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Alki Alki

Freund Flasche wanzt sich an

Axel Ranischs neuer Film ALKI ALKI erzählt vom erfolgreichen Architekten Tobias (Heiko Pinkowski) und seinem dicksten Freund Flasche (Peter Trabner), mit dem Tobias jede Menge Spaß hat, der aber auch alles zerstört, was ihm wichtig sein könnte. Eine deutsche Mumblecore-Komödie zwischen Mephistopheles und MEIN FREUND HARVEY.

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Axel Ranisch dreht Filme, als wäre es sein Hobby. Das ist überhaupt nicht abwertend: Wie penibel so mancher seine Briefmarken pflegt, wie leidenschaftlich ein anderer seinen Verein liebt – mit solcher tief verinnerlichten Freude geht Ranisch ans Filmemachen heran. Ganz offen, mit ganzem Herzen, mit voller Kraft dreht er seine ganz persönlichen Geschichten.
Axel Ranisch filmt mit Liebe. Und mit Freunden: Seit seinem Debüt DICKE MÄDCHEN, der zärtlichen Liebesgeschichte zwischen zwei gestandenen Männern, arbeitet er mit Peter Trabner und Heiko Pinkowski zusammen, ohne deren Witz, Körperlichkeit und Improvisationstalent die "German Mumblecore"-Bewegung undenkbar wäre. Ranisch, Trabner und Pinkowski sind auch Drehbuch-Co-Autoren, Pinkowski zudem ein besonders enges Mitglied von Ranischs Filmfamilie, zusammen mit Produzentin Anne Baeker und Kameramann Dennis Pauls Teil seiner "Sehr gute Filme"-Produktionsfirma. Aus dieser factory kommen Meisterwerke wie der seltsam verdrehte, höchst liebenswürdige und dabei ad hoc improvisierte Kinderfilm REUBER – oder eben ALKI ALKI.
Heiko Pinkowski ist Tobias, gemütlicher Familienvater, geachteter Architekt und in steter Begleitung seines dicksten Freundes: Flasche, den Peter Trabner in der ihm eigenen Mischung aus Annäherungsversuch und Gereiztheit gibt. Seit Jugendzeiten haben sie eine Menge Spaß, mehr, als Ehefrau, Kinder, Beruf oder das Leben an sich ihm je bieten könnten. Aber Flasche ist auch sein Feind, der mutwillig alles zerstört, was irgendwie wichtig sein könnte. Flasche ist die Sucht, inszeniert als Mischung aus Mephistopheles-Versuchung und Mein-Freund-Harvey-Glück.
Zu Anfang des Films erleben wir ein Liebesspiel zwischen Tobias und seiner Frau Anika (Christina Grosse), es könnte sich aber auch um den Kampf um eine Flasche Bier handeln; eine Art Theater-Performance im Himmelbett, inklusive Retro-Kostümen, zugleich eine Art spielerische Menage-à-trois, weil auch Flasche sich immer wieder dazugesellt; dann tritt ein Bänkelsänger auf – Robert Gwisdek als Käpt'n Peng –, der als gitarrebewaffneter Troubadour die Handlung begleitet: Schon die ersten Minuten führen uns direkt hinein in dieses filmgewordene Happening, in dem das Psychische und das Physische, das Innere und das Äußere keine Unterscheidung mehr kennt. Es ist die Geschichte einer ganz alltäglichen Alkoholsucht, die sich Ranisch hier vornimmt – so, wie er in seinem vorherigen Film ICH FÜHL MICH DISCO die Tragik des Todes einer Mutter betrachtete; freilich, um daraus eine Komödie zu stricken, die das Traurige in sich aufnimmt, ohne ihm seinen Wert zu nehmen. So erleben wir in ALKI ALKI die Welt, wie sie Tobias gefällt: Zwischen Exzess und Wunschdenken, zwischen Verdrängung und Verharmlosung lebt er seine Sucht aus, seine Flaschen-Freundschaft. Und wie pointiert Ranisch da zu Werke geht: Ehefrau Anika verdrängt die Probleme. Um sie zu lösen, führt sie den Gatten aus ins noble Restaurant, wo dieser dem feinen Tropfen "Vin d'alcohol" nicht entkommen kann: Der Architektur-Geschäftspartner greift sich bei einer Aussprache erstmal zur Beruhigung ein Bier; und Flasche, wenn er seine Felle bei Tobias davonschwimmen sieht, wanzt sich ungeniert an dessen Sohn ran…
An einer Therapie kommt Tobias nicht vorbei; doch Ranisch schert nicht in einen moralischen Läuterungsduktus ein, nein: Er zeigt deutlich die Abhängigkeiten der Patienten, einen Spieler, eine Nymphomanin, einen pillenverschreibenden Doktor. Sucht, sprich: Sehnsucht und Selbstsucht, hat viele Gesichter, aber die immergleichen Auswirkungen, und dieselbe verführerische Klebrigkeit, wegen der man so schlecht von ihr loskommt.
Ranisch beschönigt nicht. Weil er sich nicht verbiegt. Sondern weil er einfach das macht, was er liebt: Filme. Und zwar sehr gute.

Harald Mühlbeyer

Details

Deutschland 2015, 102 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama, Komödie
Regie: Axel Ranisch
Drehbuch: Peter Trabner, Heiko Pinkowski, Axel Ranisch
Kamera: Dennis Pauls
Schnitt: Guernica Zimgabel, Milenka Nawka
Verleih: missingfilms
Darsteller: Oliver Korittke, Iris Berben, Thorsten Merten, Robert Gwisdek, Christina Große, Peter Trabner, Heiko Pinkowski, Claudia Jacob
FSK: 12
Kinostart: 12.11.2015

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