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Das Land der Erleuchteten

Magischer Realismus in Afghanistan

Der belgische Regisseur und Fotograf Pieter-Jan De Pue hat sieben Jahre lang an seinem atmosphärischen Dokumentarfilm mit fiktionalen Einsprengseln über den brutalen Existenzkampf von Kinderbanden in Afghanistan gedreht.

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Wie viele Projektile schwer ist ein Beutel Opium? Die leeren Geschosse sind für die Kinder längst zur selbstverständlichen Maßeinheit der Waage geworden. Das Wasser wird mit einem alten Soldatenstiefel geschöpft, die Milch aus einem verbeulten Stahlhelm getrunken. Der Junge steckt dem kleinen Mädchen einen Kriegsorden an, den er irgendwo gefunden hat und sagt: „Wenn ich reich bin, werde ich dich heiraten.“ Dass der Krieg und seine Folgen in diesem Land seit Generationen zum Alltag gehören, führt Pieter-Jan De Pue mit solchen Szenen immer wieder vor Augen. Afghanistan, diese wunderschöne Region: die Berge, der Himmel, das Licht, die Wolken, das Gras, die Steppe, die Felder, die Blüten, der Schnee und die Steine. Der belgische Fotograf und Regisseur De Pue arrangiert seine Bilder so kunstvoll und kontemplativ, dass es einem beim Ansehen seines Films, an dem er sieben Jahre gearbeitet hat, tatsächlich immer wieder vorkommt, als sei alles ein romantisches Märchen aus uralten Zeiten. Dann sind da aber die Besatzungssoldaten, laute Maschinen, Explosionen – Fremdkörper, die hier nicht hingehören, noch nie hingehört haben, aber unter wechselnden Fahnen immer wiederkamen. De Pues eigenwilliger Dokumentarfilm mit fiktionalen Elementen versprüht einen Hauch von magischem Realismus, mit Bildern wie dem von den Sternen, die am Nachthimmel über eine Festung ziehen, die warm leuchtend inmitten der Berge strahlt. Der brutale Existenzkampf der raubenden Kinderbande, die sich in ihrem Traum von einer Zukunft, in der sie die Hoheit über ihr Land zurück erhält, nur an die Gründungsmythen der Urväter klammern kann, wird dabei nicht verklärt. Die schwarze und die weiße Katze, die einst im Kampf über das Schicksal des Landes entschieden haben sollen, sind in der Gegenwart beide grau.

Jens Mayer

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Details

Originaltitel: The Land of the Enlightened
Belgien 2016, 97 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Pieter-Jan De Pue
Drehbuch: Pieter-Jan De Pue, David Dusa
Kamera: Pieter-Jan De Pue
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 08.12.2016

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