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Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen

„Vergessen, was wir nicht gesehen haben“

Peter/Piotr kehrt aus England nach Polen zurück, um zu heiraten. Bei den Festvorbereitungen wird ein Skelett entdeckt. Alle ignorieren den unheimlichen Fund. Ein atmosphärischer Horrorfilm und einer der klügsten und eindringlichsten Filme über die blinden Stellen in der polnischen, deutschen und jüdischen Geschichte.

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Ausnahmsweise ist der deutsche Titel von Marcin Wronas Film treffender als der Originaltitel, denn ein DEMON ist es gerade nicht, von dem Piotr an seinem Hochzeitstag besessen wird. Ein Dibbuk ist kein Dämon, sondern der Geist eines oder einer Toten, der in den Körper von Lebenden fährt. Dibbuks tauchen in der jüdischen Folklore und Literatur häufig auf. Wronas Film orientiert sich vor allem an Salomon Anskis Theaterstück von 1916, in dem eine junge Braut mit einem reichen Kaufmannssohn statt mit dem ihr bestimmten Talmudschüler verheiratet werden soll. Der Talmudschüler stirbt aus unerfüllter Liebe – und wegen der magischen Praktiken, die er angewendet hat, um das Schicksal zu wenden – und manifestiert sich am Hochzeitstag als Dibbuk im Körper der Braut. Die Sünde, die den Dibbuk letzlich heraufbeschwört, liegt eine Generation zurück: Der Vater der Braut hatte dem inzwischen ebenfalls verstorbenen Vater des Talmudschülers versprochen, dessen ungeborenen Sohn mit seiner ungeborenen Tochter zu verheiraten. Auch in Ber Horowitz‘ Geschichte „Der Dibbuk“ findet das Skandalon, wie in Marcin Wronas Film, in der Hochzeitsnacht statt. Statt an ihren jüdischen Ehemann denkt die Braut im Augenblick der Empfängnis an einen Goy, obendrein einen Schweinehändler. Die Dämonen des Teufels lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, greifen nach dem Samen des Schweinehändlers und pflanzen ihn dem jüdischen Mädchen ein. Der Sohn kann erst Jahre später durch einen Exorzismus vom Dibbuk befreit werden, und die freischwebende Seele des ungezeugten jüdischen Sohns fährt wieder in ihn ein. Der Dibbuk ist ein Symptom einer vergangenen Sünde, bei Horowitz sogar einer nur in Gedanken begangenen.

Wrona nimmt den alten Stoff auf und macht daraus einen mitreißenden modernen Geisterfilm, der sich der Vorlage gegenüber respektvoll verhält, und sich schließlich in eine beeindruckende Reflexionen über Schuld, Verdrängung und Selbstverleugnung in der polnischen Geschichte wandelt.

DIBBUK beginnt mit tristen zweistöckigen Nachkriegsaltneubauten, denen man gleich ansieht, dass in ihnen kein Glück wohnt, davor Stromleitungsmasten, alles umhüllt die diesig-feuchte Morgenluft. Ein schwarzer SUV fährt vorbei. Dann steht der Fahrer, ein junger Mann, auf einer Fähre, sein schwarzes Fahrzeug hinter sich. Fähren sind kein gutes Zeichen, auch wenn sich der Dunst verzogen hat und die Sommersonne scheint. Im Film und in der Literatur schippern sie einen stets ins Totenreich. Am gegenüberliegenden Ufer steht dann auch eine Frau im Wasser, außer sich, schreiend, während Männer versuchen, sie festzuhalten. Ein flüchtige Szene, bevor der junge Mann sein Ziel erreicht. Sein Name ist Peter, er kommt aus England zurück nach Polen um zu heiraten, und jetzt will er von seinem Schwiegervater Piotrek genannt werden. Sein Polnisch ist ein wenig rostig, es scheint, als sei er kein Emigrant der ersten Generation. Der Schwiegervater, ein grobschlächtiger, machtgewohnter Kiesgrubenbesitzer schätzt den Schwiegersohn in spe nicht. Allmählich schälen sich Personenkonstellationen heraus: Piotr war mit dem Sohn der Braut befreundet, alle haben sich in London kennengelernt, und außerhalb dieses engen Kreises schlägt Piotr eine Welle des fremdenfeindlichen Misstrauens entgegen, die durch formelle Höflichkeit, Schulterklopfen und Schnapsprösterchen kaum verdeckt wird. Piotrs Plan ist es, gemeinsam mit seiner Frau ein altes Gutshaus zu renovieren und mit ihr in ihrem Heimatdorf zu leben. Der Bagger steht schon auf dem Gelände, aber bei seinem ersten Versuch mit dem Gerät reißt Piotr einen Baum mitsamt Wurzelballen mit dem Fahrzeugheck aus. Im entstandenen Loch liegt ein Skelett. Das Loch wird schnell wieder zugeschaufelt, aber Piotr zieht es immer wieder zu diesem Ort. Während der Hochzeit beginnt er sich immer seltsamer zu benehmen. Eine gespenstische Frau im weißen Kleid scheint ihn zu umkreisen und immer näher zu kommen, bis Piotr in einen epileptischen Stupor verfällt. Die Feier geht währenddessen weiter und weiter und weiter, bis sie selbst wie ein quälender surrealistischer Alptraum wirkt.

DIBBUK – EINE HOCHZEIT IN POLEN ist ein Film über die gespenstische Vergangenheit, die den erfolgreichen jungen Exilpolen heimsucht. Der jüdische Dorfälteste ist der Einzige, der anfangs warnt und später weiß, was passiert ist. Die jüdische Bevölkerung und damit das halbe Dorf ist während des Krieges ermordet worden, darunter auch ein Brautpaar. Es geht ebenso um die Anerkennung der jüdischen Traditionen wie um das Verdrängen und Vergessen der polnischen Bevölkerung. Das mindestens die Anerkennung der Verantwortung für die eigene Vergangenheit nicht ohne weiteres gelingen wird, macht die letzte Rede von Piotrs Schwiegervater deutlich: „Wir müssen vergessen, was wir hier nicht gesehen haben.“ sagt er. Die Verdrängung der Ermordung der europäischen Juden ist selten genauer auf den Punkt gebracht worden als in dieser doppelten Verneinung.

Marcin Wrona wäre sicher zu einer der wichtigsten Stimmen des polnischen Films geworden, hätte er sich nicht noch während der Festivaltournee seines Films in einem Hotel in Gdynia das Leben genommen.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Demon
Polen/Israel 2015, 94 min
Genre: Drama, Thriller
Regie: Marcin Wrona
Drehbuch: Marcin Wrona, Pawel Maslona
Kamera: Pawel Flis
Schnitt: Piotr Kmiecik
Musik: Krzysztof Penderecki, Marcin Macuk
Verleih: Drop-Out Cinema
Darsteller: Itay Tiran, Tomasz Zietek, Agnieszka Zulewska
FSK: 12
Kinostart: 28.07.2016

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