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Barbie

Every night is girls‘ night

Greta Gerwig feiert Barbie als feministisches Rollenmodel, veralbert sie als unerreichbares Frauenideal und zelebriert dabei die Barbie-Produktwelt.

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Greta Gerwigs Barbie-Film hat mir schon im Vorfeld eine Menge Freude bereitet. Die Trailer, Plakate, Clips und Interviewschnipsel, die ein Marketingteam im Overdrive strategisch über Monate hinweg auf Social Media platziert hat, verbreiteten inmitten von Post-Pandemie und Prä-Faschismus eine quietschbunte Fröhlichkeit und wurden zu viralen Hits. In den begleitenden Debatten hatten Frauen endlich die Oberhand beim enzyklopädischen Nerdwissen. Und das galt nicht nur für diejenigen, die mit Barbies gespielt haben – auch in wessen Familie die blonde Karrierepuppe mit der anorexischen Uhrglasfigur als bösartiges Kapitalismussymbol verpönt war, war im Gespräch willkommen. Diese Ambivalenz schien auch der Film, den Gerwig im Auftrag der Spielzeugfirma Mattel gedreht hat, zu adressieren: „If you love Barbie, this movie is for you. If you hate Barbie, this movie is also for you.“, verspricht der clevere Slogan.

Auf BARBIE lasteten also einige Erwartungen. Ob die im Einzelnen erfüllt werden oder nicht, ist allerdings vielleicht gar nicht so wichtig bei einem Film, der mit seinem gutgelaunten Girlboss-Feminismus vor allem als Event funktioniert und als kompletter Ausgehabend mit Vorfreude, Filmgucken und ausführlich Nachbesprechen bestens funktionieren wird. BARBIE ist voller liebevoll verspielter Details und Witze, die sich vor allem aus der Logik der Barbiepuppenwelt speisen. Die Hintergründe in Barbieland sind gemalt. Wenn Barbie trinkt, kommt keine Flüssigkeit aus dem Becher, und Barbies rasanter Cabrio fährt im Schneckentempo durch die Gegend, als würde er von einer unsichtbaren Kinderhand geschoben. Bis auf unsere Heldin, die „stereotypical Barbie“ (unfassbar makellos: Margot Robbie) haben die Barbies alle Jobs, von der Müllfrau bis zur Präsidentin, während die Kens „einfach bloß Ken“ sind. „Beach Ken“ (Ryan Gosling in seiner besten Rolle) erläutert, dass sein Job „Beach“ ist, also Strand. Die Barbies haben als Präsidentinnen und höchste Richterinnen das Sagen in Barbieland, sie besitzen die Traumhäuser, und am Abend nach der Party müssen die Kens gehen, denn „every night is girls‘ night“.

Die Idylle bekommt Risse, als es mitten in der Tanzroutine aus Barbie herausplatzt „Denkt ihr je an den Tod?“. Am nächsten Tag ist dann alles nicht mehr ganz so perfekt: Die Dusche kalt, der Toast verbrannt, und der an High Heels angepasste Fuß FLACH!!! Um die Störung zu beheben, muss Barbie in die reale Welt reisen, die anders ausfällt als gedacht. Statt vom Barbie-Feminismus empowered zu sein und Barbie als Heldin zu feiern, ringen Frauen hier immer noch um Gleichberechtigung, und einige hassen Barbie sogar. Ken allerdings ist begeistert von der neu entdeckten „Patriarchy“, die er so zusammenfasst: „Patriarchy is when men and horses run everything“ (Patriarchat bedeutet, dass Männer und Pferde alles bestimmen.) Als der Mattel-Konzern mitbekommt, dass es eine Barbie in die reale Welt verschlagen hat, macht sich das komplett männliche Direktorium in einer Slapstick-Verfolgung auf den Weg, um die Puppe zurück in ihre Verpackung zu bekommen.

Der Plot von BARBIE ist alles andere als stringent. Das Drehbuch von Greta Gerwig und Noah Baumbach, das Barbie als feministisches Rollenmodel feiert (Barbiepuppen waren Astronautinnen bevor es die im realen US-Amerika gab), als unerreichbares Frauenideal veralbert (der größte Schrecken einer menschlichen Existenz ist Cellulitis) und die Barbie-Produktwelt dabei ironisch zelebriert, verheddert sich in widersprüchlichen Ideen. Besonders deutlich wird das an Ken, den Ryan Gosling mit so viel Charme, Komik und diesem anhänglichen Hundeblick spielt, dass er und sein Versuch, sich von seinem Job als Begleitperson zu emanzipieren, zu einem Hauptanliegen des Films werden. Der Barbielandtraum von einer komplett frauendominierten Welt lässt ein Happy End für Ken aber eigentlich nicht zu.

Ungemütlicher ist das rumpelige Nebeneinander von BARBIE als Autorinnenfilm und BARBIE als Produktmarketing. In einem unsicherer werdenden Filmmarkt setzen Produktionsfirmen mittlerweile verstärkt auf die Verfilmung von IP (Intellectual Property), also die Verfilmung von Inhalten, die dem Publikum schon aus anderen Kontexten bekannt sind, seien es Bücher, Filme, Songs oder eben Spielzeuge. BARBIE ist die erste Produktion des Spielzeugkonzerns Mattel, der in den kommenden Jahren in einer gigantischen Marketingoffensive über 40 seiner Spielzeuge in Kooperation mit verschiedenen Filmstudios zu Filmprojekten verarbeiten will und dafür namhafte Talente verpflichtet. So arbeitet Daniel Kaluuya an einer Filmversion von Dinosaurier Barney, Lena Dunham soll einen Polly-Pocket-Film drehen, und sogar ein Skript für das Kartenspiel UNO ist in Arbeit. (Mehr dazu findet sich in der ausgezeichneten Recherche des New Yorker)

Bei aller freundlichen Ironie und Doppelbödigkeit ist Barbie also auch ein Film, zu dessen Kernidee es gehört, Produkte zu verkaufen (die Barbie-Sales bei alleinstehenden Erwachsenen sind bereits angestiegen, und zum Marketing gehören über 100 Marken-Kooperationen von der pinkfarbenen Zara-Klamottenreihe bis zur Duftkerze), und der sich wirkliche Transgression oder Kritik nicht leisten kann und will. In Interviews betonen sowohl Gerwig als auch die Mattel-Firma die große künstlerische Freiheit, auf die Gerwig bei Skript und Umsetzung bestanden hat, aber es gab mindestens einen irritierenden Moment, eine Collage gegen Ende des Films voller lachender Frauen und Mädchen, die unvollständig scheint, zu ausschließlich positiv, und bei der ich mich gefragt habe, wie viel Mattel wohl doch mitgemischt hat. Die Einbindung des Mattel-Teams in den Plot hat mich an die Cringe-Momente in Netflix-Serien erinnert, wenn die Firma erwähnt wird, oder an Böhmermann, wenn er on air über das ZDF lästert.

BARBIE geht offen und souverän mit seiner Herkunftsgeschichte um, und vielleicht sind es gerade die Widersprüche, die den Film nicht nur zu einem unterhaltsamen, sondern auch zu einem überaus interessanten Kulturprodukt machen. Ob das allerdings auch für die x-te Mattel-Produktion noch zutreffen wird, ist zweifelhaft.

Hendrike Bake

Details

USA 2023
Genre: Komödie, Abenteuer, Fantasy
Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig
Kamera: Rodrigo Prieto
Musik: Alexandre Desplat
Verleih: Warner Bros.
Darsteller: Margot Robbie, Will Ferrell, Ryan Gosling, Emma Mackey, Michael Cera, Rhea Perlman, Ariana Greenblatt, Issa Rae
Kinostart: 20.07.2023

Website
IMDB

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