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draussen

Herzkissen, ungeschützt

Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht porträtieren vier Männer, die keinen festen Wohnsitz haben.

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Verschämt blickt man weg, wenn der Blick auf die Habseligkeiten eines Menschen fällt, der im öffentlichen Raum lebt. Die Konfrontation mit der sehr dünnen Membran, die jene Nichtsesshafte umgibt, die ungeschützt, ohne Mauern, die Privatsphäre herstellen würden, ihrem Alltag nachgehen, löst die unterschiedlichsten Emotionen aus. Angst, auch so zu „enden“, Mitleid, Aggression, Arroganz, den Impuls der Verdrängung.
Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht haben sich sehr genau mit der ethischen und konzeptionellen Ebene ihrer Arbeit beschäftigt, vier Männer, die keinen festen Wohnort haben, zu porträtieren. Sie haben sich entschieden, jedem ihrer Protagonisten ein Set zu bauen, in dem deren Besitztümer zur Requisite werden. Diese erhalten dadurch ein Eigenleben, entfalten eine fast geisterhafte Existenz. Das Herzkissen, das Elvis von seiner früh verstorbenen, großen Liebe geschenkt bekommen hat, atmet vierzig Jahre Sehnsucht, ein Foto, auf dem Peter als junger Karnevalsprinz abgebildet ist, unzählige Stunden Erinnerung. Aufgeladen mit Geschichten erzählt das wenige Hab und Gut durch die einfühlsame und präzise Bildgestaltung von Sophie Maintigneux fast mehr über ihre Besitzer, als diese selbst. Die Gegenstände scheinen von innen heraus zu leuchten und Signale abzusenden. Die Regisseurinnen hören freilich auch zu. Wir erfahren von zerbrochenen Familien, dem harten Überleben auf der Straße, von Drogen und Strich, von geplatzten Träumen vom schnellen Geld und verlorener Liebe. Zu keinem Zeitpunkt geben sie jedoch die Menschen vor der Kamera dem Spektakel preis. Im Gegenteil: die Inszenierung gibt ihnen ihren persönlichen Raum zurück. Man spürt, dass neben dem Schicksal, auch eine bewusste Wahl darin liegt, sich dem Draußen zu stellen. Dazu gehört Mut und die Fähigkeit, auf sich selbst zu vertrauen.

Susanne Kim

Details

Originaltitel: Draußen
Deutschland 2018, 80 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht
Drehbuch: Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht
Kamera: Sophie Maintigneux, Marie Zahir
Schnitt: Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht
Verleih: Real Fiction
FSK: 12
Kinostart: 30.08.2018

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