Medienereignis, das bis heute Spuren in der Popkultur hinterlassen hat. Von der Häme, mit der Komiker wie Weird Al Yankovic Harding übergossen, wandelte sich das Bild der Sportlerin allmählich zu dem einer tragischen Figur.

And her childhood was unhappy, and her mom was really weird
Her husband liked to hit her but it was poverty she feared!
'Cos she grew up in the trailer parks not like most other girls
With their gliding and their sliding and their whirling little twirls

– “Tonya’s Twirls”, Loudon Wainwright III, 1999

Craig Gilmores Film I, TONYA ist ein emphatisches und sehr unterhaltsames Porträt der Sportlerin. In Rückblenden und nachgespielten Interviewszenen zeichnet der Film das Bild einer ebenso energischen wie verpeilten jungen Frau aus der weißen Unterschicht, die keine Chance hat. Tonya, (Margot Robbie) schneidert die Kostüme für ihre Wettbewerbe selbst. Den Preisrichtern ist das zu schäbig. Sie läuft ihre Kür zu Musik von ZZ Top statt zu Klassik. Den Preisrichtern ist das zu vulgär. Irgendwann fragt sie einfach nach, warum sie eigentlich nie gewinnt, wenn sie offensichtlich am besten läuft. Weil man so jemanden wie sie nicht als Repräsentantin will, ist die Antwort. Tonya Harding, 1,55m klein, mit kräftigen Oberschenkeln und gewaltiger Sprungkraft, war keine elegante Läuferin. Ihre Bewegungen waren eckiger als die von Kerrigan oder Katharina Witt, die 1994 ihren letzten Olympischen Wettkampf bestritt. Tonya hatte Tempo, Kraft und Technik. Eine Athletin, keine Prinzessin. Ihre einzige Chance war, etwas zu leisten, was niemand sonst beherrscht, und sie schaffte es tatsächlich. Bei den offenen US-Meisterschaften springt sie einen dreifachen Axel, als zweite Frau nach Midori Ito und als erste Amerikanerin.

Tonya Harding, my friend
Well this world is a bitch, girl
Don’t end up in a ditch, girl
I’ll be watching you close to the end
So fight on as you are
My American princess
May God bless you with incense
You’re my shining American star

– “Tonya Harding”, Sufjan Stevens 2018

I, TONYA erzählt von einer Überlebenden, ohne seine Heldin zu verklären. Aber I, TONYA ist auch einer der besten und unterhaltsamsten Sportfilme seit langem. Wir bekommen sehr genau erklärt, was ein dreifacher Axel ist: auf einem Fuß vorwärts abspringen, dreieinhalb Umdrehungen in der Luft, rückwärts auf einem Fuß landen. Eine völlig absurde Idee. Andererseits sprang die schwarze französische Läuferin Surya Bonaly gern einen Salto auf dem Eis, auf einem Bein abgesprungen, auf einem gelandet. Die durfte auch nicht oft gewinnen, das Element wurde verboten.

Höhepunkte des Films sind präzise inszenierte Interviewszenen, aus denen die durch die Bank grandiose Besetzung schauspielerische Kabinettsstückchen macht. Margot Robbie wütet sich durch die Rolle als Tonya und zeigt sie als eine Frau, die lange verbale Selbstverteidigung geübt hat, aber sich immer wieder durch die Vehemenz ihrer Unschuldsbehauptungen verdächtig macht. Das ist ihr bewusst, und sie bemüht sich um Selbstbeherrschung, bis es an irgendeinem Punkt knallt, nicht unbedingt an der Sollbruchstelle. Am Küchentisch sitzend qualmt sie eine nach der anderen, lehnt sich vor, wenn sie einen Punkt unterstreichen will, kaut ihr Kaugummi beim Rauchen weiter, schimpft, beteuert glücklich zu sein, wütet innerlich wie ein Eifelvulkan. Tonya ist für nichts verantwortlich. Was immer gewesen ist, es waren die anderen. Margot Robbie, rein äußerlich die totale Fehlbesetzung – sie wirkt zu groß, zu alt, zu schön, Tonya Harding sah vor den TV-Kameras eher aus wie ein verstörtes Kind, obwohl sie bereits 24 war – schafft sich dermaßen in die Rolle herein, dass es ein Vergnügen ist, ihr zuzusehen.

Allison Janney als Tonyas Alptraum-Mutter LaVona Golden verleiht der unerträglichen Person die bittere Würde vollendeten Selbst- und Welthasses. Nie hat sie eine Leistung der Tochter anerkannt. Sie ist überzeugt davon, dass nur ihre unerbittliche Härte und Kälte aus Tonya einen Champion gemacht hat. Tonya flieht in die Hände des brutalen Vollidioten Jeff Gillooly, der sie immer wieder schlägt, dem es aber immer wieder gelingt, sie erneut an sich zu binden. Sebastian Stan, der offenbar froh ist, trotz seiner Festanstellung als Marvels „Winter Soldier“ mal wieder eine richtige Person spielen zu dürfen, lässt Gillooly mit großem Vergnügen vom Therapiesprech zum Psychopathen-Selbst taumeln. Paul Walter Hauser als sein Kumpel Shawn, der sich für Tonyas Leibwächter hält und behauptet, Geheimagent zu sein, aber noch bei den Eltern wohnt, stiehlt jede Szene mit einer komödiantischen Meisterleistung. Selten sah man die Drehungen eines fallenden Groschens schöner - und langsamer.

I, TONYA ist ein rasend komischer Film, voller Mitgefühl mit seinen Figuren, die an der Wirklichkeit der Klassengesellschaft ebenso scheitern wie an ihren eigenen Schwächen und Selbsttäuschungen. Während des Abspanns zeigt er noch einmal Tonya Hardings Original-Kür vom Skate America-Wettbewerb. Gestern hat Mirai Nagasu beim Eiskunstlauf-Teamwettbewerb bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang einen dreifachen Axel gestanden. Sie habe „Historisches“ geleistet, meldete Eurosport. Ja, hat sie durchaus.

Tom Dorow

Details

USA 2017, 119 min
Genre: Biografie, Sportfilm, Drama
Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Steven Rogers
Kamera: Nicolas Karakatsanis
Schnitt: Tatiana S. Riegel
Musik: Peter Nashel
Verleih: DCM
Darsteller: Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Caitlin Carver, Bobby Cannavale
FSK: 12
Kinostart: 22.03.2018

Website
IMDB

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