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Die geliebten Schwestern (Director's Cut)

Die ménage à trois als Traum und Utopie: Der Film erzählt vom Liebesdreieck zwischen dem nach Thüringen exilierten jungen Friedrich Schiller und den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld, denen der Dichter in Weimar begegnete.

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DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
Versuch einer Utopie
Dominik Graf ist ein Solitär im deutschen Kino. Seit seinen Anfängen als Regisseur hat er über sechzig Filme realisiert, machmal drei in einem Jahr, die allermeisten davon für’s Fernsehen. Unübersehbar ist ein Hang zum Genre, dem polizeilichen im Besonderen. Gerade in dem, was er selbst nicht ohne Liebe "Konfektionsware" nennt, gelingt es ihm in steter Regelmäßigkeit immer wieder skandalisierte Filme zu machen, die so im deutschen Fernsehen niemand sonst machen kann, will auch heißen: darf. (Im Grafschen O-Ton: "Schmuggelware hoch zehn") Dass Genre bei Graf nicht exklusiv oder im Gegensatz zum Autorenkino, insbesondere jenem der 60er und 70er Jahre gedacht wird, davon zeugen seine Filme ebenso, wie auch Texte in der Süddeutschen und FAZ, Ausweise einer breitgestreuten filmhistorischen Leidenschaft.

DIE GELIEBTEN SCHWESTERN, nach fast einem Jahrzehnt wieder eine Rückkehr ins Kino (und in den Wettbewerb der Berlinale), kreist um eine den Lücken der historischen Überlieferung abgetrotzte Fiktion. Als Mikroepos über zweieinhalb Stunden erzählt der Film vom Liebesdreieck zwischen dem nach Thüringen exilierten jungen Friedrich Schiller und den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld, denen der Dichter in Weimar begegnete. Ein unbeschwerter Sommer bei den Lengefelds in Rudolfstadt, für den der Film sich alle Zeit nimmt, die er braucht, erzählt von der Anbahnung einer Leidenschaft zu dritt, die sich nicht teilen lässt. Die Pläne über ein Leben und Lieben zu dritt, die dabei geschmiedet werden, geben zugleich die Fallhöhe vor, die die Zeiten für die Figuren bereithalten. Die verheißene Dreisamkeit ist für alle eine utopische: Sie richtet sich gegen die Standeserfordernisse, die Caroline in eine Vernunftehe zur Rettung der nach dem Tod des Vaters düsteren ökonomischen Verhältnisse gedrängt haben. Sie vermischt sich mit den Versprechungen der Französischen Revolution, die Schiller wie so manchen Zeitgenossen auf ein anderes Deutschland hoffen ließen, und von deren Exzessen er sich erschrocken abwenden wird. Sie rührt an eine Art Urversprechen des Zueinanderstehens, dass die jugendlichen Schwestern sich einst unter einem Wasserfall gaben, einer Szenerie, an die der Film mehrfach zurückkehrt. Schiller wird die jüngere Charlotte heiraten, weniger als Entscheidung für eine der beiden Schwestern, denn als Möglichkeit ihrer Dreisamkeit ein eigenes Exil zu schaffen.
Das ist Grafs Erzählung, ganz wörtlich: dem auktorialen Off-Erzähler verleiht er selbst die Stimme. DIE GELIEBTEN SCHWESTERN sind dabei aber keine alternative Geschichtsschreibung, sondern der Versuch, eine Epoche deutscher Geschichte durch ein imaginiertes Sehnen gleichsam von innen auszuleuchten. Dass dieses ambitionierte Vorhaben tatsächlich glückt, liegt so sehr an Grafs Geschichte, wie an den ästhetischen Entscheidungen, die ihre Erzählung ermöglichen. Man darf den Film getrost als Opus Magnum auf halber Strecke wahrnehmen.

In DAS GELÜBDE von 2007, Grafs Film über Clemens von Brentanos innige Begegnung mit einer Stigmata erleidenden Nonne, dem bemerkenswertesten seiner bisherigen period pieces, war die Historizität als irritierend-faszinierendes Spiel aus Nähe und Distanz, Naturalismus und verfremdendem Bruch angelegt. DIE GELIEBTEN SCHWESTERN erzählt sich vordergründig stärker über das Anschmiegen an historische Oberflächen. Am markantesten ist dabei eine Lust am Text: GELIEBTE SCHWESTERN erzählt sich als eine Art filmischer Briefroman. Der Brief ist die Form des Versprechens, die der im Moment bleibenden Begegnung vorauseilt und nachhallt. Es wird im Bild geschrieben, gelesen, versiegelt und geöffnet, in die Kamera rezitiert. Schrift fungiert als Medium zur Darstellung der Zirkulation libidinöser Energien ebenso wie politischer. Als ästhetische Strategie verbringt der Film auch viel Zeit mit der zeitgenössischen Entwicklung des Buchdrucks. Einmal zeigt Schiller Charlotte begeistert die französische Satzschrift Didot, die ungleich lesbarer ist als die deutsche Frakturschrift. In den Fortschritten des Buchdrucks liegt ein Versprechen von Bildung und Aufklärung.
Graf erzählt die schwierige ménage à trois dabei in engem Zusammenspiel mit der Ernüchterung über die politische Großwetterlage. Mit der Verdüsterung der Lage werden auch die Sprünge und Ellipsen in der Erzählung größer. Bedroht ist das Glück dabei weniger von einer direkten Einwirkung äußerer Verhältnisse. Es ist ein anschwellender Zorn über die uneingelösten Versprechen, die man sich und einander doch selbst gegeben hat, der sich in die Intimität einnistet. Jenem Intimitätsraum, der zugleich tatsächlich intim ist und für eine gesellschaftliche Gefühlslage steht.

Dass Grafs hochzielendes poetisches Projekt eines Erzählens von deutschen Verhältnissen den Fallstricken einer Nationalmythologie entgeht, hat damit ebenso zu tun wie mit einer anderen Verschiebung: Was die in seinem Werk immer wieder aufscheinende Nostalgie (zuletzt etwa im Münchner Gentrifizierungs-Tatort) dabei von einer schlichten Verfallsgeschichte unterscheidet, ist, dass bei Graf nicht einer vermeintlich glänzenderen Vergangenheit nachgehangen wird. Im Glück vergangener Momente findet eine Trauerarbeit statt, für eine historisch gewordene Zukunft, die sich nicht eingestellt hat.

Sebastian Markt

Details

Originaltitel: Die geliebten Schwestern
Deutschland / Österreich 2013, 139 min
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf
Kamera: Michael Wiesweg
Schnitt: Claudia Wolscht
Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem
Verleih: Senator
Darsteller: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner

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