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303

Road-und-Rede-Movie

Als Jan von seiner Mitfahrgelegenheit versetzt wird, heuert er bei Jule an, die mit einem alten Caravan auf den Weg nach Portugal ist. In den langen Stunden im Caravan, auf Campingplätzen und bei Picknickpausen werden aus den beiden Verliebte.

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Jule und Jan sind beide nicht die Super-Achiever. Zu Beginn von Hans Weingartners wunderschönem Road-und-Rede-Movie versemmelt Jule ihre Bio-Chemie-Prüfung, weil sie sich den Zitronensäurezyklus nicht merken kann. Ihr Einwand, sie sei eine gute Biologin und Fakten könne man ja zur Not googeln, beeindruckt die Prüfer nicht. Jan erhält ein Politik-Stipendium bei der Konrad-Adenauer-Stiftung nicht, obwohl er eine ausgezeichnete Arbeit vorgelegt hat. Zu progressiv, sagt der Prof, und: „Man muss auch strategisch denken.“ „Und was ist mit Haltung?“, fragt Jan zurück.

Von Anfang an erzählt 303, dass diese beiden sich verstehen könnten, auf eine ähnliche Art mit den Ansprüchen hadern, die an sie gestellt werden, und entspinnt eine Liebesgeschichte, bei der es nicht nur darum geht, dass es Klick macht und man gemeinsam mit einer Vespa in den Sonnenuntergang fährt, sondern auch darum, wo Vertrauen herkommt, und wie es wächst.
Aber noch kennen sich Jan und Jule gar nicht, noch packen sie in ihren WG-Zimmern ihre Rucksäcke. Jule will mit dem alten Caravan ihres Bruders nach Portugal, um ihren Freund Alex zu sehen und mit ihm zu besprechen, wie sie damit umgehen soll, dass sie ungewollt schwanger ist. Jan will per Mitfahrzentrale nach Spanien, um seinen biologischen Vater zu treffen, den er noch nie gesehen hat, und der nichts davon weiß. Als Jan von seiner Mitfahrgelegenheit versetzt wird, trampt er bei Jule mit, die an der Tankstelle Öl nachfüllt, zunächst bis Köln.
Doch zuerst sieht es so aus, als würde nicht einmal Köln klappen, das Gespräch holpert, beide sind mit sich selbst beschäftigt, dann quatscht Jan Blödsinn – nicht zum letzten Mal – und merkt gar nicht, wie das bei Jule ankommt… Sie setzt ihn raus, nimmt ihn wieder mit. Erst nach Köln, dann weiter nach Frankreich, Spanien, Portugal. Sie reden weiter und weiter, die Gespräche werden besser und das Schweigen auch.

Über dafür unbedingt notwendige zweieinhalb Stunden verfolgt 303 wie Jan und Jule nach und nach, von holprigem Smalltalk über vehemente Auseinandersetzungen, ihre eigene Sprache entwickeln und damit eine gemeinsame Welt. Die Dialoge, die Mala Emde und Anton Spieker (beide bisher im TV unterwegs und beide toll) sprechen, wirken spontan, sind aber sehr sorgfältig geschrieben. Jule und Jan reden über die großen Dinge, und sie reden einfach nur so. Sie reden darüber, ob der Mensch grundsätzlich kooperativ (Jule) oder ein Wolf (Jan) ist, ob Liebe gleich Sex ist (Jan), oder doch etwas ganz anderes (Jule), und ob ein monogames Leben möglich ist. Sie debattieren mit Leidenschaft und Ernsthaftigkeit und Spaß. Sie sind gleichzeitig unwahrscheinlich offen und unwahrscheinlich defensiv.

Hans Weingartner (DAS WEISSE RAUSCHEN) interessiert sich für die Themen, die Jule und Jan verhandeln, für die Frage, wie man leben soll, und mit wem. Vor allem aber erzählt er, wie aus den beiden in den langen Stunden im Caravan, auf Campingplätzen und bei Picknickpausen Verbündete werden. Ähnlich wie in der BEFORE SUNRISE/BEFORE SUNSET/BEFORE MIDNIGHT –Trilogie von Richard Linklater und July Delpy verhandeln Jan und Jule ihre Gefühle übers Sprechen. Direkt und um die Ecke, mit Angriff und Verteidigung, mit Witzen und Selbsttäuschungen. Und ähnlich wie diese Vorbilder schwebt auch 303 auf einer Wolke von Vergänglichkeit, unausgesprochener Zärtlichkeit und in der Luft hängender Möglichkeiten.

Hendrike Bake

Details

Deutschland 2018, 145 min
Genre: Drama, Roadmovie
Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Hans Weingartner, Silke Eggert
Kamera: Mario Krause, Sebastian Lempe
Schnitt: Benjamin Kaubisch, Karen Kramatschek, Sebastian Lempe
Musik: Michael Regner
Verleih: Alamode Filmverleih
Darsteller: Mala Emde Anton Spieker Arndt Schwering-Sohnrey Thomas Schmuckert
FSK: 12
Kinostart: 19.07.2018

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