Entfernung über GPS
ab PLZ

Feature, Interview

„Man muss raus und sich einmischen, nicht nur dasitzen und jammern.“

Interview mit Ken Loach zu SORRY WE MISSED YOU

INDIEKINO: Nach I, DANIEL BLAKE, der 2016 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, haben Sie angekündigt, das sei wahrscheinlich Ihr letzter Film. Nun sind Sie inzwischen 80 und machen fleißig weiter. Ihr neues Sozialdrama SORRY WE MISSED YOU handelt von einer Familie, die unter den Folgen der Finanzkrise von 2008 leidet. Was treibt Sie an?

Ken Loach: Es passiert einfach zu viel Schlimmes! Jedes Mal, wenn ich die Nachrichten einschalte, denke ich: Darüber müssten wir was machen. Ich bin ständig mit Paul Laverty, meinem Drehbuchautor, in Kontakt und wir reden über alles Mögliche. So kam es auch zu SORRY WE MISSED YOU. Wir sprachen lange über die sich rasant verändernde Arbeitswelt. Noch vor einer Generation hatten viele Menschen das ganze Leben denselben Arbeitsplatz, der die Sicherheit brachte, um eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und sein Leben zu planen. Das verschwindet gerade.

Können Sie das erläutern?

Zwei Drittel aller neuen Jobs sind prekär und ohne jede Sicherheit. Viele sind mittlerweile vermeintlich selbständig und alles Risiko ist auf den einzelnen Arbeiter abgewälzt, weil er nun ein unabhängiger Anbieter einer Leistung ist und kein Festangestellter. So hat er keinen Lohnausgleich bei Krankheit, keinen bezahlten Urlaub und im Falle des Lieferdienstfahrers in meinem Film auch keine Versicherung für sein eigenes Fahrzeug. Wenn da irgendwas schiefläuft, ist er dran. Das war die Grundidee, Paul fing dann an zu recherchieren, sprach mit Betroffenen, die ihm ihre Erfahrungen schilderten. Paul wollte das auch als Familiengeschichte erzählen, denn dort wird der Stress sichtbar, dem die Menschen mehr und mehr ausgesetzt sind.

SORRY WE MISSED YOU setzt damit auf gewisse Weise fort, was Sie bereits in I, DANIEL BLAKE thematisiert hatten.

Und beide sind in Newcastle angesiedelt. Daniel Blake ist Opfer bürokratischer Sanktionen und um die Ecke wohnt eine Familie, in der beide Eltern prekäre Arbeiter sind, die ums Überleben kämpfen. Es sind zwei Seiten derselben Situation.

Wie schwierig ist es, ein soziales oder politisches Thema in einen Spielfilm zu verwandeln?

Das ist die Herausforderung. Aber man muss es auf ein individuelles Drama herunterbrechen, sonst ist es bloße Propaganda. Wir wollten eine einfache, kleine Geschichte erzählen, bei der deutlich wird, es ist nur die Spitze des Eisbergs, und durch die eine wirtschaftliche Struktur sichtbar wird. Wir haben unzählige solcher Geschichten gehört.

Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Betroffenen, sich Ihnen zu öffnen?

Paul Laverty ist sehr gut darin. Er versuchte es zunächst über die Gewerkschaften, aber alle hatten Angst. Also ging er frühmorgens zu Fuhrparks und kam mit den Fahrern ins Gespräch. Er sagte von Anfang an, dass es um einen Film geht und sicherte ihnen Anonymität zu. Mit einigen von ihnen verbrachte er dann einen ganzen Tag im Wagen und erlebte ihren Arbeitsalltag.

Sie haben die beiden Hauptrollen mit Laien besetzt, die aus ähnlichen Verhältnissen kommen. Um es glaubwürdiger zu machen?

Unbedingt! Ricky ist eigentlich selbständiger Klempner, Debby gibt Nachhilfe für Schüler. Beide wollten schon lange schauspielern und es wirkt sehr authentisch, weil sie diese Welt sehr genau kennen.

Die bittere Ironie ist, dass die Mutter als Heimpflegerin arbeitet, um so ihre eigene Familie zu ernähren, aber dadurch keine Zeit mehr hat, sich um sie zu kümmern.

Wir haben viel mit Frauen in diesem Beruf gesprochen. Viele haben 20 Minuten pro Klienten und erhalten dafür nur ein Drittel des Mindeststundenlohns, der bei 8,50 Pfund liegt. Also bekommen sie weniger als drei Pfund, brauchen aber oft eine halbe Stunde und mehr, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Leuten zu kommen, die Anfahrt wird nicht vergütet. Das sind Armutstarife!

Ich bin nicht verzweifelt, sondern sehr hoffnungsvoll.

Die Auseinandersetzungen innerhalb der Familie verlaufen immer ähnlich. Wollen Sie damit zeigen, dass wir Menschen Gewohnheitstiere sind?

Sind wir das etwa nicht? Der Vater versucht, eine Art Autorität aufrechtzuerhalten, die traditionelle patriarchale Struktur. Die Rolle der Mutter ist auszugleichen, für Frieden zu sorgen. Und der Sohn ist der Gefangene in diesem Szenario. Sie sind festgefahren in dieser Dynamik, das wollte ich durch den immer gleichen Ablauf verdeutlichen. Die Körpersprache, wie sich jemand bewegt und im Raum positioniert, sagt sehr viel über einen Menschen aus.

Sie kämpfen seit Jahrzehnten für soziale Gerechtigkeit und prangern mit Ihren Filmen die Ausbeutung und den Sozialabbau in Großbritannien an. Die Rechtspopulisten sind dort wie in großen Teilen Europas auf dem Vormarsch, die Linke scheint dem wenig entgegensetzen zu können. Sind Sie von ihren alten Mitstreitern enttäuscht?

Die Fronten, was rechts und was links ist, sind heute klarer als je zuvor. Die Rechten glauben an einen freien Markt, eine kapitalistische Wirtschaft und eine globalisierte Produktion, in der sich die Bourgeoisie die billigsten Arbeiter suchen kann, um sie auszubeuten. Das ist für mich die Rechte. Die Linke steht für gemeinsame Güter und Planwirtschaft, um den Planeten zu retten und Gerechtigkeit am Arbeitsplatz herzustellen. Die Grenzen sind eindeutig, es gibt da keinen Mittelweg. Die Verzweiflung über die Linke kenne ich, seit ich denken kann - es ist die einfache Ausflucht für Leute, die sich nicht einmischen wollen. Gehen Sie zu irgendeinem Gewerkschaftstreffen und sie werden Leute finden, die bereit sind zu kämpfen. Ich bin nicht verzweifelt, sondern im Gegenteil sehr hoffnungsvoll.

Weite Teile der Arbeiterklasse wählen heute populistische und nationalistische Parteien. Wie erklären Sie sich diesen Rechtsruck?


Geschichte wiederholt sich. Hitler und Mussolini wurden auch gewählt. Es gibt natürlich ein großes reaktionäres Element innerhalb der Arbeiterklasse, das können wir nicht leugnen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie durch die herrschende Klasse für deren Profitmaximierung ausgebeutet wird. Doch die Versprechen des Kapitalismus sind sehr stark und werden durch die Medien und ihre Vergötterung von Unternehmern gefüttert, auch wenn es den meisten immer schlechter geht und wir unsere Umwelt zerstören. Aber viele glauben diese Lügen. In ihren Augen sind nicht die Verantwortlichen schuld, sondern die anderen, die auch arm sind, oft eine andere Hautfarbe haben. Sie nehmen ihnen vermeintlich die Arbeitsplätze und Wohnungen weg. Es ist immer einfacher, nach unten zu treten. Das ist eine Denkweise, die wir bekämpfen müssen. Aber ich habe auch Hoffnungen, vor allem in die Jugend, die gerade für das Klima auf die Straße geht. Wir müssen ihnen zuhören! Sonst droht es zu verpuffen, weil sie sehen, dass sich nichts ändert. Jetzt geht es darum, diese Proteste und Forderungen in eine kohärente politische Bewegung zu überführen. Hier ist vor allem die Linke gefordert.

Wieso sind Sie trotz allem optimistisch?

Wenn es um Veränderung geht, gibt es natürlich immer Meinungsverschiedenheiten. Aber bei allem was schief läuft in Großbritannien, haben wir mit Jeremy Corbyns Labour Party zumindest eine starke linke Oppositionspartei, mit einem Programm, das Punkte fordert wie einen radikalen Wandel zu ökologischer Produktion, erhöhte Investitionen in den öffentlichen Dienst, Gewerkschaftsrechte für alle, um die Ausbeutung durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die Privatisierung des Gesundheitssystems zu beenden, und vieles mehr. Und die Chancen stehen gut, dass wir mit diesem Programm die Wahlen gewinnen könnten, wir sind die stärkste sozialistische Partei in ganz Europa. Wo ist da Enttäuschung? Dieses Gerede ist kontraproduktiv. Ich bin voller Hoffnung. Aber man muss raus und sich einmischen, nicht nur dasitzen und jammern.

"Wenn ich sage, was ist, muss jedem das Herz zerfleischt sein."

Zugleich wird die Kritik lauter, die Linke habe die klassische Arbeiterfamilie vergessen.

Wer sagt das? Der freie Markt beutet die Menschen aus und darunter leiden vor allem die Familien. Alleine der mentale Stress, davon handelt ja auch mein Film. Die Leute schuften 12, 14 Stunden und lassen sich am Arbeitsplatz, ob als Krankenschwester oder als Fahrer eines Lieferservices, nichts anmerken. Und wenn sie nach Hause kommen, sind sie völlig erschöpft, ungeduldig und gereizt. Und darunter leiden die Kinder. Das ist doch offensichtlich.

Im Kino gibt außer Ihnen diesen Menschen kaum noch jemand eine Stimme.

Weil die Investoren und Finanziers nicht daran interessiert sind. Es lässt sich damit kein Geld verdienen. Und sie entscheiden, was produziert wird. Also nicht wir Filmemacher haben diese Menschen vergessen, es gibt schlicht immer weniger Möglichkeiten, ihre Geschichten zu erzählen. Wir hatten früher mehr Freiheiten.

Ist Ihr Anspruch dabei, auf bestimmte Situationen und soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, oder verstehen Sie Ihr Kino auch als Medium, um Dinge zu verändern?

Zuallererst geht es darum zu zeigen, dass es passiert, auf eine Art, die glaubwürdig ist. Ich halte es mit Bertold Brecht: „Und ich dachte immer: die allereinfachsten Worte müssen genügen. Wenn ich sage, was ist, muss jedem das Herz zerfleischt sein.“ Es ist wichtig, Missstände klar zu benennen und alleine das sollte uns wütend machen. Und wenn es mir gelingt, dadurch Leute aufzurütteln und es eine Bewegung oder politische Organisation oder Gewerkschaft gibt, die sich für diese Belange einsetzt, liegt es am Zuschauer, ob er nach dem Kinobesuch einfach nach Hause geht oder sich informiert und engagiert. Aber nehmt es zumindest wahr, ignoriert es nicht! Mehr kann ein Film nicht leisten.

Trotz allem gibt es in SORRY WE MISSED YOU kleine Hoffnungsschimmer…

Mein Ansatz ist, mit Empathie zu beobachten. Ich will nicht nur die Umstände erklären, sondern auch die Solidarität feiern, die Unterstützung, Zuneigung und den Humor, die ich auch bei den am meisten Ausgebeuteten noch immer entdecken kann.

Erreichen Sie mit Ihren Filmen, die Leute, die es konkret betrifft?

Viele gehen sonst gar nicht ins Kino, vor allem ins Arthousekino. Aber wir hatten über 700 Filmvorführungen bei Gewerkschaftsgruppen, Selbsthilfeorganisationen, Fußballvereinen und Pubs, oft in den ärmsten Gegenden des Landes. Bei vielen waren Paul und ich selbst dabei und redeten mit den Menschen. Es war deutlich, dass wir mit der Geschichte einen Nerv treffen.

Das Gespräch führte Thomas Abeltshauser