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45 Years

Zeitkapseln

Geoff Mercer (Tom Courtenay) ist ein pensionierter Ingenieur, überzeugter Linker und Gewerkschafter, Tory- und New Labour-Hasser, ein gealterter, aber immer noch wütender Rebell. Seine Frau Kate (Charlotte Rampling) ist eine beherrschte, organisierte, selbstbewusste Dame, die gerade die Feier zum 45. Hochzeitstag des Paares vorbereitet. Als Geoff die Nachricht erhält, dass seine bei einer Bergwanderung vor 45 Jahren verunglückte Verlobte Katya im Eis einer Gletscherspalte eingefroren gefunden worden ist, gerät die eingespielte Welt des Paares ins Wanken.

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Zwischen 1808 und 1811 muss Johann Peter Hebel ein Buch mit dem verführerischen Titel „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften“ gelesen haben, in dem der Münchner Professor Gotthilf Heinrich Schubert von einem Vorfall aus der schwedischen Kupferbergbaustadt Falun berichtete. Ein verunglückter Bergmann sei nach 50 Jahren bei einem Durchbruch zwischen zwei Stollen in Eisenvitriol konserviert gefunden worden, seine ehemalige Braut, inzwischen eine alte Frau, sei die einzige gewesen, die den Leichnam habe identifizieren können: „Denn als um den kaum hervorgezogenen Leichnam das Volk, die unbekannten Gesichtszüge betrachtend, stand, da kommt an Krücken und mit grauem Haar ein altes Mütterchen, mit Tränen über den geliebten Todten, der ihr verlobter Bräutigam gewesen, hinsinkend, die Stunde segnend, da ihr noch an den Pforten des Grabes ein solches Wiedersehen vergönnt war, und das Volk sah mit Verwunderung die Wiedervereinigung dieses seltsamen Paares, von denen das Eine im Tode und in tiefer Gruft das jugendliche Aussehen, das Andere bei dem Verwelken und Veralten des Leibes die jugendliche Liebe treu und unverändert erhalten hatte und wie bei der fünfzigjährigen Silberhochzeit der noch jugendliche Bräutigam starr und kalt, die alte und graue Braut voll warmer Liebe gefunden wurde.“ Aus dieser Beschreibung des Vorfalls entwickelte Hebel seine Kalendergeschichte „Unverhofftes Wiedersehen“, die Ernst Bloch in einem Nachwort zu einer Ausgabe der Kalendergeschichten von 1965 „die schönste Geschichte der Welt“ nennen sollte.

45 YEARS beruht auf der Kurzgeschichte „In Another Country“ des britischen Dichters, Schriftstellers und Übersetzers David Constantine. Constantine ist einer der wichtigsten Übersetzer deutscher Literatur in Großbritannien. Er übersetzte Goethes „Faust“, Hölderlin und Kleist. „In Another Country“ ist eine Fortschreibung der Geschichte von der verlorenen Liebe als Zeitkapsel, in der der Autor Hebels Kalendergeschichte in ein anderes Milieu, eine andere Zeit und in moderne Psychologie transportiert. Constantines Geschichte akzentuiert den Schrecken, der in Hebels Geschichte aufgehoben ist. Was, wenn ein solches Ereignis wirklich in ein Leben einbrechen würde, in ein reales Leben mit seiner eigenen persönlichen Geschichte, die in Hebels Version nicht vorkommt? Was, wenn ein biografischer Bruch wie der Tod einer Geliebten 45 Jahre später alte und neue Wunden aufreißt? In Constantines Geschichte erhält Mr. Mercer die Nachricht, dass seine Jugendliebe Katya, die einst in den Alpen verunglückt war, in einer Gletscherspalte eingefroren aufgefunden wurde. Mr. Mercer erlebt einen Sturm der Gefühle, nach außen aber scheint er den Verstand zu verlieren. Mrs. Mercer empfindet die Besessenheit ihres Ehemannes als ungerecht, steht ihr aber machtlos gegenüber.

Andrew Haighs hat David Constantines Geschichte in seinem 45 YEARS virtuos adaptiert und den Blick nochmals geweitet. Geoff Mercer (Tom Courtenay) ist hier ein pensionierter Ingenieur, überzeugter Linker und Gewerkschafter, Tory- und New Labour-Hasser, ein gealterter, aber immer noch wütender Rebell. Seine Frau Kate (Charlotte Rampling) ist eine beherrschte, organisierte, selbstbewusste Dame, die gerade die Feier zum 45. Hochzeitstag des Paares vorbereitet. Als Geoff die Nachricht erhält, dass seine bei einer Bergwanderung vor 45 Jahren verunglückte Verlobte Katya im Eis einer Gletscherspalte eingefroren gefunden worden ist, gerät die eingespielte Welt des Paares ins Wanken. Geoff träumt sich in die Zeit mit Katya zurück. „We were heedless,“ sagt er, „Wir waren achtlos“. Sie seien damals einfach durch die Gegend gezogen, nicht wissend, wo sie hingehen wollten, aber in der Gewissheit, dass sie ankommen würden. Geoff sehnt sich zurück nach der Utopie, die immer auch ein Element der Unvernunft enthält. Dass er ausgerechnet von Tom Courtenay gespielt wird, der einst als Hauptdarsteller in Tony Richardsons DIE EINSAMKEIT DES LANGSTRECKENLÄUFERS (1962) voller Wut den Autoritäten vor die Füße gespuckt hat und einer der ikonischsten Rebellen der sechziger Jahre war, verschafft dem Film eine weitere Ebene. Charlotte Rampling, mindestens ebenso ikonische und provokante Stilikone der sechziger und siebziger Jahre (DER NACHTPORTIER, DIE VERDAMMTEN) erscheint hier als die Dame aus einer höheren Schicht, die sich den Rebellen ausgesucht hat, und seine Schrullen, seine innere Wut, lange toleriert hat, vielleicht sogar davon fasziniert war, sich sonst aber vor allem für ihren englischen Landschaftsgarten interessiert, dieses Ideal einer Künstlichkeit, die Natur simuliert und zu übertreffen sucht. Und nun erkennt sie plötzlich, dass sie nur die zweite Liebe ihres Mannes war. Katya, das war der utopische Sozialismus, die Jugend, die unvernünftige Liebe und die Romantik, Kate und Geoffs Ehe war ein überstürzter Kompromiss, New Labour, die vermeintliche Vernunft, die sich nur eine romantische Kokarde an den Hut gesteckt hat. 45 YEARS ist ein wundervoller, psychologisch genauer Film, mit zwei grandiosen Darstellern, der die Zeitkapsel, von der Hebbels Kalendergeschichte handelte, mit großer Klugheit auf die britische Gesellschaft und auf die europäische Filmgeschichte überträgt. Charlotte Rampling und Tom Courtenay erhielten bei der Berlinale gemeinsam den silbernen Bären als beste Darsteller.
Tom Dorow


Unverhofftes Wiedersehen

In Falun in Schweden küsste vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr: »Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein.« – »Und Friede und Liebe soll darin wohnen«, sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln, »denn du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein als an einem andern Ort.« Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer zum zweiten Male in der Kirche ausgerufen hatte: »So nun jemand Hindernis wusste anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen«, da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbei ging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergass ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preussen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten eine Öffnung durchgaben wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war, also dass man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte, »es ist mein Verlobter«, sagte sie endlich, »um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen lässt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er auf die Grube gegangen und nimmer gekommen.« Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen liess, als die einzige, die ihm angehöre und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, (schloss sie ein Kästlein auf), legte (sie) ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um und begleitete ihn in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: »Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitbett, und lass dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten«, sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute.


Johann Peter Hebel, 1811, in: Der rheinische Hausfreund

Tom Dorow

Details

Großbritannien 2015, 93 min
Genre: Drama
Regie: Andrew Haigh
Drehbuch: Andrew Haigh
Kamera: Lol Crawley
Schnitt: Jonathan Alberts
Verleih: Piffl Medien
Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Courtenay, Geraldine James, Dolly Wells, David Sibley
FSK: oA
Kinostart: 10.09.2015

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