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WERK OHNE AUTOR erzählt vor dem Hintergrund von Nazismus, Kommunismus und Kapitalismus vom Werdegang eines deutschen Künstlers, der von der Biografie Gerhard Richters inspiriert ist.

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WERK OHNE AUTOR, welch ironischer Titel, gerade für einen Film von Florian Henckel von Donnersmarck, der für vieles bekannt ist, jedoch gewiss nicht für seine Bescheidenheit. Und so ist auch sein erster deutscher Film seit dem Welterfolg DAS LEBEN DER ANDEREN – dazwischen lag der misslungene Hollywood-Exkurs THE TOURIST – höchst ambitioniert, umspannt Jahrzehnte deutscher Geschichte, erzählt von Kunst und Krieg, von Nazis und Kommunisten, von Liebe und Tod. Das Ergebnis ist satte 188 Minuten lang, so faszinierend wie enervierend, beeindruckend in seiner großen Geste und fragwürdig in manchen Details, in jedem Fall aber der Film eines Regisseurs, der sich mit nichts weniger zufrieden gibt als mit Allem.

Die Idee zu seinem Film hatte Donnersmarck nach eigener Aussage, als er in einer Biografie über Gerhard Richter, dem wohl berühmtesten und einflussreichsten deutschen Maler der Nachkriegszeit – wie gesagt, kleiner geht es bei Donnersmarck nicht – von einer ebenso bizarren wie erschreckenden Episode las: Richters Tante, die der Künstler als kleiner Junge abgöttisch verehrte, war dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer gefallen und in den späten Kriegsjahren ermordet worden. Jahre später begann nun Richter eine Beziehung mit einer Frau, deren Vater entscheidend am Euthanasie-Programm der Nazis beteiligt war. Eine kaum zu glaubende Verbindung, die Donnersmarck jedoch nicht zu einem biografischen Film über Gerhard Richter nutzt, sondern als Ausgangspunkt für eine noch größere Erzählung: Von der Entwicklung Deutschlands zwischen Nazismus-Kommunismus-Kapitalismus, von Krieg und Verbrechen, von der bedingungslosen Liebe zweier Menschen und vor allem vom Wesen der Kunst.

Donnersmarcks Gerhard Richter heißt Kurt Barnert und er entdeckt die Kunst 1938 in Dresden, an der Hand seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl). Allerdings die von den Nazis als entartet bezeichnete Kunst, zu der sich seine Tante hingezogen fühlt. Auch deswegen wird sie bald eingewiesen und vom Oberarzt Carl Seeband (Sebastian Koch) erst zur Sterilisierung bestimmt und später in die Gaskammer geschickt. Dieser Seeband wird sich im Dresden der Nachkriegszeit als Vater von Ellie (Paula Beer) herausstellen, in die sich der angehende Künstler Kurt (jetzt gespielt von Tom Schilling) unsterblich verliebt. Trotz aller Bemühungen des Vaters ist die Liebe des Paares unzerstörbar, man emigriert in den Westen, wo Kurt an der Düsseldorfer Kunstakademie in Antonius van Verten (Oliver Macussi als Joseph Beuys) einen Lehrer findet, der als erster sein Talent erkennt. Doch erst die Konfrontation mit seinen persönlichen Traumata wird es Kurt ermöglichen, seinen ganz eigenen künstlerischen Weg zu gehen.

WERK OHNE AUTOR besteht mindestens aus zwei Filmen, die manchmal etwas nebeneinander stehen. Die Geschichte von der Tante, die dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer fiel, ist dabei die konventionellere, die offensichtlich erschütternde Erzählung, die aber dennoch nur Hintergrund der eigentlichen Erzählung ist, die vom Werdegang eines Künstlers handelt, der zwar Kurt Barnert heißt, aber so deutlich Gerhard Richter ist, dass man sich schon fragt, warum Donnersmarck nicht gleich eine klassische Biografie gedreht hat. Vielleicht, weil er dann weniger seinen eigenen Gedanken folgen könnte und seinen schon im LEBEN DER ANDEREN zu spürenden Glauben an die außerordentliche Kraft der Kunst nicht so einfach auf Geschichte und Figuren projizieren könnte. Mit welchem Pathos, mit welcher Überzeugung Donnersmarck das macht, ist bemerkenswert und im doch oft recht kopflastigen deutschen Kino fast einmalig. Vielleicht ist es auch das, was an Donnersmarcks Person und seinen Filmen oft so irritiert: Der Mut eines Regisseurs, episches Kino zu wagen, dabei auch mal über das Ziel hinauszuschießen, aber doch mit einer Wucht zu erzählen, die zumindest Respekt verdient.

Michael Meyns

Details

Deutschland 2018, 189 min
Genre: Drama, Thriller
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck
Kamera: Caleb Deschanel
Musik: Max Richter
Verleih: Walt Disney Germany
Darsteller: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer
FSK: 12
Kinostart: 03.10.2018

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