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Certain Women

Tapfer und emphatisch

Kelly Reichardts Filme strahlen eine große Zärtlichkeit für ihre unsicheren, sich irgendwie durchwurstelnden Heldinnen und Helden aus. Diesmal stehen vier Frauen aus Livingston, Montana im Mittelpunkt von drei sehr lose miteinander verbundenen Episoden, die von den Unterseiten des amerikanischen Pionier-Ideals erzählen.

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Kelly Reichardts Filme strahlen immer eine große Zärtlichkeit für ihre unsicheren, sich irgendwie durchwurstelnden Heldinnen und Helden aus. So selten ihre Figuren Liebe finden, so sehr liebt Reichardts Kamera sie - und die Orte, an denen sie leben. Die „gewissen Frauen“ in Reichardts neuem Film CERTAIN WOMEN leben in Livingston, Montana, einer Kleinstadt auf dem „Lewis and Clark“- Trail, die schon der Drehort für Filme wie Robert Redfords A RIVER RUNS THROUGH IT und THE HORSE WHISPERER war. In der ersten Einstellung des Films fährt ein endloser Güterzug über die Hochebene vor den wolkenverhangenen Gipfeln der Rocky Mountains. Livingstone war einst ein Handelsposten, der Unterkünfte für die Arbeiter der Northern Pacific Railroad bot, hinter der Stadt beginnt das Hochgebirge. Romantisches Gebiet, aber auch eine Landschaft, die eher durchfahren wird als bewohnt. Wer jetzt dort lebt, muss sich die Existenz erkämpfen. Unter den vorwiegend von Weißen bewohnten Staaten hat Montana eine der höchsten Armutsraten in den USA. Auch darum geht es in CERTAIN WOMEN.

Vier Frauen stehen im Mittelpunkt der drei sehr lose miteinander verbundenen Episoden. Die lakonische Rechtsanwältin Laura (Laura Dern) versucht, einen launigen Klienten, den die Versicherung nach einem Arbeitsunfall übers Ohr gehauen hat, vor dem völligen Durchdrehen zu bewahren. Die erfolgreiche Unternehmerin Gina (Michelle Williams), deren Ehe vor sich hin bröckelt, begehrt für den Bau ihres Sommerhauses am Yellowstone River nur „authentische“ Materialien und vor allem den Sandstein, der auf dem Gelände des alten Albert lagert. Albert hatte den Sandstein einmal selbst für sein nie ganz fertig gebautes Haus benutzen wollen. Schließlich gibt es noch die sehr angespannte junge Anwältin Elizabeth (Kristen Stewart), die als Berufsanfängerin den nervigen Job hat, im vier Stunden entfernten Kaff Belfry Lehrer über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären. Eine einsame Rancherin (Lily Gladstone) stolpert in ihren Kurs und verliebt sich auf den ersten Blick.

Waren Reichardts frühere Filme wie OLD JOY, WENDY AND LUCY und NIGHT MOVES auch Berichte aus der Gegenkultur, dem „anderen“, vielleicht dem eigentlichen Amerika, zwischen Ausbruch, Frustration, Erschöpfung und Hoffnung, geht es in CERTAIN WOMEN um die Unterseiten des amerikanischen Pionier-Ideals. Mit Ausnahme der Rancherin, die von der von Blackfeet und Nez Percé abstammenden Lily Gladstone gespielt wird, sind die Frauen völlig durchschnittliche, weiße, heterosexuelle Frontieramerikanerinnen, allerdings unterschiedlicher Generationen. Laura Derns pragmatische, mitfühlende Anwältin ist eine Frau, die schon alles gesehen hat. Juristisch kann sie ihrem Klienten nicht mehr helfen, sie hat eine Affäre, die nirgendwo hin führt, und macht irgendwie trotzdem weiter, tapfer und empathisch. Gina versucht ein Gebäude mit Tradition und Bestand zu erschaffen. In Michelle Williams zurückhaltender Darstellung ist ihr verbissenes Festhalten am Traum ebenso spürbar, wie ihr Wissen um ihre aktuelle und kommende Einsamkeit. Der Traum wird ein Trost sein, vielleicht. Nur in der letzten Episode gibt es Momente des Glücks. Da ist das glorreiche Licht am Morgen, wenn die Rancherin ihre Pferde aus dem Stall in den Coral treibt. Der dampfende Schweiß der Tiere, der kondensierende Atem, alles spricht von einer Einsamkeit, die auch beglücken kann. Und dennoch bedeutet gerade die Genervtheit der Anwältin, von Kristen Stewart mit energischer Muffeligkeit gespielt, für die Rancherin den Himmel. Es wird einen wundervollen, intimen Moment geben, in dem ihre Lebenswelten sich berühren.

Tom Dorow

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Details

USA 2016, 107 min
Genre: Drama
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt
Kamera: Christopher Blauvelt
Musik: Jeff Grace
Verleih: Peripher Filmverleih
Darsteller: Michelle Williams, Jared Harris, Laura Dern, Kristen Stewart, Lily Gladstone, James Le Gros
FSK: oA
Kinostart: 02.03.2017

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