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Cronofobia

Zeitgenössische Melancholie

Michael ist ein privater Ermittler. Seine Freizeit verbringt er in einer 24-Stunden-Bar über der Autobahn oder in seinem zum Wohnmobil und Detektivbüro umgebauten Van. Anna lebt in einem mondänen Haus gegenüber von Michaels Van, gefangen in Trauer und Erinnerungen.

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Die Hauptfigur in CRONOFOBIA bleibt blass, und das ist ihr auch recht. Michael (gespielt von Vinicio Marchioni) verdingt sich als privater Ermittler. Er deckt jedoch keine Korruptionsskandale oder Seitensprünge auf, sondern überführt als falscher Kunde Mitarbeiter*innen von Tankstellen, Sportgeschäften und Juwelieren der Unterschlagung. Seine Freizeit verbringt er in einer 24-Stunden-Bar über der Autobahn oder in seinem zum Wohnmobil und Detektivbüro umgebauten Van. Film Noir im Spätkapitalismus.
Der tristen Ortlosigkeit dieser Existenz als Schattenbild des kapitalistischen Ideals unternehmerischer Dynamik wird die Situation von Anna (Sabine Timoteo) gegenübergestellt. Diese lebt in einem mondänen Haus gegenüber von Michaels Van, gefangen in Trauer und Erinnerungen. Über Parkplatz, Straße und Zaun hinweg kommen sie und Michael sich näher.
Die bis zur Transparenz verblasste Identität der Hauptfigur hilft ihr nicht nur in ihrem Beruf, sondern auch in dieser Beziehung weiter. Durch Beharrlichkeit und Verständnis bietet sich Michael als Leinwand für Annas Projektionen an, erzeugt gerade so viel Widerstand, um diese Projektionen zu reflektieren. Seine unscheinbare, doch zunehmend bestimmte Präsenz in ihrem Leben beginnt allmählich, dieses subtil umzuformen. Die nur selten sentimentale Filmbeziehung wird vom gesamten Team des Regisseurs Francesco Rizzi hervorragend in Szene gesetzt. Vor allem zu Beginn fesselt der Soundtrack, die Hintergründe sind wunderschön ausgestaltet und beleuchtet, und die Darsteller*innen überzeugen durchweg. Mit seiner ästhetischen Inszenierung zeitgenössischer Melancholie schafft es Rizzi, das Individuelle, das Zwischenmenschliche und das Gesellschaftliche in einem eigenständigen, nachdrücklichen Film zu verbinden.

Yorick Berta

Details

Schweiz 2018, 93 min
Genre: Psychodrama
Regie: Francesco Rizzi
Drehbuch: Daniela Gambaro, Francesco Rizzi
Verleih: Filmperlen
Darsteller: Vinicio Marchioni, Sabine Timoteo, Leonardo Nigro
FSK: 12
Kinostart: 20.02.2020

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