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Frank

Outsider-Band trifft Normalo

Der weitgehend talentfreie englische Kleinstadtmusiker Jon gerät zufällig in die Band Soronprfbs, die von dem charismatischen und genialen FRANK angeführt wird, der Tag und Nacht einen künstlichen Kopf trägt. Jon kollidiert schnell mit den auf unterschiedliche Weise durchgeknallten Musikern.

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Der 2010 verstorbene Chris Sivey alias Frank Sidebottom war Sänger der Punkband The Freshies, bevor er zu einer seltsamen Mischung aus Musikclown und Seebad-Komiker umschulte. In der Persona des Frank Sidebottom trug Sivey auf der Bühne einen riesigen Pappmaché-Kopf. Frank Sidebottom war eine Inspiration für Lenny Abramsons Film FRANK, aber die Titelfigur ist hier ein ganz anderer Typ als Sivey/Sidebottom. Der Frank, den Michael Fassbender hier spielt, trägt seinen immer leicht erstaunt dreinblickenden Kunstkopf Tag und Nacht, selbst unter der Dusche. Frank ist hier ein Außenseitermusiker. Wie Don van Vliet alias Captain Beefheart versammelt er seine Band über ein Jahr in einer einsamen Hütte, um in endlosen Proben an einem Album zu arbeiten, das nie fertig zu werden scheint. Wie der psychisch kranke Songwriter Daniel Johnson scheint er zwischen überschäumendem Enthusiasmus, begeisterter Kreativität und massiven Paranoia- und Depressionsattacken zu schwanken.
In Franks Welt stolpert der harmlose, junge Amateurmusiker Jon (Domhnall Gleason), der in seinem englischen Nest Rockstarträume hegt und auf der Straße nach Inspiration sucht. Zufällig steht er neben Don, dem Manager von Franks Band Soronprfbs, als sich deren Keyboarder im Meer zu ertränken versucht. Weil die Band einen neuen Keyboarder braucht, wird Jon vom Fleck weg engagiert: „Kannst du C, F und G spielen? 21 Uhr, Bühneneingang“. Jon gerät in einen katastrophal verlaufenden Gig, der mitten im ersten Stück abbricht, als die energische Synthie- und Theremin-Spielerin Clara (Maggie Gyllenhal) beginnt, auf die Schlagzeugerin Nana (Carla Azar) einzuprügeln. Aber Frank besteht darauf, den Neuzugang zu einer Aufnahmesession mitzuschleppen, und Jon, der glaubte, es ginge um einen Nachmittagsausflug, findet sich plötzlich inmitten einer seltsamen Gruppe von Leuten wieder, die vollkommen dysfunktional wirken, aber sein Selbstbild als musikalisches Talent ruckzuck ins Wanken bringen.
FRANK ist eine Komödie. Es gibt slapstickartige Szenen, es gibt einen knalligen Konflikt zwischen dem biederen Normalo Jon und den durchgeknallten Gestalten der Band, von denen Frank, trotz seines Kopfes, anfangs noch am normalsten wirkt. Frank ist entwaffnend, liebenswert, spontan, kennt aber keine Rücksicht, wenn es um die Musik geht. Er wirkt wie eine magische Figur, ein Zauberer aus dem Indie-Pop-Märchenland, der jeden um den Finger wickeln und verhexen kann und der surreale Lyrik versprüht wie eine Konfettikanone. Michael Fassbender hat offenbar großen Spaß an der Rolle, gerade weil sein Spiel ganz auf die Körpersprache und die Stimme reduziert ist. Maggie Gyllenhal als Clara wirkt, als habe sie die Figur der Upperclass-Halbgöttin, die sie in der TV-Serie THE HONOURABLE WOMAN gerade gespielt hat, mit einem energischen Kostümwechsel in die Indie-Szene übertragen. Sie verleiht ihrer Theremin-Terroristin die furchteinflößende Präsenz einer Szeneregentin, die mit einem müden Lupfen der Augenbrauen sozialen Tod bewirken kann. Hinter dem Witz scheinen aber immer wieder tiefe Abgründe auf, die Jon durch sein unbedarftes Stöbern in den Geheimnissen der Bandmitglieder verschärft. Weil er die endlosen Proben der Band für Zeitverschwendung hält, beginnt er Privatfilmchen von Konflikten und Streitereien auf youtube einzustellen, und glaubt, so die Popularität der Soronprfbs anzukurbeln. Scheinbar gelingt das auch, die Band wird zum US-Indiefestival SXSW (South by Southwest) in Texas eingeladen.
Am Ende ist FRANK ein Film darüber, wie ein braver Normalo-Idiot ohne Talent mit seiner braven Leistungsethik ein fragiles Gebilde gefährdet, das nur aufgrund seiner Fragilität Kunst produziert. Die Musik selbst ist übrigens gar nicht mal so übel, eine Mischung aus Beefheart-inspirierten Texten mit verschrobenem Indiegeschrammel und Gefiepse irgendwo zwischen Broken Social Scene und Sonic Youth.

Tom Dorow

Details

Irland/Großbritannien 2013, 95 min
Genre: Komödie
Regie: Leonard Abrahamson
Drehbuch: Peter Straughan, Jon Ronson
Kamera: James Mather
Schnitt: Nathan Nugent
Musik: Stephen Rennicks
Verleih: Weltkino Filmverleih
Darsteller: Maggie Gyllenhaal, Tess Harper, Michael Fassbender, Scoot McNairy, Domhnall Gleeson, Hayley Derryberry
FSK: 12
Kinostart: 27.08.2015

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