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Das Mädchen, das lesen konnte

Sonnendurchflutet, sinnlich, revolutionär

Frankreich, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Regierungstruppen von Louis Napoleon haben alle Männer verschleppt oder ermordet, und die Frauen beschließen: Der erste Mann, der ins Dorf kommt, gehört allen.

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Jean Francois Millets Gemälde „Der Sämann“, im Original „Un Semeur“ von 1850 ist heute in der Version van Goghs von 1888 bekannter. Beide Gemälde sind bestenfalls Kalenderblätter geworden, im schlimmsten Fall dienen sie zur Illustration des christlichen Gleichnisses vom Sämann, dessen Samen nur Früchte tragen, wenn sie auf den guten Seelenboden der Christenmenschen fallen. Zu seiner Zeit wurden Millets Bilder aus der bäuerlichen Arbeitswelt politischer verstanden. Millet malte das Bild zwei Jahre nach der Februarrevolution von 1848, die zuerst das Recht auf Arbeit erstritt und zur Einrichtung nationaler Werkstätten für Arbeitslose geführt hatte, die allerdings im Juni bereits wieder geschlossen wurden. Die darauf folgenden Juni-Aufstände wurden blutig niedergeschlagen, und die Konterrevolution siegte endgültig mit dem Staatsstreich des 18. Brumaire (4. November) 1850 und der Krönung Louis Napoleon Bonapartes zum französischen Kaiser. Millets Bild wurde einen Monat später beim Salon de 1850 im Palais Royal/Palais National zuerst ausgestellt und von den französischen Republikanern begeistert aufgenommen. Sein links von Krähen umschwirrter, zornig ausschreitender, hagerer und zerlumpter Sämann erscheint im historischen Zusammenhang wie eine Illustration der Wut, der Verzweiflung und der nur noch am Horizont aufscheinenden Hoffnung der demokratischen Franzosen. Der amerikanische Dichter Walt Whitmann erkannte in Millets Bild 1888 „erhabene Trübseligkeit und echten aufgestauten Zorn“.

LE SEMEUR ist auch der französische Originaltitel des Films DAS MÄDCHEN, DAS LESEN KONNTE von Marine Francen. Millets Bilder und die ihm nachfolgenden Gemälde von Van Gogh und den Impressionisten sind ganz offensichtlich die Inspiration für die Bildgestaltung des Films, die so schön ist, dass sie manchmal haarscharf an der Parodie vorbeischlittert. DAS MÄDCHEN, DAS LESEN KONNTE erzählt eine Geschichte aus dem republikanischen Widerstand nach dem Sieg Bonapartes. 1852 werden alle Männer eines aufständischen Dorfes in der Haute-Provence ermordet, verschleppt oder verbannt. Die Frauen trauern, arbeiten allein weiter, üben Selbstverteidigung für den Fall, dass die Soldaten zurückkommen. Aber jahrelang kommt niemand in das abgelegene Dorf. Die Frauen treffen die Vereinbarung, dass der erste Mann, der das Dorf erreichen sollte, „allen gehören“ und für den Weiterbestand der Dorfgemeinschaft sorgen sollte. Aber die junge Violette verliebt sich in den Mann, der schließlich auftaucht, weil beide lesen können, und ihre Liebe zur Literatur ihnen eine tiefere Bindung, aber auch eine tiefe Verpflichtung den gemeinsamen revolutionären Ziele gegenüber ermöglicht. Francens sonnendurchfluteter Film ist großartig, ein sinnliches, links-feministisches Meisterwerk über weibliche Selbstbehauptung, sexuelle Selbstbestimmung und die Bedeutung der Bildung für eine Arbeiter- und Bauernklasse, die Mitte des 19. Jahrhunderts noch größtenteils aus Analphabeten bestand.

Wir waren in der Redaktion so begeistert von dem Film, dass wir sofort die literarische Vorlage gelesen haben, L’homme semence/Der Samenmann von Violette Ailhaud. Es ist ein mitreißender und bewegender autobiografischer Text, in einem atemlosen, ausdrucksstarken und sehr modernen Stil 1919, verfasst von einer 84 Jahre alten Autorin, die nach dem ersten Weltkrieg zum zweiten Mal erleben musste, dass alle Männer ihres Dorfes aus ihrem Dorf verschwunden waren. Violette Ailhaud hatte verfügt, so heißt es in einer Fußnote zum von ihr selbst verfassten Vorwort, dass das Manuskript jeweils nur an die nächste weibliche Nachkommin, die sich im Alter von 15 bis 30 Jahren befand, weitergegeben werden durfte. 1954 sei „Yveline“ in den Besitz des Manuskripts gelangt. Erst 2006 erschien der Text als Buch, als erster Band der Edition „main de femme“ im Verlag „editions parole“, einer Reihe, deren Bücher „nicht in die Hände von Männern gegeben werden sollen“. Sofort entstanden Theateradaptionen, zwei Comicadaptionen, Chansons, ein Festival in der Haute-Provence und schließlich Marine Francens Film.

Wir wollten mehr über diese außergewöhnliche Autorin erfahren und begaben uns auf Recherche. Ich bin dann recht schnell auf zwei Artikel in der französischen Ausgabe des Online-Magazins Slate gestoßen, in denen der Journalist und Historiker Vincent Quivy sich auf die Suche nach Violette Ailhaud macht. Das Ergebnis seiner Recherche war, dass Violette Ailhaud nicht existierte. Wir hätten die Nachtigall trapsen hören können. Die literarische Trope des „geheimnisvollen Manuskripts“ ist seit der Romantik vor allem aus gothic novels so geläufig wie die „nach einer wahren Geschichte“-Tafeln vor Spielfilmen, die auch niemand mehr ernst nimmt. Aber die Vorstellung eines authentischen Zeugnisses einer revolutionären, sexuell befreiten, selbstbewussten und aus eigener Anstrengung literarisch gebildeten Bäuerin aus dem 19. Jahrhundert war einfach zu verführerisch.

Als die tatsächliche Autorin des Textes präsentiert Quivy die Schriftstellerin Maria Borrely (1890-1963), deren Werke zufällig auch in der edition parole, „main de femmes“ erscheinen, verlegt übrigens von einem Mann, Jean Darot, der sich über die ganze Borrely-Ailhaud-Geschichte ausschweigt. Borrely war Lehrerin, Kommunistin und Widerstandskämpferin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Ernest organisierte sie 1934 eine Gedenkveranstaltung für die Aufständischen von 1851. In den späten dreißiger Jahren änderte Borrely ihren Stil und begann, mystische Gedichte zu schreiben. Den fertigen Roman „Die Gabe“ ließ sie nicht mehr veröffentlichen. Er handelt von einem geheimnisvollen Fremden, der in ein abgelegenes Dorf kommt und das sexuelle Verlangen der Frauen befriedigt.

Ein richtiger Literaturskandal ist das vielleicht nicht, aber doch eine Geschichte von der Sehnsucht nach authentischen historischen Zeugnissen von Frauen.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Le Semeur
Frankreich 2017, 98 min
Sprache: Französisch
Genre: Drama
Regie: Marine Francen
Drehbuch: Jacques Fieschi, Marine Francen, Jacqueline Surchat
Kamera: Alain Duplantier
Schnitt: Minori Akimoto
Musik: Frédéric Vercheval
Verleih: Film Kino Text
Darsteller: Pauline Burlet, Alban Lenoir, Géraldine Pailhas, Iliana Zabeth
FSK: 12
Kinostart: 10.01.2019

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