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Die getäuschte Frau

Alptraumwandlerisch

DIE GETÄUSCHTE FRAU ist mit seiner rastlosen Kamera, seiner sprunghaften Montage und seinen oft trostlosen Settings sicherlich kein Film, der es seinem Publikum einfach machen will, aber gerade deswegen ist er so unglaublich stark. Anstatt den Versuch zu unternehmen, die Tragödie einer Frau restlos zu ergründen, nimmt uns Sacha Pollak mehr als einmal den Halt unter den Füßen.

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"Jeder will immer irgendwo anders sein", sagt der junge Mann, den Nina als Anhalter mitgenommen hat, und der nun versucht, die wortkarge, seltsam distanzierte Frau in ein Gespräch zu verwickeln. Zu einer zwanglosen Unterhaltung, einem Austausch, oder gar einem Kennenlernen kommt es aber nicht, und so bliebt diese kurze Begegnung eine von vielen folgenlosen auf Ninas Weg. Was nachhallt ist die Aussage des Mannes, denn Nina will scheinbar auch immer irgendwo anders sein, weiterreisen, wegfahren und strandet dabei doch immer wieder in neuen Niemandsländern. Zuvor sah man die Frau selbst trampen, in Lkws einsteigen, trinken, kotzen und verzweifeln. Ihr Leben in vernebelten Transiträumen, in den merkwürdig ephemeren Welten von Autobahnraststätten, deren Bars, Restaurants und Hotels, begleiten wir mit einer seltsamen Faszination für die ungeklärte und unerzählte Geschichte einer offenbar Verwundeten. "Things aren't going my way" brüllt Nina dann irgendwann zusammen mit dem Sänger einer Kneipe, deren Bühne sie im Rausch betritt. Weshalb es für die Frau nicht gut läuft wird uns aber nur häppchenweise, manchmal magisch verfremdet oder kunstvoll elliptisch mitgeteilt. ZURICH, so der passende Originaltitel zum unpassenden deutschen Verleihtitel DIE GETÄUSCHTE FRAU, beginnt mit dem zweiten Teil ("Hund") und widmet sich nach 50 Minuten in einem ersten Teil ("Boris") der Vorgeschichte.

Vieles bleibt dennoch bis zum Ende offen in Sacha Pollaks zweitem Langfilm nach HEMEL, in dem die niederländische Regisseurin bereits meisterhaft mit Leerstellen und Fragezeichen die Geschichte einer jungen Frau im Umbruch erzählte. ZURICH beginnt mit einem von Chorgesang unterlegten Prolog, in dem wir Nina bei ihrem an einer Landstraße entgleisten Auto stehend sehen. Vor ihr ein Gepard, der sie beobachtet, anfaucht, dann ein Schnitt. Das irrational wirkende Verhalten seiner Hauptperson spiegelt sich bei Pollack in der anfänglichen Desorientierung in Zeit und Raum und der Wahl von Orten des Fernverkehrs als Schauplätzen des persönlichen Dramas. Wende Snijders, die diese Nina mit Haut und Haar verkörpert, und auf deren Präsenz sich der Film bis zum letzten Moment verlassen kann, ist als Hauptdarstellerin eine überraschende Offenbarung. Überraschend deshalb, weil man sie bis dato noch nie in einer Hauptrolle gesehen hatte, sondern sie vielmehr als schillernde Pop- und Chansonsängerin kannte, die mal blond, mal brünett, aber doch immer irgendwie glamourös von Promo-Bildern in die Kamera guckte. Hier schlüpft sie nun ungeschminkt, dabei fast unkenntlich und im Spiel vollkommen uneitel in die Rolle einer Frau, die sich im ständigen Halbdunkel durch eine Parallelwelt treiben lässt, um irgendwann alptraumwandlerisch ins kalte Wasser zu tauchen, wo sie einen Teil ihrer Vergangenheit erblickt. In Snijders's Gesicht spiegelt sich dabei von Ende bis Anfang der ewige Kampf zwischen dem Willen weiterzuleben und der Unmöglichkeit vergessen zu können. Wenn wir im zweiten Teil des Filmes von ihrer Familie erfahren, rollt sich ihre Flucht in die Lebensräume der Fernfahrer noch einmal ganz neu auf.

ZURICH ist mit seiner rastlosen Kamera, seiner sprunghaften Montage und seinen oft trostlosen Settings sicherlich kein Film, der es seinem Publikum einfach machen will, aber gerade deswegen ist er so unglaublich stark. Anstatt den Versuch zu unternehmen, die Tragödie einer Frau restlos zu ergründen, nimmt uns Sacha Pollak mehr als einmal den Halt unter den Füßen. Nach 84 Minuten wird klar was es bedeutet, immer irgendwo anders sein zu wollen, aber auch, dass dieses "irgendwo anders" vielleicht gar keinen Ort hat.

Toby Ahraf

Details

Originaltitel: Zurich
Deutschland/Niederlande/Belgien 2015, 86 min
Genre: Drama
Regie: Sacha Polak
Drehbuch: Helena van der Meulen
Kamera: Frank van den Eeden
Schnitt: Axel Skovdal Roelofs
Verleih: Zorro
Darsteller: Barry Atsma, Sasha Alexander, Walera Kanischtscheff, Sascha Alexander Geršak, Tristan Göbel, Eva Duijvestein, Wende Snijders
FSK: 12
Kinostart: 30.07.2015

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