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Egon Schiele

Blutjunger Rebell

In seinem Biopic entwirft Dieter Berner nicht nur ein Porträt des charmanten, getriebenen, sensiblen Künstlers, der zu den wichtigsten Malern der Wiener Moderne gehört, sondern beschwört ein Gefühl des jugendlichen Aufbrechens, dass er die „Landnahme“ jeder neuen Generation nennt.

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Egon Schiele zieht oft um. Von der Stadt aufs Land, zurück in die Stadt, woanders hin aufs Land, endgültig in die Stadt. Mit dabei ist immer ein riesiger Spiegel. Schiele nutzt ihn für die zahlreichen Selbstporträts, aber auch in den Sitzungen mit Modellen spielt er eine wichtige Rolle. Manchmal hält Schiele sogar mitten beim Tête-à-Tête inne, wenn der Spiegel auf einmal ein attraktives Arrangement zeigt, das gezeichnet werden muss. Der Spiegel ist in gewisser Weise Schieles immerfort beobachtendes Malerego. Zeichnen, seinen Blick auf die Welt festzuhalten, egal, was andere von ihm denken, ist für Schiele wichtiger als Anerkennung, wichtiger als Sex, wichtiger als alles.

Egon Schiele wurde nur 28 Jahre alt und zählt dennoch zu den wichtigsten Malern der Wiener Moderne. Bekannt ist er vor allem für seine Aktzeichnungen, bei denen die Modelle, meist Frauen oder Mädchen, oftmals anstrengende, unnatürliche Posen einnehmen. Die großen Hände fallen auf und die ausgemergelten Körper und Gesichter. Die dominanten Linien des Jugendstils sind noch präsent, aber auch schon die groteske Überzeichnung und Verzerrung, die das Merkmal des Expressionismus werden sollte. EGON SCHIELE konzentriert sich auf die letzten zehn Jahre von Schieles kurzem Leben. Schiele ist noch nicht einmal Zwanzig, hat aber bereits seine Wunderkind-Karriere auf der Akademie geschmissen und mit befreundeten Künstlern die Wiener „Neukunstgruppe“ gegründet. Seine Aktmodelle findet er in den Varietés des Praters oder er malt seine Schwester Gertrud. Die Künstlermischpoke pfeift auf Konventionen. Das Geld ist knapp, aber das Gefühl von Freiheit und Aufbruch vor dem 1. Weltkrieg, das auch Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“ beschreibt, ist berauschend. Es wird mindestens ebenso viel gefeiert wie gemalt, man posiert nackt, lebt in Kommunen und trägt seine Unkonventionalität stolz nach außen. Die alte Welt des Kaiserreichs muss weg, eine neue, ehrlichere muss her.

Was schon in der Stadt Verdacht erregt, wird auf dem Land so missbilligt, dass Schiele immer wieder weiter ziehen muss. Die Situation eskaliert, als der Maler, der auch sehr junge Mädchen in fast pornografischen Posen malt, in Neulengbach angeklagt wird, ein 14-jähriges Mädchen entführt und missbraucht zu haben. Der Vorwurf wird später fallen gelassen, aber Schiele sitzt fast einen Monat in Untersuchungshaft und gibt nach dieser traumatischen Erfahrung sowohl die Kinderakte als auch das Landleben auf. Zu dieser Zeit ist Schiele bereits mit seinem Lieblingsmodell Wally Neuzil (Valerie Pachner) zusammen, die auch während des Prozesses hinter ihm steht. Die sensibel gezeichnete Beziehung zwischen Künstler und Modell ist das Herzstück von EGON SCHIELE. Hier sind zwei, die einander gewachsen sind und einander verstehen. Anders als für Schieles spätere Ehefrau Edith, ist die Kunst für Wally keine Konkurrentin, ist es kein Widerspruch für sie, in der einen Minute Modell, in der anderen Geliebte zu sein. Im Gegenteil, das eine scheint fließend ins andere überzugehen. Wally ist auch Geschäftspartnerin, liefert Bilder aus und sammelt Geld ein. Als Schiele bei Kriegsausbruch die reiche Nachbarstochter heiratet und Wally den Kontakt abbricht, ist das nicht nur das todtraurige Ende einer Beziehung, die die Moderne vorwegnimmt, sondern das Ende einer Epoche der Freiheit.

In seinem Biopic entwirft Dieter Berner nicht nur ein Porträt des charmanten, getriebenen, sensiblen Künstlers, sondern beschwört ein Gefühl des jugendlichen Aufbruchs, dass er die „Landnahme“ jeder neuen Generation nennt. Ganz bewusst arbeitet er mit sehr jungen Schauspielern und wenig bekannten Gesichtern. Die Hauptrolle selbst wird bravourös vom 25-jährigen Noah Saavedra gespielt, der zuvor nur einmal als Snowboarder in SPECTRE zu sehen war. Schiele ist seine erste richtige Filmrolle überhaupt, aber sicher nicht seine letzte.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Egon Schiele: Tod und Mädchen
Österreich/Luxemburg 2016, 110 min
Genre: Biografie, Drama
Regie: Dieter Berner
Drehbuch: Dieter Berner, Hilde Berger
Kamera: Carsten Thiele
Musik: André Dziezuk
Verleih: Alamode Film/Filmagentinnen
Darsteller: Valerie Pachner, Maresi Riegner, Noah Saavedra, Marie Jung, Elisabeth Umlauft
FSK: 12
Kinostart: 17.11.2016

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