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Der andere Liebhaber

Vexierspiele

Die junge Chloé verliebt sich in ihren Psychologen, Paul, und beginnt nach der Therapie eine Beziehung mit ihm. Dann entdeckt sie, das Paul einen Zwillingsbruder, Louis, hat der ebenfalls Psychologe ist.

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Schon immer liebt François Ozon Verwirrspiele, Doppelungen, Brechungen, Spiegelungen, multiple und sich verändernde Identitäten, seien es die fluktuierenden sexuellen Positionierungen seiner Hauptpersonen in TROPFEN AUF HEISSE STEINE und EINE NEUE FREUNDIN, das Auftauchen eines mysteriösen Fremden, der sich als jemand ganz anderer herausstellt, in FRANTZ, oder die Whodunit-Anordnung in 8 FRAUEN. Immer wieder ist auch das Verhältnis von „Wirklichkeit“ und Imagination Thema. In SWIMMING POOL ist niemals ganz klar ist, ob die junge Frau, die Charlotte Ramplings Schreiburlaub mit ihrer aufdringlichen Sexualität stört, nicht vielleicht doch eine Fantasie von ihr ist. In ANGEL – EIN LEBEN WIE IM TRAUM versucht eine Kitschromanautorin ihr Leben wie einen Roman zu gestalten, und RICKY – WUNDER GESCHEHEN erzählt bierernst und mit einem für Ozon ungewöhnlichen Naturalismus von einem Kind, dem Flügel wachsen.

Im Zwillings-Erotik-Horror-Psychodrama DER ANDERE LIEBHABER nach dem Roman „Der Andere“ von Joyce Carol Oates treffen sich diese beiden Ozonschen Obsessionen aufs Schönste. Chloé (Marina Vacth, JUNG & SCHÖN) sucht einen Psychologen auf, um besser mit ihren Depressionen klar zu kommen. Während der Gespräche verliebt sie sich in Paul (Jérémie Renier), einen ruhigen Typen, der sehr schöne Pullover trägt, und nach der Therapie beginnen die beiden eine Beziehung. Beim Einzug in die gemeinsame Wohnung entdeckt Chloé in einer Kiste einen Ausweis von Paul, in dem er einen anderen Namen trägt. Paul reagiert ausweichend. Chloé findet auf eigene Faust heraus, dass Paul einen Zwillingsbruder, Louis, hat – der kurioserweise ebenfalls Psychologe ist. Chloé stellt sich bei ihm anonym als Patientin vor und beginnt eine „Therapie“, zu der auch brutale Beschimpfungen der „Patientin“ und übergriffiger Sex in Louis‘ Hinterzimmer gehören. Chloé hat einen Orgasmus und geht immer wieder hin.

Ist Louis eine reale Person oder lediglich Chloés Fantasie von einem abgründigeren, aufregenderen Paul? Ozon amüsiert sich damit, diese Frage bis fast zum Schluss in der Schwebe zu halten. In der Inszenierung selbst gibt es kaum Anhaltspunkte, denn alle Szenen sind in exakt derselben Tonlage kunstfertig arrangierter Eleganz gehalten. Schöne Leute, humorvoll platziert in schönen Interieurs. Sein exaltiert bösartiges Verhalten lässt Louis zunächst wie eine erotische Fantasie wirken. Aber der immer makellose, stille Paul und auch Chloé, deren Gesicht wenig Emotionen preisgibt, haben etwas Irreales. Sie alle sind Schachfiguren in Ozons raffiniertem Gedankenspiel, das sich in immer verwegenere Höhen schraubt. Das Motiv des guten und des bösen Zwillings wird immer wieder gedreht und gewendet, in einem schillerndem Genremix aus Psychodrama, Kolportagestory und Horrorfilm.

Mit seiner fröhlich anti-authentischen Haltung ist François Ozon näher an den Filmen der 40er und 50er Jahre als an den Konventionen des Gegenwartskinos. Luis Buñuel, Alfred Hitchcock, sogar Agatha Christie fallen einem ein. Wie ferne Echos irrlichtern andere Filme durch DER ANDERE LIEBHABER – Filme von denen man das Gefühl hat, der Filmliebhaber François Ozon hätte sie am liebsten selbst gedreht: WHAT HAPPENED TO BABY JANE, MARNIE, BELLE DE JOUR, LA PRISONNIÈRE (Henri-Georges Clouzot), ROSEMARY’S BABY, GASLIGHT (George Cukor). DER ANDERE LIEBHABER entwickelt vielleicht nicht die Wucht dieser Vorbilder, hat dafür aber einen verspielten Humor. Wie immer macht es viel Spaß, Ozon, der nicht nur aber auch ein brillanter Kinohandwerker ist, bei der souveränen Konstruktion und Dekonstruktion seines Bilderrätsels zuzuschauen.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: L'Amant double
Frankreich 2017, 107 min
Sprache: Französisch
Genre: Drama, Romance, Thriller
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon
Kamera: Manuel Dacosse
Schnitt: Laure Gardette
Musik: Philippe Rombi
Verleih: Weltkino
Darsteller: Marine Vacth, Jeremie Renier, Jacqueline Bisset
FSK: 16
Kinostart: 18.01.2018

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