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Boyhood

Erwachsen werden in Echtzeit

Richard Linklater hat für seinen Film über die Kindheit und Jugend des Jungen Mason über 12 Jahre immer wieder mit dem aufwachsenden Ellar Coltrane gedreht. Am Anfang des Films ist Mason sechs, am Ende, mit 18, verlässt er sein Elternhaus und geht zum College.

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Richard Linklater hat für seinen Film über die Kindheit und Jugend des Jungen Mason über 12 Jahre immer wieder mit dem aufwachsenden Ellar Coltrane gedreht. Am Anfang des Films ist Mason sechs, am Ende, mit 18, verlässt er sein Elternhaus und geht zum College. Ich kenne nur einen anderen Film, der auf ähnliche Weise die reale Zeit in die Inszenierung einbaut, den spanischen Film EL SUR (1983) von Victor Erice, der sich mit diesem Film und seinem EL ESPIRITU DE LA COMENA, dem poetischeren Vorbild für Guillermo del Torres´ populären EL LABYRINTHO DEL PAN in die europäische Filmgeschichte einschrieb und danach nur noch eine Dokumentation und ein paar Kurzfilme drehte. Erice wartete 10 Jahre, bis seine Heldin, das Mädchen Estrella, älter geworden war. Zwischen dem ersten Teil über Estrellas Kindheit und dem zweiten über ihre Jugend, blickt die Kamera auf eine lange Allee. Zuerst verschwindet ein Auto die Allee herunter, in dem Estrellas Vater sitzt. Estrella blickt ihm nach. Die Leinwand wird schwarz. Dann kommt ein Fahrrad die Alle herunter. Der Moment, in dem klar wird, dass es Estrella ist, das gleiche Mädchen, wirkliche zehn Jahre später, ist weniger ein Erschrecken über die Authentizität der Erzählung, als über die Wirklichkeit der Zeit.
Das ist ein Effekt, der sich in Linklaters Boyhood ständig wiederholt. Linklater setzt zwischen den einzelnen Episoden, die jeweils ein Jahr auseinander liegen, keine Schwarzblenden. Der Film fließt dahin wie eine konventionelle Filmerzählung, und trotz seines eigentlich gemächlichen Erzähltempos verdichtet er ein Leben so, dass einem schwindelig wird. Von einer zur nächsten Szene wird Mason älter und erwachsener, vom ganz kleinen Jungen zu einem Jungen mit sehr eigenen Gedanken, und der Fähigkeit, sie zu artikulieren, von einem verschüchterten pubertären Jungen, der sich von älteren zu dummem Zeug anstiften lässt, zu einem selbstbewussten, introvertierten Jungen, der in der ersten Liebe seine Seelenverwandte gefunden zu haben glaubt, und schließlich zu einem jungen Mann, der sich allein in einen neuen Lebensabschnitt aufmacht. Die Übergänge zwischen manchen Jahren sind kaum spürbar, manchmal sind sie ebenso erschreckend wie in Erices EL SUR.
BOYHOOD konzentriert sich auf Schüsselszenen aus Masons Leben, die aber auf den ersten Blick wie zufällig aus dem Alltag gegriffen erscheinen. Seine ältere Schwester (Lorelei Linklater) terrorisiert den sechsjährigen Mason, ohne dass Mason weiß, wie er sich wehren kann. Er bekommt heftige Streits zwischen seinen Eltern mit, seine Verunsicherung, nachts allein im Bett liegend, wirkt aber zugleich als entstehe eben in diesen Momenten der Angst und Machtlosigkeit eine eigene Persönlichkeit. Die Eltern trennen sich, vor allem weil seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) genug davon hat, die Familie mit ihren Jobs über Wasser zu halten, während Mason sr. (Ethan Hawke) seinen Traum von der Karrriere als Rockmusiker verfolgt. BOYHOOD erzählt auch die Geschichte der Eltern, die idiotischen Beziehungen, in die Olivia sich immer wieder verstrickt, bevor sie zu einer selbstbewussten Uni-Dozentin wird, und die Desillusionierung von Mason sr., der schließlich als Versicherungsmakler arbeitet und seinen Sportwagen gegen eine Familienkutsche tauscht. Die intensivste Episode ist die von Olivias zweiter Ehe mit einem Universitätsprofessor, der zunächst wie der Retter wirkt, der Olivia und ihren Kinder endlich das bürgerliche Leben bietet, von dem sie träumt. Bei ihrer ersten Begegnung strahlt Mason den Stiefvater in spe noch an. Kurz darauf entpuppt der sich erst als autoritärer Haustyrann, dann als heimlicher Trinker, dann als aggressiver Alkoholiker, der offen beim Familienessen säuft und herumbrüllt, dann liegt Masons Mutter plötzlich in der Garage. Auch in diesen Szenen ist Masons Hilflosigkeit erschreckend, aber er fürchtet sich nicht mehr ausschließlich, er beginnt auch zu begreifen, dass er Dinge erkennt, die andere nicht erkennen.
Linklater ist ein freundlicher Regisseur, der mit allen seinen Figuren, mit Ausnahme der gewalttätigen, große Sympathie hat. Masons Vater erscheint für den Jungen und seine Schwester lange als Fluchtpunkt. Sein Slacker-Lebensstil bietet Entspannung und Halt, während das bürgerliche Elternhaus, das ihre Mutter für sie bauen wollte, zur Kleinfamilienhölle wird. Natürlich wird auch Mason sr. irgendwann seinen Sohn irgendwann enttäuschen, aber zu einem Zeitpunkt, an dem Mason schon weiß, dass niemand so perfekt ist, wie es den Anschein hat.
BOYHOOD ist ein perfektes Gegenstück zu Linklaters BEFORE SUNRISE/SUNSET/MIDNIGHT-Trilogie, die neben der Frage nach den Momenten, in denen Liebe und Zwietracht entstehen, auch das Älterwerden einer Generation zum Thema hatte. Nur geht es bei BOYHOOD mehr um Momente der Erkenntnis und Momente des Glücks. BOYHOOD ist auch ein Film über die Erinnerung an solche Momente und die meisterhafte Biografie einer Generation. Trotz aller technischen Gadgets von Playstations bis zu Iphones, mit denen Linklater die Zeit seines Films historisch verortet, geht es aber weniger um Masons Generation als um Linklaters Erinnerung an das Erwachsenwerden seiner eigenen Generation, der Generation der heute um die 50-jährigen.

Tom Dorow

Details

USA 2002-2014, 163 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater
Kamera: Shane F. Kelly, Lee Daniel
Schnitt: Sandra Adair
Verleih: Universal Pictures International Germany
Darsteller: Patricia Arquette, Ethan Hawke, Ellar Coltrane, Tamara Jolaine, Sam Dillon
FSK: 6
Kinostart: 05.06.2014

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