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Much Loved

Kaleidoskop der Tabuzonen

Der Spielfilm MUCH LOVED, der vom Alltag von vier marokkanischen Sexarbeiterinnen erzählt, führt in die Tabuzonen eines komplizierten Diskurses. Es geht um die Schande innerhalb der Familie, die Kriminalisierung und Rechtlosigkeit von Sexarbeiterinnen, Vergewaltigungen durch Polizeibeamte, Korruption, transidente und lesbische Frauen und gesellschaftlich tief verankerte patriarchale Machtstrukturen.

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Es beginnt mit einer doppelten Verführung: Filmisch dadurch, dass wir mit Noha, Randa, Soukaina und Hlima am gleichen Tisch sitzen und uns auf die Nacht vorbereiten, mit ihnen Lines ziehen, Wodka trinken, danach im gleichen Auto sitzen, und die Situation beinah scheint, als sei sie dokumentarisch gefilmt. Das Ziel unserer Reise ist eine große Villa vor Marrakesch, die die vier Frauen kurz darauf - mit geglätteten Haaren, in Stilettos und engen Minikleidern - betreten. Dann die zweite Verführung: die Arbeit der Frauen, alle vier Sexarbeiterinnen, alle für eine Nachtschicht als Dienstleisterinnen bestellt. Ein kaum spürbarer Perspektivwechsel der Kamera, welche die Körper der Frauen, beim Tanz und im Rausch, plötzlich durch die Augen der Anderen filmt. Die Überlagerungen dieser beiden Formen der Verführung - die des Publikums und schließlich die der Kunden im Film - erzählt der franko-marokkanische Regisseur Nabil Ayouch geschickt widersprüchlich, denn bevor die problematische soziale und berufliche Situation der vier Frauen sich unaufhaltbar zuspitzt, wohnen wir einer ausgelassenen Party bei. Freundschaftlich begegnen sich die hübschen jungen Männer und Frauen, lustig und vermeintlich gleichberechtigt wirken ihre Interaktionen, sympathisch die Saudi-Sextouristen - bis die Marokkanerinnen spät am Morgen als "nutzlose Schlampen" bezeichnet werden oder sich eine von ihnen blutend auf die Toilette flüchtet. Noch bevor die ersten Bilder im Film zu sehen sind, hören wir die Frauen über Männer reden, die sie interessanter Weise mit Markenprodukten vergleichen: es gäbe sie hochwertig, in mittelmäßiger Qualität, und manche seien einfach nur Dreck - im englischen mit "sons of a bitches" übersetzt.

Es geht um Blicke und Perspektivwechsel in MUCH LOVED und das in vielerlei Hinsicht. Dass der Blick des Films dabei überhaupt zum ersten Mal durchgehend und schonungslos auf das Leben von marokkanischen Sexarbeiterinnen gerichtet ist, ist nicht nur ein Novum, sondern zum ernstzunehmenden Skandal geworden. Noch bevor der Film in Cannes Premiere feierte, grassierten Ausschnitte im Internet, die in Marokko zu öffentlichen Debatten führten, welche in Morddrohungen gegen Darstellerinnen und Regisseur, Diffamierungen und scharfen moralisch und religiös begründeten Verurteilungen des Films gipfelten: er verunglimpfe Marokko, fördere außerehelichen Geschlechtsverkehr und zeige Homosexuelle in einem positiven Licht. Tatsächlich führt uns Nabil Ayouch im Laufe des Films kaleidoskopartig und sehr konkret in die Tabuzonen eines komplizierten Diskurses, der nicht offen geführt wird. Es geht um die Schande innerhalb der Familie, die Kriminalisierung und Rechtlosigkeit von Sexarbeiterinnen, Vergewaltigungen durch Polizeibeamte, Korruption, transidente und lesbische Frauen und gesellschaftlich tief verankerte patriarchale Machtstrukturen. Besonders stark wirkt der Film nicht nur durch die differenzierte Betrachtung seines Themas und die ungekünstelten und ungeschönten Dialoge, sondern vor allem durch das Spiel der vier Hauptdarstellerinnen Loubna Abidar, Asmaa Lazrak, Halima Karaouane und Sara Elmhamdi Elalaoui. Sie geben ihren Figuren Tiefe, Stärke, Verletzlichkeit, ein großes Selbstbewusstsein und vor allem eine Würde, die sie auch im Angesicht von physischer und struktureller Gewalt, finanzieller und persönlicher Ausbeutung nicht verlieren.

Wie sehr diese Perspektive nur allzu gut in ein westlich geprägtes Bild der sexuellen Rückständigkeit und Repression in arabischen Staaten passt, und wie sehr dieses Bild vielleicht dem des Regisseurs entspricht, der in Frankreich geboren und aufgewachsen ist, sei dahingestellt, und ist im Angesicht des generellen Aufführungsverbots von MUCH LOVED in Marokko vielleicht auch relativ. Symptomatisch für diesen Blick - den Außenblick auf das Innenleben des Landes - sind die leitmotivisch den Film durchziehenden Blicke der Frauen aus dem Inneren der Autos auf das Außen - das Straßenleben in Marrakesch - unterlegt mit melancholischen, beinahe unheimlichen Klängen. Es sind Blicke auf eine Öffentlichkeit, von der sie nicht Teil sind und an der sie nicht Teil haben können.

Toby Ashraf

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Details

Marokko/Frankreich 2015, 104 min
Sprache: Arabisch, Französisch
Genre: Drama
Regie: Nabil Ayouch
Drehbuch: Nabil Ayouch, Emilie Flamand
Kamera: Virginie Surdej
Musik: Mike Kourtzer
Verleih: Arsenal Filmverleih
Darsteller: Loubna Abidar, Asmaa Lazrak, Halima Karaouane
Kinostart: 14.04.2016

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