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A Ghost Story

Philosophische Geistergeschichte

Das Hipster-Paar C. (Casey Affleck) und M. (Rooney Mara) streitet sich über einen Umzug. Kurz darauf ist C. tot. Er kehrt als Geist zurück, in einem weißen Bettuch.

Hinreißender, philosophischer Post-Horror mit einem Cameo-Auftritt vom Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy.

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Dieser Text enthält geringfügige Spoiler, die das Sehen des Films nicht beeinträchtigen.

David Lowerys A GHOST STORY ist ein unglaublich schöner, rührender, komischer und trauriger Film, einer der klügsten, der in diesem Jahr ins Kino kommt. Ein Horrorfilm ist A GHOST STORY nicht, obwohl er einen tiefen philosophischen Schrecken und eine tiefere Trauer zu Ausdruck bringt.

Das mitteljunge Hipster-Paar C. (Casey Affleck) und M. (Rooney Mara) wohnt in einem nicht mehr ganz frischen Vorort-Haus und streitet sich über einen bevorstehenden Umzug. An einer Wand erscheinen seltsame Lichter, wie Reflexionen einer Oberfläche, die aber nicht zu sehen ist. Nachts ertönt ein seltsamer Klavierakkord, aber niemand scheint im Haus zu sein. Kurz darauf stirbt C. bei einem Autounfall. Er kehrt als Geist zurück, bekleidet mit einem weißen Leichentuch mit schwarzen Augenlöchern, wie die Kinderzeichnung eines Gespenstes, aber auf eigenartige Weise zugleich stofflich und körperlos. Das weiße Tuch wird am Boden schmutzig, aber Kontakt mit der Welt der Lebenden aufnehmen, kann der Geist nur sehr begrenzt.

Vor allem muss er zusehen und zuhören. Er sieht, wie M. trauert und auf dem Boden einen ganzen Kuchen verschlingt. Sie spürt seine Gegenwart nicht. Er sieht, wie sie sich wieder aufrappelt und weitermacht, wie neue Bewohner in das Haus ziehen, an das er gebunden zu sein scheint. Es wird wenig geredet, mit einer Ausnahme: Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy tritt als nihilistischer Party-Pooper und verrückter Philosoph auf und hält eine lange Rede über Sinnlosigkeit, Vergänglichkeit und Entropie. Danach eskaliert die Lage, mindestens die Zeit und vielleicht auch der Raum lösen sich auf.

A GHOST STORY ist hinreißend gefilmt, mit einem zarten Nouvelle-Vague-Licht, das über die Gesichter und den barocken Faltenwurf des Geister-Betttuchs fließt, als käme es durch das Fenster in einem Vermeer. Jedes Bild wirkt exquisit komponiert. Lowery entwirft eine Vision, in der die Gegenwart immer schon historisch ist, und zugleich einen Blick, der von jenseits der Geschichte kommt. Die abgrundtiefe Verlorenheit von C.s Geist wird zu einer Metapher vollständiger Entfremdung. Es geht auch um den Spuk der Geschichte in unseren Seelen, um das Loslassen-Können, und vielleicht um die Befreiung, die eine Verbindung bedeuten kann. Der britische Autor Roger Clarke, der sonst eigentlich Filmkritiker ist, versteht in seinem Buch „A Natural History of Ghosts“ den angloamerikanischen Gespensterglauben als eine Folge des verdrängten Katholizismus in der britischen Gesellschaft nach der Reformation. Die Reformation hatte die Vorstellung eines reinigenden Fegefeuers abgeschafft, also eben der Sphäre, in der sich Geister und Dämonen aufhalten. Die Nach- und Zwischenwelt kehrte im Volksglauben zurück. David Lowery inszeniert hier das Fegefeuer selbst: Es ist unsere Welt und unser Alltag – aus einer nur leicht verschobenen Perspektive, dem Blick eines Verlorenen.

Für Filme wie A GHOST STORY oder den im Januar startenden IT COMES AT NIGHT hat Steve Rose im „Guardian“ den Begriff „Post-Horror“ geprägt. Es sind Filme, die von einem existentiellen Schrecken erzählen, statt auf Effekte und Genre-Konventionen zu setzen. Post-Horror ist unmittelbar mit den Produktionen der erst 2012 gegründeten Indie-Produktions- und Verleihfirma „A 24“ verbunden. Wer sich in den letzten 5 Jahren für das Kino interessiert hat, wird das Logo von „A24“ wahrscheinlich mehr als einmal gesehen haben. Die New Yorker Produktions- und Verleihfirma war an (fast) allen interessanten US-Filmen der letzten Jahre beteiligt, von ROOM bis MOONLIGHT, von AMERICAN HONEY bis SWISS ARMY MAN, SPRING BREAKERS, ENEMY, UNDER THE SKIN. Vielleicht war UNDER THE SKIN (2013) bereits der erste Post-Horror-Film, ein Film über ein Alien, das auf der Erde Menschen erotisch verführt und jagt, und schließlich am Versuch, menschlicher zu werden, zerbricht.

In den letzten Jahren gab es noch mehr solche Filme, die weitgehend auf Horroreffekte wie die „jump scares“ genannten Schockmomente verzichteten, und stattdessen einen existentielleren Schrecken in den Mittelpunkt rückten: In IT FOLLOWS (2014) waren die omnipräsente Furcht und die Bedrohung durch eine unaufhaltsame „falsche Bewegung“ wichtiger als die wenigen Actionszenen. THE VVITCH (2015) erzählte vom religiös-erotischen Hungerwahn einer puritanischen Kolonistenfamilie, der noch mit relativ konventionellen Genremitteln operierende GET OUT (2017) vom liberalen Rassismus. Außer IT FOLLOWS und GET OUT sind alle Filme von „A 24“ produziert. Das traditionelle Horrorpublikum findet diese Filme langweilig, dort sind aktuell 80er-Jahre-Retro-Schinken wie IT oder STRANGER THINGS beliebt, bei denen sich alle noch einmal daran erinnern können, wie schön es in der Jungs-Gang vor dem Feminismus war. Die Hoffnung lebt weiter, dass der „A 24“-Post-Horror einmal die Aufmerksamkeit genießen könnte, die Harvey Weinsteins „Miramax“-Company mit den Macho-Filmen der 90er hatte.

Tom Dorow

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Details

USA 2017, 87 min
Genre: Beziehungsfilm, Fantasy, Drama
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Kamera: Andrew Droz Palermo
Schnitt: David Lowery
Musik: Daniel Hart
Verleih: Universal Pictures International Germany
Darsteller: Casey Affleck, Will Oldham, Rooney Mara, Brea Grant, Augustine Frizzell
FSK: 12
Kinostart: 07.12.2017

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A Ghost Story

USA 2017 | Beziehungsfilm, Fantasy, Drama | R: David Lowery | FSK: 12

Das Hipster-Paar C. (Casey Affleck) und M. (Rooney Mara) streitet sich über einen Umzug. Kurz darauf ist C. tot. Er kehrt als Geist zurück, in einem weißen Bettuch. Hinreißender, philosophischer Post-Horror mit einem Cameo-Auftritt vom Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy.

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