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Siberia

Reise ins Unterbewusstsein

SIBERIA ist ein ums andere Mal ziemlich anstrengend, aber am Ende doch ein sehenswerter Trip in die Psyche einer extremen Figur, ins Unterbewusstsein eines extremen Regisseurs.

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Manche Filme werfen einen Schatten voraus. In der März-Ausgabe von Indiekino war die Rede von Abel Ferraras TOMMASO UND DER TANZ DER GEISTER, in dem es um einen Regisseur ging, der an den sich in die Länge ziehenden Vorbereitungen für einen Film namens SIBERIA zu verzweifeln droht. Damals spielte Willem Dafoe den an sich zweifelnden Regisseur, nun ist es wieder Dafoe, der einen Mann spielt, der an der Welt verzweifelt ist und die Einsamkeit gesucht hat.
Clint heißt dieser Mann, der in einer abgelegenen, verschneiten Berghütte lebt, die als eine Art Laden und Bar dient, auch wenn nur ganz selten jemand vorbeizukommen scheint. Ein Bär ist schließlich die Initialzündung für eine Reise, in deren Verlauf immer unklarer wird, welche Teile in der Realität stattfinden und welche nur in Clints Phantasie existieren.
Klar ist jedoch, dass Clint eine typische Ferrara-Figur ist, also ein Mann, der mit seinen Dämonen kämpft. Unterschiedlichsten Menschen bzw. Fragmenten aus seiner Vergangenheit begegnet Clint, einer Ex-Frau, die er einst im Streit verlassen hat, seinem jüngeren Ich, seinem Vater, der passenderweise ebenfalls von Dafoe gespielt wird und mit dem Clint nie im Reinen war.
Zunehmend fragmentarisch werden die Szenen, gleiten immer stärker ins Unterbewusstsein ab, Geisterbeschwörer und andere seltsame Gestalten tauchen auf, ebenso die bei Ferrara wohl unvermeidlichen schönen, nackten Frauen, die offenbar aus der Gedankenwelt des Regisseurs nicht wegzudenken sind. Und so ist SIBERIA am Ende auch ein Film über Ferrara selbst und als solcher eine Art Gegenstück zu TOMMASO. Zwar nicht so konzentriert wie der Vorgänger, in seinem extrovertierten Exzess auch ein ums andere Mal ziemlich anstrengend, aber am Ende doch ein sehenswerter Trip in die Psyche einer extremen Figur, ins Unterbewusstsein eines extremen Regisseurs.

Michael Meyns

Details

Italien/Deutschland/Mexiko 2020, 92 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama, Experimentalfilm
Regie: Abel Ferrara
Drehbuch: Abel Ferrara, Christ Zois
Kamera: Stefano Falivene
Schnitt: Fabio Nunziata, Leonardo D. Bianchi
Musik: Joe Delia
Verleih: Port au Prince
Darsteller: Willem Dafoe, Simon McBurney, Dounia Sichov, Cristina Chiriac
FSK: 16
Kinostart: 02.07.2020

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