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Die Magnetischen

Illusionslosigkeit und Pop

Anfang der 80er experimentieren Jerôme und sein Bruder Philippe in einer französischen Kleinstadt mit einem Piratensender. Dann wird Philippe zum Militärdienst eingezogen und kommt in die große Grenzstadt Berlin.

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Die Brüder Jerôme und Philippe betreiben 1981 eine Piratenradiostation auf dem Dachboden der Autowerkstatt ihres Vaters in einer französischen Provinzstadt. Der draufgängerische Jerôme ist der DJ, der schüchterne Philippe besorgt die Technik und bastelt avantgardistische Soundcollagen. Wenn Jerôme besoffen ist, schleppt Philippe ihn ins Bett. Dann wird Philippe zum Militär eingezogen und landet im französischen Sektor Berlins. Über einen Freund findet er einen Job beim BFBS, dem British Forces Broadcasting Service, in den achtziger Jahren die wichtigste Radiostation in Nordwest-deutschland und Berlin für Fans von neuer Pop-Musik. Erst beim Urlaub in seiner Heimatstadt erkennt er die Hoffnungslosigkeit seines Bruders und seiner Freunde.

Als DIE MAGNETISCHEN bezeichnet Regisseur Vincent Maël Cardona die Generation der letzten Baby Boomer, die zwischen 1958 und 1965 geborene „No Future“-Punk- und Postpunk-Generation, die in den frühen 80er Jahren um die 20 gewesen sind. Das ist meine Generation. Magnetisch war der Tonkopf analoger Aufnahmegeräte, mit denen wir Pop auf Mix-Kassetten aufnahmen und verteilten, als Mittel zur Liebeserklärung und zur Statusbehauptung, zum Beleg des Bescheidwissens. Die liebevoll selbstgebastelten Kassetten, die Philippe von seiner Angebeteten Marianne zum Abschied bekommt: So lief das.

Cardonas, geboren 1980, sieht Parallelen zwischen der Generation von 1981 und heute. Als das Verbindende der Postpunk-Generation und der aktuellen versteht Cardonas die Illusionslosigkeit, damals angesichts der Enttäuschung über die etablierte Politik und die 68er, heute aufgrund des Versagens der Parteien in der Klimakrise. Er beobachtet in den frühen achtziger Jahren, die ja tatsächlich noch für viele Jüngere ein kultureller Referenzpunkt ist, eine gewaltige kreative Explosion, während sich die Jugendkultur von der Politik abwandte und der (Pop-)Kultur zuwandte. Das mag für die damalige Zeit richtig sein, aber eine kulturellen Kreativitätsexplosion von unten gibt derzeit wohl kaum. Punk und New Wave dominierten damals die Hitparaden, wo sich heute fast nur professionelle Werke von hochbezahlten mittelalten Produzenten- und Autorenteams finden. Es ist eher, als hätte sich die Stadionrockkultur der siebziger Jahre endgültig durchgesetzt: Konservativer Retro-Pop regiert.

Philippe, der den Film als eine Art Botschaft an den älteren Bruder Jerôme erzählt, feiert nicht mit seinen Freunden, als mit Francois Mitterand endlich ein Sozialist französischer Staatspräsident wird, er sagt: „Ich war für Giscard“. Das wäre 1981, auch in der Punk/New-Wave-Szene, nicht durchgegangen. Politik durfte einem egal sein, aber konservativ/rechts-liberal ging damals nicht. Wir waren auch nicht unpolitisch. Die Grünen (bzw. die Alternative Liste in Berlin) wurden 1983 vor allem mit den Stimmen der Erstwähler*innen gewählt. 1981 kam es zu den ersten militanten Jugendaufständen, zuerst bei der Bremer Rekrutenvereinigung und in der Züricher, etwas später in der Berliner Hausbesetzerbewegung. Die Politik war halt nicht auf das Parlament ausgerichtet. Zugegeben: Die Musikszene und die Politszene hatten nicht viel miteinander zu tun, teilweise widersprachen sich Mode, Ausdrucksformen und Stile. Im Dschungel, dem zentralen Club der Zeit, trug man Retro-Anzüge und -Kleider, mit denen man sich nicht auf Besetzer-Demos sehen lassen durfte. Viele wechselten von der Polit- in die Musikszene. Ich auch, es ging in den Clubs entspannter zu, machte mehr Spaß und die Leute waren hübscher. Aber 1981 ging noch vieles durcheinander und konservativ durfte man nirgendwo sein. Wir verteilten Flugblätter: „Jugend ´81 – Dumm und gewalttätig“ und fanden das beides gut.

Ironische Re-Signifikation von Nazi-Symbolik als Provokation war en Vogue. Joy Division, die sich nach Zwangs-Bordellen in Nazi-KZs benannt hatten, wurden zunächst mindestens in Deutschland für eine rechtsextreme Band gehalten. Dabei ging es vor allem um einen zynischen Kommentar zum Superstarkult der älteren Hippies und des Stadionrocks: Eure Rockgötter sind die Faschisten von heute.

Wenn Jerôme zu Beginn des Films „Decades“ von Joy Division auflegt, fällt er genau in den pathetischen Ton der Rockkritiker und älteren Brüder, die mit (Post-)Punk nichts anfangen konnten, und stattdessen noch an Eric Clapton und Jethro Tull hangen, die kurz zuvor mit völlig unironisch rechtsextremen Sprüchen auftraten – wie übrigens auch David Bowie, dem schneller vergeben wurde. Das Joy Division-Konzert sei der „letzte Aufschrei eines Engels, den der Himmel zu sich berufen hat, und der uns mit dem Gefühl zurücklässt, einen Gott verloren zu haben“ sagt Jerôme. So hätte kein Joy Division-hörender, normaler Mensch 1981 über Ian Curtis geredet. Die Idee von Punk war gerade, diesen Vergötterungs-Kitsch vom Tisch zu fegen. Curtis war ein Typ, der nach der Schule einen miesen Job bekommen hatte, an Epilepsie erkrankte, depressiv wurde und sich das Leben nahm, bevor Joy Division größeren Erfolg hatte. Die Rockpropheten-Erzählung kehrte erst mit Kurt Cobain und Grunge zurück, teilweise auch mit Hip Hop und Tupac Shakur, R’n’B und Aaliyah.

Die desillusionierte Zeitstimmung und die kreative, experimentelle Kulturexplosion erfasst DIE MAGNETISCHEN sehr stimmig. Philippes Toncollagen, die im Film hier im Affenzahn mit Tonband-Loops und Feedback improvisiert werden, sind hinreißend, obwohl klar ist, dass diese Art von Frickelei Stunden gedauert haben muss. Selbst mit den Digital Audio Workstations von heute geht das nicht so zackig. Seine Desillusion bei der Heimkehr ins französische Provinzkaff, die Erschütterung über die Kaputtheit des älteren Bruders – Heroin tötete damals regelmäßig Leute, die man kannte – das war so. Die Flucht ging damals in die Großstädte und in die Berliner Clubs, die sich in Schöneberg, Kreuzberg und dem Berliner Westen befanden, nicht im Osten, wie der Film erzählt. Wohin sie heute gehen soll, ist eine andere Frage.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Les magnétiques
Frankreich/Deutschland 2020, 98 min
Genre: Drama
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona
Kamera: Brice Pancot
Schnitt: Flora Volpelière
Musik: David Sztanke
Verleih: Port-Au-Prince Pictures
Darsteller: Thimotee Robert, Marie Colomb, Joseph Olivennes, Meinhard Neumann
Kinostart: 28.07.2022

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Die Magnetischen

(Les magnétiques) | Frankreich/Deutschland 2020 | Drama | R: Vincent Maël Cardona

Anfang der 80er experimentieren Jerôme und sein Bruder Philippe in einer französischen Kleinstadt mit einem Piratensender. Dann wird Philippe zum Militärdienst eingezogen und kommt in die große Grenzstadt Berlin.

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