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Das melancholische Mädchen

Vorgetäuschte Niedlichkeit

Kurz, flott, giftig, von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt und unbedingt stylisch ist Susanne Heinrichs Film der aufregende Versuch, in einem post-künstlerischen-Zeitalter Kunst zu machen. In der Hoffnung, aus der Melancholie vielleicht doch einen Funken Wut schlagen zu können.

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„Schätzelein, was machst du hier so allein?“ „Ich warte.“ „Auf den Märchenprinzen? Da kannst du lange warten.“ „Ich warte auf das Ende des Kapitalismus.“ „Da warte ich mit.“
Im ersten Film der Schriftstellerin Susanne Heinrich (So, jetzt sind wir alle mal glücklich, In den Farben der Nacht) driftet das melancholische Mädchen (Marie Rathscheck) unendlich kühl, unendlich gelangweilt, sehr schön und sehr melancholisch durch szenische Arrangements, die „Das Ende des Liebesmärchens“ heißen, oder „Post-erotische Zeiten“ oder „Sanfter Übergriff beim Kaffeetrinken“ und meist Begegnungen mit Männern schildern. Da ist der Typ mit der Gitarre, da ist der Intellektuelle mit dem Rollkragenpullover, da ist der Prinz mit dem Krönchen in der Badewanne, da ist der übergriffige Esoteriker, aber da ist auch die Mutter im Mutteryoga. Sie alle prallen an der alles-schon-gehört, alles-schon-gesehen habenden Lotusoberfläche des Mädchens ab. „Das ist keine Ironie, das ist Zynismus“ sagt es kühl und schlägt die Augen auf. Die poppig-pastellfarbenen Bilder, die Animationen, die Songs und die putzigen Bildübergänge mit den Sendung-mit-der-Maus-Soundeffekten täuschen eine Niedlichkeit vor, die die emotionslos vorgetragenen Statements Lügen strafen. „Am traurigsten macht es mich, wenn der Junge das Kondom sauber knotet und in den Müllbeutel legt“, sagt das Mädchen, oder „Mit dreißig kommt die Depression“. Nicht nur die Texte sind meta, die Bilder sind es auch, ein Spiel mit 2D und 3D, mit Sets, die Sets darstellen, mit Fototapeten die Sehnsucht persiflieren und Fototapeten feiern. Aber eine Lösung ist das auch nicht. „In der Diktatur der Selbstverwirklichung“, sagt das Mädchen, „sind alle Künstler“.
Einmal sagt das Mädchen: „Ich habe mal einen Film von Helke Sander gesehen, die Frauen darin waren aufgeklärter, weniger unterdrückt und irgendwie nicht so blutleer wie wir.“ In DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN spürt man etwas von dem filmischen Wagemut der feministischen Vorkämpferinnen, aber mehr noch die Sehnsucht nach deren politischer Unbedingtheit. Kurz, flott, giftig, von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt und unbedingt stylisch ist Susanne Heinrichs Film der aufregende Versuch, in einem post-avantgardistischen Zeitalter Kunst zu machen. In der Hoffnung, aus der Melancholie vielleicht doch einen Funken Wut schlagen zu können.

Hendrike Bake

Details

Deutschland 2019, 80 min
Sprache: Deutsch
Genre: Biografie, Komödie, Drama
Regie: Susanne Heinrich
Drehbuch: Susanne Heinrich
Kamera: Ágnes Pákózdi
Schnitt: Susanne Heinrich, Benjamin Mirguet
Musik: Moritz Sembritzki, Mathias Bloech
Verleih: Salzgeber
Darsteller: Marie Rathscheck, Yann Grouhel, Nicolo Pasetti, Pero Radicic, Monika Wiedemer
FSK: 12
Kinostart: 27.06.2019

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