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Baden Baden

Emphatisch, verführerisch, rebellisch

Nach zwei Kurzfilmen schließt BADEN BADEN Rachel Langs Trilogie über ihre Heldin Ana ab. Statt den Leihwagen der Produktionsfirm bei der Autovermietung abzugeben, fährt Ana zu ihrer Großmutter um ihr eine Dusche einzubauen.

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Sie finde sicherlich einen Job, der besser zu ihr passt, wird Ana gesagt - von einer Frau aus dem Filmteam, die sie gerade zum Flughafen gefahren hat. Über diesen Film, bei dem Ana Fahrerin ist, erfahren wir kaum etwas, nur eben dass Ana den ganzen Dreh aufhält, weil sie 45 Minuten zu spät am Set ankommt. Sie hatte sich verfahren, aber das hält den wütenden Regisseur nicht davon ab sie so sehr anzuschreien, dass Ana kurz vor den Tränen steht. Ein rarer Moment, denn so etwas passt nicht zu dieser Figur, die Salomé Richard im Langfilmdebüt der belgischen Filmemacherin Rachel Lang bereits zum dritten Mal verkörpert.
Nach "Pour toi je ferai bataille" (2010) und " Les navets blancs empêchent de dormir" (2011) findet eine der schönsten Trilogien der letzten Jahrzehnte mit "Baden Baden" ihren Abschluss, obwohl es über Ana noch viel zu erzählen gäbe. Kurze Haare, kurze Hose, kein Make-Up, weite Unterhemden, unrasierte Achseln, selbstverständlich unkonform und selbstbewusst unbeeindruckt von Systemen - so könnte man diese Frau in den Zwanzigern erst mal beschreiben und käme ihr doch nur so nahe, wie Rachel Lang es zulässt, denn erklärt werden soll ihre Heldin nicht. Ana gibt den Leihwagen der Produktionsfirma natürlich nicht bei der Autovermietung ab, sondern fährt zu ihrer Großmutter und entschließt sich deren Wanne durch eine altersgerechte Dusche zu ersetzen. Im Baumarkt schlendert sie durch die Abteilungen, in die nur Profis dürfen, gibt zu, dass sie keine Ahnung von Sanitäranlagen hat und holt sich kurzerhand einen Mitarbeiter des Markts mit nach Hause. Für die unaufgeregt erzählte Handlung von "Baden Baden" findet die Kamerafrau Fiona Braillon großartige Bilder: Manchmal sind es sehr genau gesetzte Totalen, die die absurde Welt einfangen, durch die Ana driftet. In den Begegnungen mit ihrem Bruder, Anas Männern oder der Großmutter wirkt die Kamera dann wieder beinahe dokumentarisch oder sie bleibt in den ersten fünf Minuten des Filmes ohne Bewegung oder Schnitt auf Anas Gesicht am Lenkrad.
So unerwartet und irrational Anas Handlungen auch von außen auch scheinen mögen, schafft es Rachel Lang dennoch immer eine große Selbstverständlichkeit über ihren Film und ihre Figur zu legen. Ana ist untypisch ohne feministische Bekenntnisse ablegen zu müssen. Sie ist emphatisch ohne rührselig zu werden, rebellisch ohne bockig zu sein, verführerisch ohne verführerisch zu wirken. In einer vereinzelten, surrealen Szene sehen wir Ana und ihren Liebhaber Boris von hinten nackt durch einen Dschungel laufen und können zeitweise die Körper der beiden nicht auseinander halten. In solchen Momenten, oder wenn Ana im Auto laut "Weg mit dem Moulinex, ich will unisex!" brüllt, findet die Verkörperung einer Frau statt, die sich -ohne das zum Thema machen zu wollen- gesellschaftlichen Normen in den Weg stellt um sich die Leichtigkeit ihres Seins zu bewahren. Das Spielerische in den Begegnungen mit Männern, das Trockene in der Begegnung mit der Welt und das Unnachgiebige im Verfolgen von unwahrscheinlichen Plänen, machen Ana zu einer ziemlich unwiderstehlichen Filmfigur. Daran hat die Natürlichkeit des Spiels von Salomé Richard großen Anteil, denn so kompliziert das Leben, ihre Ana, die Beziehungen oder das Installieren einer Dusche auch sein mögen, wird Problemen hier immer mit so begegnet, als könne man gesellschaftlichen und sozialen Leistungsanforderungen mit einem Schulterzucken begegnen. "Du bist verloren", sagt Ana zu Simon, einem anderen Liebhaber. "Ich bin nicht verloren!" entgegnet dieser. Ana ist es auch nicht, auch wenn es manchmal so scheinen mag, sie im großen Bild ganz klein wirkt, im Krankenhaus ist oder ihre Pläne sich als nutzlos herausstellen. Kein Generationsporträt hat Rachel Lang da erschaffen, aber Figuren, von denen diese Generation noch viel mehr bräuchte: Menschen, denen es nicht die ganze Zeit um den richtigen Job geht, um die richtige Rolle oder um das richtige Leben.

Toby Ashraf

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Details

Frankreich/Belgien 2016, 95 min
Genre: Drama, Komödie
Regie: Rachel Lang
Drehbuch: Rachel Lang
Kamera: Fiona Braillon
Schnitt: Sophie Vercruysse
Verleih: Film Kino Text
Darsteller: Zabou Breitman, Swann Arlaud, Olivier Chantreau, Claude Gensac, Salomé Richard, Lazare Gousseau
FSK: 6
Kinostart: 29.12.2017

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