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Berlinale Wettbewerb: Drei Dodos gegen das Internet

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Sind wir ehrlich: Es laufen viele Filme auf der Berlinale, die sicherlich zu den brennenden Themen unserer Zeit Wichtiges zu sagen haben, als Erlebnis aber eine eher dröge Erfahrung sind. Und dann gibt es auf der anderen Seite die Filme des Regieduo Benoît Delépine & Gustave de Kervern, in denen relativ kaputte Menschen (Ah ja. Der moderne Mensch! Er leidet!) in Konflikt mit dem modernen Lebens (Ah, ja, die Moderne. Ich habe immer vor ihr gewarnt!) geraten. Zum Beispiel werden sie arbeitslos und begeben sich dann auf eine Reise, um mit dem Problem mehr (MAMMUTH: Brav mit dem Motorrad losfahren, um die Jahrzehnte alten Gehaltsabrechnungen zu holen.) oder weniger (LOUISE HIRES A CONTRACT KILLER: Auftragsmörder anheuern) konstruktiv umzugehen. Dabei durchlaufen die Held*innen dann zunehmend absurde Situationen, bis sie schließlich bei einem nicht all zu bittersüßen Happy End landen. Delépine & de Kervern schaffen es dabei meist, die Balance zwischen mitleiderregenden, tragischen Charakteren und den amüsanten Situationen, in die sie geraten, zu halten. Dabei schwankt die Balance aber heftig, wie eine Wippe, die von einem hyperaktivem Geschwisterpaar genutzt wird, zumal die Charaktere immer auch selbst eine kuriose Macke oder zwei haben.

Bei EFFACER L’HISTORIQUE ist das moderne Dilemma, mit dem die tragischen Held*innen kämpfen, dass sie die Möglichkeiten des Internets zwar lieben, ihm aber auch hilflos gegenüber stehen, wenn es Probleme gibt. Marie hat zum Glück keine Probleme, oder zumindest keine, an denen sie ihre Freunde teilhaben lässt. Arbeitslos und ohne Qualifikationen, erzählt sie allen, dass sie ihrem Sohn zum 15. Geburtstag etwas Teures kaufen wird, überbringt die Glückwünsche dann aber nachts, überraschend und im Vollrausch, weil ihr Sohn schon länger beim Vater lebt. Dem sie dann aber noch schnell den teuren Schinken aus dem Kühlschrank klaut. Am nächsten Morgen hat sie einen mächtigen Kater und einen Anruf, dass der Typ, den sie nach dem Schinkendiebstahl abgeschleppt hat, nun ein Sextape von ihr hat und es teuer wird, wenn sie die Achtung ihres Sohnes behalten will. Und soviel Geld ist nicht schnell verdient, auch nicht auf Ebay (oder einem markenrechtlich nicht geschütztem Äquivalent). Ihr Kumpel Bertrand versucht dagegen, ein Video seiner Tochter aus dem Internet zu entfernen, mit dem eine Mitschülerin sie mobbt. Aber seine Briefe an Facebook werden nicht beantwortet, und sein einziger Trost sind die regelmäßigen Anrufe der Telemarketerin Miranda. Mit der könnte er sich eine Zukunft vorstellen, aber sie will immer nur von Wintergärten reden. Und Christine hat als Privattaxi das Problem, dass sie, egal wie sehr sie sich anstrengt, immer nur Ein-Stern-Bewertung von ihren Fahrgästen bekommt. Klicks kann sie aus Indien kaufen, aber Freunde hat sie doch. Und da die drei ehemaligen Gelbwesten es schon mit einem übermächtig scheinenden Feind aufgenommen haben, werden sie es mit den Datenkraken doch auch schaffen.

Spoiler Alert: Jein. Fast. Trotzdem gibt es ein Happy End. Und vielleicht das Ende der Welt. Aber das ist eine Frage der Perspektive. Gott hat damit zu tun. Und ein Esel. Und der Dodo.
In anderen Worten: EFFACER L’HISTORIQUE ist der wunderbar überdrehte Spaß, den man sich von Delépine & de Kervern erhofft, mit vielen Cameos ihrer Stammschauspieler, und einer hoffnungsvollen Message für das nächste Mal, wenn man beim Internet-Provider in der Warteschleife hängt.

Christian Klose

Details

Originaltitel: Effacer l'historique
Frankreich/Belgien 2020, 110 min
Sprache: Französisch
Genre: Komödie
Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern
Drehbuch: Benoît Delépine, Gustave Kervern
Kamera: Hugues Poulain
Schnitt: Stéphane Elmadjian
Verleih: X Verleih
Darsteller: Blanche Gardin, Denis Podalydès, Corinne Masiero, Yolande Moreau
Kinostart: 28.10.2021

Vorführungen

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