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Der Bunker

Meisterwerk des absurden Kinos

Ein Student zieht in den lichtlosen Kellers einer eigenartigen Familien, deren Hausvorstand beim familiären Witzeabend in Clownsmaske die Pointen analysiert während die Hausfrau den Befehlen eines außergalaktischen Herrschers folgt, der in einer klaffenden Wunde in ihrem Bein wohnt…

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Wenn im Klassenraum der einzige Schüler ein Namensschild vor sich stehen hat; wenn das Wissen um die Hauptstädte der Welt den Weg ins Weiße Haus ebnen soll; wenn der Herr Student beim Geschlechtsakt seine wissenschaftliche Erleuchtung hat; wenn der Herr Vater beim familiären Witzeabend in Clownsmaske die Pointen analysiert; wenn die Frau Mama den Befehlen eines außergalaktischen Herrschers folgt, der in einer klaffenden Wunde in ihrem Bein wohnt; wenn das Kind von einem 30jährigen Schauspieler dargestellt wird… Nikias Chryssos hat mit seinem Debütfilm ein Meisterwerk des absurden Kinos abgeliefert. Mit großer Souveränität und höchster Originalität zeigt Chryssos eine Welt der Absonderlichkeiten: In ein Haus, in dem die Insignien kleinbürgerlicher Spießigkeit fröhliche Urständ feiern, zieht im niedrig-deckigen Bunker-Keller der Student als Untermieter ein, der für seine universalwissenschaftliche Weltformel Ruhe braucht und der als Hauslehrer dem Sohnemann des Hauses alles einpauken muss, was dieser als künftiger Präsident wissen muss. So will es Heinrich, der Herrscher, der in Mamas Bein wohnt und ihr mitunter orgasmische Genüsse verschafft. In der ersten Ebene hinter dem Absurden haben wir hier das Porträt einer neurotisch-verklemmten Kleinbürgerwelt mit zwanghaftem Bildungswahn – doch eigentlich ist dieser Film nicht auf solch eine banale Satirehaftigkeit zu reduzieren. Er ist ein synästhetisches Gesamterlebnis, in dem das Banale mit dem Kalauer, das Intelligente mit dem Ästhetischen Hand in Hand spazieren gehen auf dem hohen Grat zwischen Nonsenskomödie und Mysterienspiel. Ein unglaubliches Vergnügen.

INDIEKINO BERLIN: Wie kann man so einen Film bei Produktionsfirmen pitchen?
Nikias Chryssos: Vielen fehlt sowohl die nötige Vorstellungskraft als auch das Filmwissen als auch einfach der Mut, lieber etwas zu wagen, als nur die Bestätigung oder Wiederholung dessen zu machen, was man schon kennt. Als die Förderungen das Projekt abgelehnt haben, haben wir es komplett unabhängig davon durchgezogen, mit meiner Kataskop Film als Produktion und Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion als Koproduzenten. Zum Glück habe ich Hans und Hana Geißendörfer gefunden, die diesen Mut, diese Risikobereitschaft und den nötigen Wahnsinn hatten, und die sich voll auf den "Bunker" eingelassen haben.

Wie kriegt man solch ein filmisches Konzept beim Dreh umgesetzt?
Beim Schreiben und Entwickeln der Geschichte bin ich erst mal nach dem Lustprinzip vorgegangen: Wenn ich etwas lustig oder interessant fand, habe ich versucht es zu verwenden. Gleichzeitig wollte ich von Anfang an, dass der Film formal nicht zu streng wird. Es war ein fortlaufender Prozess, zu dem sowohl die Schauspieler als auch das kreative Team beigetragen haben. Im Schnitt war dann die große Herausforderung, die richtige Mischung aus Humor, Drama, Geheimnis zu finden. In vielen langen Nächten an der Grenze zum Wahnsinn kamen mein Cutter Carsten Eder und ich uns selbst vor wie der Student mit seiner Formel.

Gibt es (philosophische, ästhetische, cineastische ...) Vorbilder?
Ja, ganz viele! Was das Thema Erziehung angeht: Einerseits das antiautoritäre Konzept nach A.S. Neill. Andererseits strenge, religiöse Gemeinschaften, die auch mit Bestrafungen arbeiten. Filmisch gibt es unzählige Einflüsse im BUNKER: Kubrick, Lynch, Tarantino wahrscheinlich am offensichtlichsten, aber auch Polanski, der griechische Film DOGTOOTH, die Marx Brothers, Refn, Cronenberg, Dario Argento, überhaupt Horror-Filme der 60er- und 70er-Jahre und Filme mit "dummen" Protagonisten wie THE JERK mit Steve Martin. Daneben haben mich auch Comics wie „Black Hole“ von Charles Burns und Romane wie "Das Schloss" von Kafka inspiriert und das ein oder andere Ölgemälde.

Wie heißt die Hauptstadt von Usbekistan?
Тошкент!

Rezension und Interview: Harald Mühlbeyer

Details

Deutschland 2015, 85 min
Genre: Drama, Horror, Komödie
Regie: Nikias Chryssos
Drehbuch: Nikias Chryssos
Kamera: Matthias Reisser
Schnitt: Carsten Eder
Musik: Leonard Petersen
Verleih: Bildstörung
Darsteller: David Scheller, Pit Bukowski, Daniel Fripan, Oona von Maydell
FSK: 12
Kinostart: 21.01.2016

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