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Der Sommer mit Mamã

Klassen-Apartheid und Architektur

Val lebt seit über 20 Jahren als Dienstmädchen, Köchin und Nanny bei einer reichen brasilianischen Familie. Ihre eigene Tochter Jessica hat sie jahrelang nicht gesehen. Als die selbstbewusste Jessica nach São Paulo kommt, geraten die festgefügten Klassengrenzen in Bewegung.

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Prolog: Ein kleiner Junge mit Schwimmweste spielt am Pool, eine Frau leistet ihm Gesellschaft, steigt aber nicht mit ins Wasser. Während Fabinho planscht, ruft sie jemanden an. In wenigen Sätzen wird klar, dass sie ein Kind hat, das offensichtlich nicht bei ihr lebt und das sie nur selten zu Gesicht bekommt. Zugleich fragt der Kleine, wann denn seine Mutter heimkäme. Die Frau hat darauf keine Antwort. Die herzliche Umarmung, mit der sie ihn tröstet, ist in ihrer Heftigkeit zugleich ein Versuch, das eigene Vermissen zu überbrücken.

Val ist als Haus- und Kindermädchen bei einer wohlhabenden Familie in Sao Paulo nicht nur angestellt, sie wohnt auch gleich mit im Haus, wie es viele Dienstbotinnen in Brasilien tun. Das hat den Effekt, dass sie für Fabinho zu einer zweiten Mutter wird (der englische Titel des Films lautet folgerichtig THE SECOND MOTHER), während sie sich von ihrer eigenen Tochter Jessica durch die jahrelange Trennung fast völlig entfremdet. Genau diese Tochter, inzwischen eine junge Frau, meldet sich plötzlich zum Besuch an, weil sie an der Universität eine Aufnahmeprüfung hat. So kommt es 12, 13 Jahre nach dem eingangs skizzenhaft geschilderten „Sommer ohne Mama“ nun zum „Sommer mit Mama“. Jessicas selbstbewusste und unbefangene Art wirbelt schnell die eingefahrenen Rollenmuster im Haushalt durcheinander, da sie sich nicht wie eine Untergebene, sondern wie ein Gast oder ein weiteres Kind der Familie benimmt. Das kann Dona Bárbara, die Hausherrin, nicht gut ertragen, auch wenn sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Ähnlich gestresst von diesem Verhalten ist allerdings auch Val, die konservativ den Status Quo gegen ihr gerade erst wiedergewonnenes Kind verteidigt.
Dabei läuft Regina Casé (EU TU ELES/ICH DU SIE - Darlenes Männer, Un certain regard Cannes 2000) als Dienstmädchen Val zu darstellerischen Höchstformen auf. Bis in die Fingerspitzen beherrscht sie ihre Ausdrucksmittel so souverän, dass Nuancen ihrer Stimmung an kleinsten Gesten ablesbar werden. Es bereitet großes Vergnügen, ihr dabei zuzusehen, wie sie energetisch arbeitet, wie sie Regelverletzungen schimpfend wie ein Rohrspatz bewertet, wie sie bedingungslos zu ihrem Ziehsohn hält, mal ihre Dienstherren ausspioniert und ihr Fräulein Tochter nachäfft, bald jedoch von einer Ohnmacht in die nächste fällt.

DER SOMMER MIT MAMA erzählt behutsam, aber deutlich, wie sich in Brasilien immer noch alte koloniale Muster quer durch die Gesellschaft ziehen. Regisseurin Anna Muylaert arbeitet bei der Durchleuchtung der Verhältnisse mit sanften Kontrastmitteln. Eines davon ist die Figur der Jessica, ein weiteres die Wahl der Hauptdarstellerin, ein drittes die Architektur:
Die Räume der Villa, in der sich DER SOMMER MIT MAMA zu großen Teilen abspielt, sind extrem beengend gefilmt. Obwohl Val als Haushälterin beim Putzen sicher bis in letzte Winkel vordringt, bekommen wir als Zuschauer kaum ein Zimmer in seiner Gänze präsentiert. Dinge geschehen hinter angelehnten Türen. Die Personen werden durch architektonische Rahmungen stillgestellt. Das Gefühl von Bewegungsfreiheit, von Bewegung und Freiheit wird uns erst geschenkt, wenn wir in einer Totalen auf die Sichtbetonrampen der Fakultät für Architektur und Urbanismus schauen, wie sie von Jessica, Fabinho und seinem Vater erschritten werden. Im Interview äußert Anna Muylaert, dass diese Einstellung im Universitätsgebäude von Batista Vilanova Artigas ihr liebstes Bild im Film sei. Es symbolisiere die Bewusstheit und klare Schönheit von Bildung. Während in Brasilien das Thema Architektur diskursiv fest in der Hand von Linken und Kommunisten sei, die mit ihren Bauten versuchen, andere Formen des Zusammenlebens vorzudenken – Muylaert nennt Paulo Archias Mendes da Rocha und Lina Bo Bardi - , setze sich dabei wie ein Fluch das Schema der Kolonialzeit bis heute fort. Muylaert bezieht sich auf Gilberto Freyre, der 1933 die typischen brasilianischen Wohnformen der „Casa-Grande“, der Residenz der Sklavenbesitzer, und der „Senzala“, der Sklavenquartiere, beschrieb. Selbst in Etagenwohnungen sei auch jetzt noch ein winziges Kämmerchen für das Dienstmädchen vorgesehen. Dieses Missverhältnis der Raumverteilung wird im Film beiläufig anschaulich gemacht, wenn Jessica einen Grundriss der Villa betrachtet und ihrer Mutter erklärt, welches Zimmer darauf, klein und marginalisiert, das ihre ist.

Dass Jessica den festen Vorsatz hat, Architektur zu studieren, wäre vor wenigen Jahren für ein Mädchen ihres Hintergrunds nicht denkbar gewesen. Die Regisseurin erzählt, dass sie zu Beginn des Drehbuchschreibens in den Neunzigern nur die Wahl hatte zwischen einem realistisch-depressiven Ende, bei dem das junge Mädchen in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt, oder einem Happy End etwa durch den unwahrscheinlichen Durchbruch als Sängerin oder die Heirat mit dem reichen Familienvater. Dank der lebenslangen Anstrengungen des ehemaligen Präsidenten Lula da Silva habe sich das Selbstbild der Unterschicht jedoch sehr gewandelt. Er war der erste, der aus dem Bereich der „Küche“, den Quartieren der Dienstboten kommend den Schritt ins mächtigste Amt des Landes geschafft hatte. Auch wenn die meisten Probleme ungelöst blieben, gäbe es bei den Benachteiligten nun immerhin ein Gefühl der Berechtigung, als Bürger und Bürgerinnen aufzutreten und Forderungen zu stellen. Das manifestiert sich in Vals Tochter, die gar kein Rebell sein will, wenn sie selbstverständlich von Fabinhos Lieblingseis nimmt oder mit ihm und seinen Freunden im Pool tobt. Sie lebt eine Normalität der Gleichstellung, von der die älteren Generationen noch meilenweit entfernt sind. Deren Entsetzen angesichts solch herausgenommener Freiheiten lässt sie auf ein westeuropäisches Publikum ein wenig absurd wirken. Muylaert bestätigt jedoch, dass diese Klassen-Apartheid in Brasilien tief verwurzelt ist.

Eine andere Auswirkung der Kolonialzeit sieht die Regisseurin in der weit verbreiteten Geringschätzung manueller, besonders schmutziger Arbeit, die in der Konsequenz dazu führt, dass sogar nicht besonders reiche Familien der Mittelschicht ihren Nachwuchs von Nannies aufziehen lassen, anstatt selbst mal Windeln zu wechseln. Schon 1936 konstatierte Sérgio Buarque de Holanda in seinem Werk „Wurzeln Brasiliens“, dass es eine nationale Wertvorstellung sei, möglichst nichts zu tun („O ócio importa mais que o negócio.“ – „Müßiggang ist wichtiger als das Geschäft.“). Als Anna Muylaert einen Sohn bekam und feststellte, dass sie sich gerne selbst um ihn kümmern wollte, schlug ihr von allen Seiten Unverständnis entgegen. Ob sie keine Selbstachtung hätte, sie sei schließlich Regisseurin, wie könne sie sich dazu herablassen, für ihre Kinder zu kochen. Auch sei es doch total langweilig, sich mit dem Alltag der Kinderbetreuung abzugeben. Muylaert hat trotzdem nie eine Nanny beschäftigt – ein Hausmädchen hatte sie allerdings schon. Anders seien Job und Kinder nicht zu managen gewesen, besonders nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Kindererziehung ist in Brasilien komplett Frauensache, Männer bringen sich besonders nach Scheidungen in keiner Weise ein. „Frauenarbeit“ wird so nachhaltig abgewertet, dass sie von den privilegierteren Frauen, die anerkannten Aufgaben nachgehen wollen, regelmäßig abgewälzt wird auf die benachteiligten Frauen, die wiederum selbst oft lieber Geld damit verdienen, Haus und Kinder der Mittelschicht zu versorgen und sich so einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten als in völliger Armut bei ihren eigenen Kindern zu bleiben. Leidtragende dieses Systems, das Mutterschaft nicht als Wert betrachtet, sind die Kinder, die nicht selten an der Sehnsucht nach ihren Eltern zerbrechen. Der brasilianische Originaltitel des Films fragt deswegen aus ihrer Sicht „Wann kommt sie [Mama] wieder („Que Horas Ela Volta“)? Hauptdarstellerin Regina Casé war übrigens strikt gegen das Filmende, das vorsah, dass Val sich von ihrer langjährigen Dienstfamilie verabschieden, zukünftig in eigener Wohnung leben und nur Tagesputzjobs annehmen würde. Wolle Anna etwa, dass alle Hausmädchen ihre Stellungen verließen?? Casé beschäftigt selbst drei Dienstbotinnen und war schon damit konfrontiert, dass ausgerechnet ihre Lieblingskraft gehen und als Masseuse arbeiten wollte. Dem hat sie unter anderem mit dem Kauf eines Apartments für diese Frau entgegengewirkt, die zwar nun außerhalb der herrschaftlichen Villa lebt, aber weiterhin für die Schauspielerin arbeitet. Dass eine so populäre Persönlichkeit des öffentlichen Lebens überhaupt ein Kindermädchen spielt - Regina Casé hostet seit Jahren äußerst erfolgreich TV-Sendungen und ist in Brasilien ähnlich etabliert wie Oprah Winfrey in den USA ist erstaunlich genug.

Anna Muylaert hat mit ihrem Film nicht vor, eine fixe Lösung zu proklamieren. Eine Diskussion in Gang setzen möchte sie allerdings definitiv. „Es ist wie bei der Reise nach Jerusalem. Irgendwie sitzen alle auf den falschen Stühlen oder bekommen gar keinen ab. Das musikalische Motiv des Films ist es, jeden auf seinen richtigen Platz zu bringen.“ Ob persönlich passende Platzierungen auch gesamtgesellschaftlich stimmig werden, bleibt zu beobachten. Im SOMMER MIT MAMA geraten die Dinge zumindest in Bewegung, und die Art, in der sie das tun, hat dem Film bei der Berlinale 2015 den Publikumspreis eingebracht.

Anna Stemmler

Details

Originaltitel: Que Horas Ela Volta?
Brasilien 2015, 111 min
Genre: Drama
Regie: Anna Muylaert
Drehbuch: Anna Muylaert
Kamera: Bárbara Álvarez
Schnitt: Karen Harley
Musik: Fabio Trummer, Victor Araújo
Verleih: Pandora Filmverleih
Darsteller: Michel Joelsas, Helena Albergaria, Regina Casé, Camila Márdila, Karine Teles, Lourenço Mutarelli
FSK: oA
Kinostart: 20.08.2015

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