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Five Fingers for Marseilles.

Der in Südafrika angesiedelte FIVE FINGERS FOR MARSEILLE ist ein kluger, gut gespielter und oft schöner Film und eine starke Ergänzung des weltweiten Western-Kanons.

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FIVE FINGERS FOR MARSEILLES ist vermutlich einer der ersten Western der Welt, der aus Südafrika kommt. So unpassend das auch klingen mag, fügt sich alles von der rauen Schönheit der Landschaft bis zur Geschichte des Landes, in der der Widerstand gegen die Apartheit als Outlaw-Bewegung verurteilt wurde, perfekt in das Western-Genre ein. Im felsigen, windgepeitschten Hochland an der Grenze von Lesotho beginnt FIVE FINGERS FOR MARSEILLE mit einer Art Schöpfungsmythos: Erst kamen die Eisenbahnen, dann die Siedler, dann Städte, die Namen aus fernen Ländern trugen (Rom, Barcelona, und in diesem Fall: Marseille). Die einheimischen Bewohner werden in die Wildnis gejagt und mit Gewalt in eine Hüttenstadt namens Railway in den Hügeln oberhalb von Marseilles getrieben.

Vor diesem Hintergrund findet sich eine Gruppe junger Freunde zusammen um Railway gegen korrupte Weiße Polizisten zu verteidigen. Sie nennen sich „Five Fingers“. Sie erschaffen eine kollektive Mythologie um ihre Mission, geben sich Spitznamen wie „Lion“ oder „Priest“, bauen sich ein Versteck in den Bergen, schnitzen sich Abzeichen aus Holz, fahren auf Fahrrädern und schießen mit Steinschleudern, statt vom Pferd aus mit Pistolen zu schießen und genießen ihren jugendlichen Idealismus. Als beim Versuch, einen Freund zu retten, etwas schief geht, muss Tau (aka „Lion“) fliehen.

Zwanzig Jahre später. Das Leben hat es mit Tau nicht gut gemeint. Gerade aus dem Gefängnis entlassen, wandert er als verlorener Sohn nach dem Ende der Apartheit zurück nach Marseilles und nennt sich „Nobody“, wenn ihn jemand fragt. Das Marseilles, in das er zurückkehrt, ist zu einer Kleinstadt angewachsen und steht unter einem neuen Knüttel von Korruption und Gaunerei. Obwohl der Übergang von einer idealisierten, noblen Vergangenheit zu einer heruntergekommenen Gegenwart gerade für einen Western großes Potential bildet, hält sich der Film an dieser Stelle extrem zurück, bis zu dem Punkt, an dem die Geschichte droht, ein herkömmliches Drama zu werden, bevor sie eigentlich losgegangen ist.

Dankenswerterweise kommt die Handlung mit dem Erscheinen eines furchterregenden Gangsters namens Sepoko (aka „The Ghost“, gespielt vom fantastischen Hamilton Dlamini) dann doch in Gang. Seine Höllenfeuer-und-Schwefelbrand-Missionierung über Gut und Böse, Erlösung und Verdamnis und andere Dichotomien ist ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, in Form eines weißen und eines schwarzen Auges, und seine verqualmte, bedrohliche Präsenz gibt dem Film ein Gefühl von Dringlichkeit. Seinen Szenen gelingt es über lange Strecken, den grüblerischen Ton im zweiten Teil des Films zu vermeiden. Bei so viel Understatement im Erzählstil ist ein wenig gute altmodische Schurkerei sehr nett.
Visuell ist der Film sehr schön: Neben der dramatischen Szenerie aus umstürmten Klippen und Prärien vermitteln die Kostüme ein zeitloses Western-Bewusstsein, ohne in der modernen Umgebung deplatziert zu wirken. Viele der Standardsituationen – vor allem in der Bar von Railway und im ehemaligen Versteck der „Fingers“ – entsprechen sowohl der Konventionen der Westerntradition als auch dem Schauplatz Südafrika und fühlen sich in beider Hinsicht völlig authentisch an.

Als ein Rahmen, in dem sich Westerntropen ausspielen lassen, funktioniert der Plot, auch wenn das Tempo etwas durchhängt. Was am meisten fehlt, ist eine gründlichere Entwicklung der Hauptcharaktere, sie scheinen vor allem als Archetypen zu existieren, und wir müssen uns ihre Entwicklung von der idealisierten Kindheit bis zum heruntergekommenen Erwachsensein selbst zusammenreimen. Dennoch ist FIVE FINGERS FOR MARSEILLE ein kluger, gut gespielter und oft schöner Film und eine starke Ergänzung des weltweiten Western-Kanons.

John Peck

Details

Originaltitel: Five Fingers for Marseilles
Südafrika 2017, 120 min
Genre: Drama, Thriller, Western
Regie: Michael Matthews
Drehbuch: Sean Drummond
Kamera: Shaun Lee
Schnitt: Daniel Mitchell
Musik: James Matthes
Verleih: Drop-out Cinema
Darsteller: Zethu Dlomo, Anthony Oseyemi, Kenneth Fok, Warren Masemola
FSK: 12
Kinostart: 27.06.2019

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