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INDIEKINO BERLIN: Filmkritik 7 Tage in Entebbe
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7 Tage in Entebbe

Mehr Psychodrama als Doku-Fiction

José Padilhas Verfilmung der Entführung einer Air France Maschine am 27. Juni 1976 durch zwei Angehörige der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ und die deutschen Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ Winfried Böse und Brigitte Kuhlmann interessiert sich vor allem für die Rolle, die Winfried Böse bei der Entführung gespielt hat.

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Der brasilianische Regisseur José Padilha hat sich bereits mit seinen TROPA DE ELITE Filmen (2007 und 2010) und der TV-Serie „Narcos“ (2015) mit Fragen der privaten Moral von ambivalenten Figuren beschäftigt. Seine Verfilmung der Ereignisse um die Entführung der Air France Maschine am 27. Juni 1976 durch zwei Angehörige der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ und die deutschen Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ Winfried Böse und Brigitte Kuhlmann interessiert sich vor allem für die Rolle, die Winfried Böse bei der Entführung gespielt hat. Bei der Aufführung des Films im Wettbewerb der Berlinale reagierte die Kritik eher enttäuscht: Der rasante Actionfilm, den man von Padilha erwartet hatte, ist ENTEBBE nicht. Actionfilme über die israelische Kommandotruppe, die am 4. Juli in Entebbe landete und die Geiseln befreite, wurden allerdings auch schon wenige Wochen nach der Aktion gedreht, in den USA und in Israel. Für die israelischen Kommandos interessiert sich Padilha kaum. Ihre Aktion war wesentlich komplexer als im Film dargestellt. Nur der kontroverse erste Schuss des leitenden Offiziers Jonathan Netanjahu (der ältere Bruder des amtierenden israelischen Ministerpräsidenten) kommt zumindest vor. Padilha versucht, während des tagelangen Dramas im Flughafen von Entebbe in die Seele von Winfried Böse zu kriechen, dessen belegte und nicht belegte Handlungen zur Urszene des Antisemitismus-Vorwurfs gegen die deutsche außerparlamentarische Linke geworden sind. Daniel Brühl spielt Böse als einen naiven Typen, der nicht wirklich kapiert, auf was er sich da eingelassen hat. Der eigentliche Skandal, die Trennung der Geiseln in israelische - oder in manchen Quellen: in jüdische – und andere Geiseln, führt hier zu einer Art Zusammenbruch von Böses Selbst- und Weltbild. Größere Genauigkeit des Ablaufes der Aktion insgesamt hätte dem Film gut getan. So ist ENTEBBE mehr Psychodrama als Doku-Fiction.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: 7 Days at Entebbe
Großbritannien 2018, 107 min
Genre: Historienfilm, Politthriller, Action, Thriller, Krimi
Regie: José Padilha
Drehbuch: Gregory Burke
Kamera: Lula Carvalho
Musik: Rodrigo Amarante
Verleih: eOne
Darsteller: Daniel Brühl, Rosamund Pike, Eddie Marsan, Ben Schnetzer
FSK: 12
Kinostart: 03.05.2018

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