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Das Gelände

Dornröschenschlaf der Erinnerung

Seit 1985 und über einen Zeitraum von 30 Jahren hat Martin Gressmann ein Areal in der Berliner Mitte, das früher am äußersten Rand Westberlins lag, immer wieder gefilmt.

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Seit 1985 und über einen Zeitraum von 30 Jahren hat Martin Gressmann ein Areal in der Berliner Mitte, das früher am äußersten Rand Westberlins lag, immer wieder gefilmt. Sein Film DAS GELÄNDE beginnt mit einer Suche. Gressmanns Großmutter hatte ihm erzählt, es gäbe in Berlin eine Straße, die man nicht betrat, mitten in der Stadt. Lieber machte man einen größeren Umweg, als durch die Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchner Straße) zu gehen, denn dort befand sich das „Reichssicherheitshauptamt“, Hauptquartier der Gestapo, des SD und der SS. Gressmann sucht die Straße, auf der bis 1989 die Mauer stand, und er findet tatsächlich die Reste des Eingangs zum Gebäude.

Gressmann interessiert sich für alles und filmt die Umgebung des Geländes, auf dem sich heute die im touristischen Zentrum der Stadt gelegene Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ befindet. Als Gressmann 1985 zu drehen beginnt, gibt es in der Anhalter Straße noch das Hotel „Stuttgarter Hof“, das sich in einem ausgebombten Haus befand, von dem nur noch das Erdgeschoss übrig geblieben war, genau wie von dem Haus, in dem sich die Eckkneipe „Land’s End“ an der Ecke Wilhelm-/Oranienstraße befand. Es war eine Gegend, die wirkte, als sei der Krieg vor ein paar Tagen zu Ende gegangen. Hinter der Mauer lag das riesige, düstere, für Hermann Göring errichtete „Reichsluftfahrtministerium“, in das nach der Wende die Treuhand einzog, und das heute Sitz des Finanzministeriums ist. Das Gelände war ein Ort, an dem man die Präsenz des früheren Bösen in der Zerstörung und in der Abwesenheit spüren konnte. Seit dem „Tunix-Kongress“ 1978 gab es erste Bestrebungen, das Areal zwischen Anhalter Straße, Wilhelmstraße, Martin-Gropius-Bau und Mauer/Niederkirchner Straße zu einer Gedenkstätte zu machen, und Mitte der 80er Jahre beginnen die ersten Grabungen und Sicherungen von Mauerresten auf dem Areal, auf dem sich zuvor „Straps-Harrys“ Autodrom für führerscheinfreies Autofahren und seine Transvestiten-Show „Dreamboys Lachbühne“ befanden, außerdem eine Schuttfirma, die hier die Reste der abgerissenen Kreuzberger Häuser lagerte.

Gressmann lässt Menschen zu Wort kommen, die ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Gelände haben. Er redet mit Politikerinnen, Architekten und mit Kulturhistoriker*innen; mit Historikern, die die Struktur des Reichssicherheitshauptamts erklären; mit einer Bildungsreferentin, die es nicht gut findet, dass Kinder im Winter auf dem Gelände Schlitten fahren; mit einer Stadtökologin, die erklärt, wie die von Kreuzbergern als Tannenbäume gekappten Bäume weiterwachsen, und warum sich Vögel in den Überresten des ersten großen Architektenentwurfs von Peter Zumthor eingenistet haben. Gressmann schildert immer wieder das Versinken des Geländes in einen „Dornröschenschlaf“: Ende der 80er Jahre, als die Initiative, die eine provisorische Ausstellung zur „Topographie des Terrors“ betrieb, auf die Finanzierung wartete, und Bund und Senat sich gegenseitig den schwarzen Peter zuschusterten, dann wieder Mitte der 90er bis 2004, als sich herausstellte, dass der ambitionierte Entwurf von Peter Zumthor 3 bis 5 Millionen mehr kosten sollte als geplant, und die schon gebauten Treppentürme schließlich wieder abgerissen wurden.

DAS GELÄNDE zeigt Berlin im Wandel, es ist aber auch eine kluge Reflexion über die Formen und Rituale des Gedenkens. Am Ende des Films, als das Ausstellungsgelände der „Topographie des Terrors“ fertig gestellt ist, sagt Gressmann, „das Gelände spricht nicht mehr zu mir“. Während die Ausstellung inzwischen international Maßstäbe setzt, ist das, was dieses Areal in Berlin einmal ausgemacht hat, sein Wildwuchs, seine Versunkenheit, die Abwesenheit, die sich hier erkennen ließ, verschwunden. Ein Gedenkort erinnert eben nicht ausschließlich, vor allem repräsentiert er das staatliche Verhältnis zur Erinnerung. Gressmanns Film DAS GELÄNDE erinnert sich. Er erinnert auch an das Desinteresse der Politik an der Erinnerung, bevor Berlin Bundeshauptstadt wurde und repräsentieren musste.

Tom Dorow

Details

Deutschland 2013, 93 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Martin Gressmann
Drehbuch: Martin Gressmann
Kamera: Hanno Lentz, Ralph Netzer, Volker Gläser, Martin Gressmann
Schnitt: Bettina Böhler
Verleih: Film Kino Text
FSK: oA
Kinostart: 09.11.2016

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