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Ein Junge namens Titli

New Bollywood

Kanu Behls Debütfilm EIN JUNGE NAMENS TITLI erinnert in seiner Unmittelbarkeit und Wucht an das New-Hollywood-Kino der späten sechziger und siebziger Jahre. Er erzählt von einem jungen Mann und einer jungen Frau die raus wollen aus dem Gefängnis von Armut, Gewalt und Familie. Um jeden Preis.

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„Mann, das ist ein Traum! Den gibt’s hier nicht umsonst.“ Die Worte von Titlis Kumpel Pintu sind schnell gesagt, hallen aber umso länger nach, besonders wenn klar geworden ist, was sie für die titelgebende Hauptfigur wirklich bedeuten. Sie bedeuten eben viel mehr als die 300.000 Rupien, die Titli (Shashank Arora) irgendwie auftreiben muss, um in das Geschäft mit dem sechsstöckigen Parkhaus einzusteigen, das da als hässlich-schiefer Betonklotz in der Landschaft herumsteht und das für Titli so viel mehr symbolisiert als die Hoffnung auf ein aussichtsreiches Geschäft, mehr als die materielle Unabhängigkeit von seiner Familie, mehr als der aussichtsreiche Start eines jungen Menschen in die Selbstständigkeit. Für ihn ist das Parkhaus die einzige Chance aus seinem alten Leben zu entkommen, das er vollkommen nachvollziehbar als „Hölle“ bezeichnet.

Der Junge namens Titli lebt mit seinen beiden älteren Brüdern Vikram (Ranvir Shorey), Baawla (Amit Sial) sowie ihrem Vater (Lalit Behl) in einer winzigen Behausung in Dehli. Den Lebensunterhalt verdient sich die Familie mit Autodiebstählen, bei denen sie rücksichtslos und brutal vorgehen. Unter den Augen des schweigenden alten Familienoberhaupts tyrannisiert der cholerische Vikram zudem unablässig seine Umgebung, was Titli stumm leidend erträgt, obwohl er hier kaum mehr als das Leben eines Sklaven führt. Dass ihm seine früh verstorbene Mutter einen Namen gegeben hat, der übersetzt „Schmetterling“ bedeutet, wirkt in diesem Kontext wie der blanke Hohn. Denn Ausbruchsversuche des jungen Mannes laufen ins Leere, enden ins Sackgassen, sind stets mit neuen gewalttätigen Ausbrüchen und Rückschlägen verbunden. Doch der introvertierte Titli besitzt einen schier unbändigen Willen, scheint sich tatsächlich derart in seinem Kokon eingesponnen zu haben, dass er jeder noch so großen Demütigung standhalten kann. Und er ist bereit, jeden Preis für seine Freiheit zu zahlen.

Als ihn seine Brüder mit Neelu (Shivani Raghuvanshi) verheiraten, um ihn noch fester an die Familie zu binden, scheint sich Titli seinem Schicksal endgültig fügen zu müssen. Doch die junge Frau stellt sich bald als Leidensgenossin Titlis heraus, die selbstbewusst von einem Leben mit ihrem Liebhaber Prince (Prashant Singh) träumt, der ihr versprochen hat sich für sie von seiner Frau scheiden zu lassen. Auch sie will raus aus ihrem jetzigen Leben. Die Schicksalsgemeinschaft der beiden wird zum Zweckbündnis, das sie schließen, um mit einem gemeinsamen Plan endlich die gesellschaftlich-vorgezeichnete Hölle hinter sich zu lassen und einen Weg aus dem systematischen Teufelskreis zu finden.

Kanu Behls Debütfilm EIN JUNGE NAMENS TITLI erinnert in seiner Unmittelbarkeit und Wucht an das New-Hollywood-Kino der späten sechziger und siebziger Jahre. Er erzählt von einer klaustrophobischen Umgebung, einem patriarchalischen System aus Gewalt und Ausweglosigkeit, und wirkt mit seinem düsteren Pessimismus wie eine verächtliche Antwort auf die eskapistisch-bunte Märchenwelt des weltweit dominierenden Bollywood-Kinos.
Dabei spiegelt er im Mikrokosmos von Titlis Welt die indische Gesellschaft, aus der wir seit einigen Jahren immer wieder neue Schreckensnachrichten von barbarischen Verbrechen und Brutalität hören müssen und zeigt nachvollziehbar auf, wie wenig es in diesem korrupt-repressivem System braucht, das Sadismus und Mitleidlosigkeit nicht nur duldet sondern fördert, um das unter der Oberfläche brodelnde Aggressionspotential immer wieder aufs Neue zu aktiveren und jeglichen Fortschrittsglauben zunichte zu machen.
Besonders durch die starke Charakterisierung seiner Figuren, die Behl mit wenigen, oftmals beiläufigen Gesten und Dialogen erreicht, wird dieses nachdrückliche Filmdebüt zu einem filmisch-narrativen Gegengewicht, das dem Kino aus Indien einen bemerkenswerten und überfälligen sozialen und ästhetischen Aspekt abringt.

Jens Mayer

Details

Originaltitel: Titli
Indien 2014, 124 min
Genre: Drama, Krimi, Thriller
Regie: Kanu Behl
Drehbuch: Sharat Katariya, Kanu Behl
Kamera: Siddharth Diwan
Schnitt: Namrata Rao
Musik: Karan Gour
Verleih: Rapid Eye Movies
Darsteller: Ranvir Shorey, Shashank Arora, Lalilt Behl, Shivani Raghuvanshi, Amit Sial
FSK: 16
Kinostart: 28.05.2015

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