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Ammonite

Patriarchale Kiesel

Kate Winslet spielt die Paläontologin Mary Anning, die an der Südküste Englands Fossilien sammelt und an Touristen verkauft. Für einen Kunden soll sie sich um dessen kränkliche Ehefrau Charlotte (Saoirse Ronan) kümmern, der Seeluft verschrieben wurde.

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Im Mittelpunkt von AMMONITE stehen zwei zunächst einmal erfrischend schlecht gelaunte Frauen. Wir schreiben die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Paläontologin Mary Anning (Kate Winslet) - die es übrigens wirklich gab - bringt sich und ihre Mutter durch, indem sie an der Südküste Englands Fossilien sammelt, säubert, kategorisiert und an Touristen verkauft. Es ist eine anstrengende und dreckige Arbeit, deren Ergebnisse wenig einbringen und dann umetikettiert in den Vitrinen männlicher Sammler und Institutionen landen. Kein Wunder also, dass Mary dem jungen Möchtegern-Sammler Roderick Murchinson der mitsamt seiner männlich-selbstverständlichen Anspruchshaltung bei ihr einschneit und um eine Führung bittet, ruppig begegnet. Wenig mehr Liebe bringt sie seiner kränklichen Frau Charlotte entgegen, mit der sie gegen Bezahlung am Meer spazieren gehen soll, während Murchinson durch Europa tourt. Auch Charlotte (Saoirse Ronan), die lieber den Tag depressiv im Bett verbringen würde, ist von dieser Aussicht nicht begeistert.
Winslet ist wunderbar als spröde Forscherin und ist zudem eine der wenigen Schauspielerinnen, der man körperliche Arbeit tatsächlich abnimmt. Ronan setzt ihr eine junge Frau gegenüber, die einerseits wirklich geschwächt und verletzlich, andererseits aber auch launisch und verwöhnt ist. In beiden Fällen ist das schroffe Äußere nicht nur Ausdruck einer widerständigen Persönlichkeit, sondern auch Ergebnis gesellschaftlicher Erfahrungen. Natürlich nähern sich die beiden Frauen trotz, oder vielleicht auch gerade wegen ihrer „schwierigen“ Art, an und lassen sich schließlich auf eine Affäre ein, von der beide wissen, dass sie geheim bleiben und enden muss, sobald Roderick von seinen Reisen zurück ist.
Auf den ersten und auch noch auf den zweiten Blick erinnert Francis Lees AMMONITE an Céline Sciammas PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN. Nicht nur die historische Verortung die Geschichte, auch die Konstellation der Figuren und die Interessen der Filmemacherinnen ähneln sich. Beide Filme finden fast ausschließlich in der weiblichen Sphäre statt. Wie Sciamma hat Lee einen Blick nicht nur für Geschlechterverhältnisse, sondern auch für Klassenverhältnisse. Beide Regisseurinnen inszenieren die Welt ihrer Protagonistinnen enorm physisch und machen raue und feine Stoffe, Kälte, Wind, Hunger und Dunkelheit spürbar. Doch während Sciamma von der Unmöglichkeit eines guten weiblichen Lebens im Patriarchat erzählt und auf ein unvermeidlich trauriges Ende hin inszeniert, ist Lee auf der Suche nach Möglichkeiten und Schlupflöchern, nach Spuren einer lesbischen Gegenwelt in der Vergangenheit, oder anders gesagt, nach den Fossilien lesbischen Alltagslebens in einem Haufen patriarchaler Kiesel.

Hendrike Bake

Details

Großbritannien 2020, 120 min
Genre: Drama, Romance, Biografie
Regie: Francis Lee
Drehbuch: Francis Lee
Kamera: Stéphane Fontaine
Schnitt: Chris Wyatt
Musik: Volker Bertelmann, Dustin O'Halloran
Verleih: Tobis Film
Darsteller: Saoirse Ronan, Kate Winslet, Fiona Shaw, Gemma Jones, Clarie Rushbrook
FSK: 12
Kinostart: 04.11.2021

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