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Asche ist reines Weiß

Gangsterbraut vor Landschaft

Um ihren Geliebten, den Gangster Bin zu schützen, geht die junge Qiao für fünf Jahre ins Gefängnis. Als sie entlassen wird, hat sich die Welt verändert. Seit Einführung der kapitalistischen „Zwischenwirtschaftsform“ in China sind die Gangster zu Unternehmern geworden, Bin ist verheiratet.

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Ein Epos aus China. Bei den großen Regisseuren der so genannten fünften Generation – allen voran Zhang Yimou und Chen Kaige – waren das schwelgerisch ausgestattete Filme wie LEBEWOHL, MEINE KONKUBINE oder HERO, die in vergangenen Epochen spielten und meist zumindest unpolitisch blieben, wenn sie nicht gar staatstreu waren. Seit Ende der 90er Jahre ist die sechste Generation aktiv, und wenn deren wichtigster Vertreter, Jia Zhang-Ke, ein Epos dreht, kommt dabei ein Film wie ASCHE IST REINES WEISS heraus: Schwelgerisch ist hier gar nichts, bunte Kostüme sucht man ebenfalls vergeblich, und der Schauplatz ist die chinesische Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts, eine Ära, in der die besondere Form des chinesischen Kapitalismus begann und alte Werte verloren gingen.

Ein längerer Prolog spielt 2001, irgendwo in der chinesischen Provinz, wo die junge Frau Qiao (Tao Shao) lebt und den lokalen Gangster Bin (Liao Fan) liebt. Bei einem Angriff durch eine feindliche Gang kommt es zu einem Schusswechsel, Qiao greift zur Waffe, um Bin zu beschützen und wird verhaftet. Ihren Geliebten verrät sie nicht, und so wird sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Als sie 2006 entlassen wird, hat sich China radikal gewandelt, der Übergang zum Kapitalismus verändert alle Aspekte des Landes, nur Qiaos Liebe zu Bin ist die gleiche geblieben.

Doch Bin ist längst weitergezogen, hat sich in den Strudel der neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten gestürzt, ist nicht länger ein Gangster, sondern ein Geschäftsmann – was in diesem System oft dasselbe ist – und hat natürlich auch eine neue Frau. Qiao macht sich auf die Suche: Nach Bin, aber vor allem auch nach sich selbst und ihrem Platz in einer sich radikal verändernden Welt, in der Bauprojekte wie der Drei-Schluchten-Damm ganze Landstriche verändern können.
Der Staudamm und die von ihm angerichtete Zerstörung sind ein Motiv, zu dem Jia immer wieder zurückkehrt. Manche Bilder, die er für seinen international größten Erfolg STILL LIVE gedreht hatte, für den er 2006 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, finden sich in ASCHE IST REINES WEISS wieder. Diese im fast quadratischen Normalformat, in „grobkörnigem“ Digital gedrehten Aufnahmen sind eingebettet in Bilder, die auf unterschiedlichstem Filmmaterial und in diversen Bildformaten gedreht wurden und den Wandel der Zeit spiegeln.

Zum ersten Mal stand diesmal der Franzose Eric Gautier für Jia hinter der Kamera, dessen lyrische Bilder sich perfekt in die melancholische Grundstimmung einfügen, die Jia auch diesmal wieder evoziert. Nicht zuletzt durch ein besonders markantes Musikstück, dass Fans des Hong Kong-Actionkinos sofort als Sally Yehs Titelsong aus John Woos legendärem Gangsterepos THE KILLER identifizieren werden. Kein Zufall natürlich, denn Jia deutet an, wie sehr die Welt des Kinos –
die Gangster-Attitüden, die beidhändigen Schießereien – als Vorbild für die jungen Gangster in der chinesischen Provinz fungiert. Im Laufe des Films wird die Illusion des schnellen Geldes durch Verbrechen jedoch durch eine andere abgelöst: die des schnellen Geldes durch den Vormarsch des Kapitalismus.

Ohne die Parallelen zwischen Gangsterwesen und Raubtierkapitalismus überdeutlich zu machen, deutet Jia die Folgen an, die beide für das Land und seine Menschen haben. Auch wenn Qiao langsam wieder auf die Füße fällt, mit List und Tücke selbst zur Anführerin einer Gang wird: So glücklich wie in den ersten Szenen des Films, als sie und Bin nur für den Moment ihrer Liebe lebten, ist sie nie wieder zu sehen. Doch vielleicht war auch dieser kurze Moment nur eine Illusion, denn die Melancholie des Verlustes ist Jia Zhang-Kes Meisterwerk ASCHE IST REINES WEISS vom ersten Moment an eingeschrieben.

Michael Meyns

Details

Originaltitel: Jiang hu er nv
Frankreich/China 2018, 150 min
Sprache: Mandarin
Genre: Drama, Romance, Krimi
Regie: Jia Zhang-Ke
Drehbuch: Jia Zhang-Ke
Kamera: Eric Gautier
Musik: Giong Lim
Verleih: Neue Visionen
Darsteller: Tao Zhao, Fan Liao, Xiaogang Feng, Zheng Xu
Kinostart: 28.02.2019

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