
Interview
„Keine Sorge, John, die Queen versteht das.“
Interview mit Regisseur Kirk Jones über VERFLUCHT NORMAL
Kirk Jones (LANG LEBE NED DIVINE) hat mit VERFLUCHT NORMAL die Lebensgeschichte von John Davidson verfilmt, der 1972 in Galashiels, Schottland, geboren wurde und mit 12 Jahren anfing, das Tourette-Syndrom zu entwickeln. Die BBC drehte drei Dokumentarfilme über Davidson: „John’s not Mad“ (1988), „The Boy Can’t Help it“ (2002) und „Tourettes: I Swear I Can’t Help it“ (2009), die ihn zur Symbolfigur der Tourette-Community machten. Für seine Aufklärungsarbeit erhielt er von Queen Elizabeth einen MBE.
Im Interview geht Jones auch auf einen Vorfall ein, der sich bei den diesjährigen British Film Awards (BAFTA) ereignete. VERFLUCHT NORMAL war sechsmal nominiert, Hauptdarsteller Robert Aramayo wurde ausgezeichnet, und auch John Davidson war bei der Zeremonie anwesend. Das Publikum war gewarnt worden, dass zu seinen Symptomen auch die Koprolalie gehört, die dazu führt, dass die Betroffenen obszöne und tabuisierte Dinge äußern. Als Michael B. Jordan und Delroy Lindo, Darsteller aus BLOOD & SINNERS, auf der Bühne standen, rief Davidson unfreiwillig das N-Wort in den Saal. Anders als vorab vereinbart war die rassistische Beleidigung auch in der Fernsehausstrahlung zu hören und führte zu einer viralen Debatte.

Er war so in seiner Rolle aufgegangen, dass die Tics einfach aus ihm herauskamen, genau wie bei John.
INDIEKINO: Herr Jones, wenn ich es richtig verstehe, haben Sie über den Humor in Bezug auf John Davidsons Erkrankung eine Verbindung zu ihm aufgebaut?
Ich habe ihn in erster Linie kontaktiert, weil mich seine Lebensgeschichte faszinierte. Aber bei unserem ersten Treffen erwähnte ich nach wenigen Minuten, dass ich – ohne mich lustig machen zu wollen – etwas sehr Amüsantes darin sehen würde, wenn jemand keine Kontrolle über das hat, was er sagt – was natürlich im schlimmsten Fall beunruhigend, gefährlich und beängstigend sein kann. Zu meiner Überraschung sagte John, er stimme mir vollkommen zu. Er meinte, sein Leben sei immer lustig und tragisch zugleich gewesen. Erst später wurde mir klar, dass miteinander zu lachen für Menschen mit Tourette-Syndrom generell sehr wichtig ist.
Ist es dann nicht paradox, dass in unserer Gesellschaft noch immer so viel Unverständnis herrscht, viel Diskriminierung, viele Missverständnisse, auch Hass?
Es ist sehr verwirrend. Einerseits gibt es Menschen mit Tourette, die all das sagen, was politisch und privat unkorrekt ist. Es ist rassistisch, es ist homophob, es ist sexistisch, es ist verstörend, aber gleichzeitig können sie nichts dagegen tun. Aber dass sie gemeinsam viel darüber lachen, hängt damit zusammen, dass, wenn man 20 Menschen mit Tourette in einem Raum versammelt, sie sich gegenseitig triggern. Daraus entsteht viel Situationskomik, wenn Sie so wollen, und auch eine gewisse Erleichterung. Es nimmt den Druck raus. Am Ende ist Tourette eine sehr ernst zu nehmende psychisch und körperlich belastende Erkrankung. Das bedeutet, dass die Menschen absolute Unterstützung und Akzeptanz brauchen. Aber die Symptome sind unsympathisch. Das ist das Dilemma. Ich erinnere mich auch, dass mir ganz am Anfang des Projekts jemand sagte, diesen Film zu machen, sei die am ehesten „woke“ und wahrscheinlich zugleich „un-woke“ Idee, die man haben kann.
Wie schreibt man motorische und verbale Tics, die so spontan und unberechenbar sind, in ein Drehbuch?
Ich hatte das Glück, dass mir die drei BBC-Dokumentationen über John zur Verfügung standen, die ihn im Alter von 15 bis Mitte dreißig zeigen. Noch wichtiger waren aber natürlich die Gespräche mit ihm selbst. Auf diese Weise bekam ich ein gutes Gefühl dafür, wer er war, und habe die Geschichte darauf aufbauend geschrieben. Ich habe aber nur einige von Johns Tics ins Drehbuch einfließen lassen, die ich im Laufe der Jahre beobachtet hatte. Denn sie entwickeln sich weiter und verändern sich permanent.
Wie hat sich Robert Aramayo auf die Rolle vorbereitet?
Er verbrachte drei Monate mit John in Galashiels, seiner schottischen Heimat. Sie gingen zusammen in den Supermarkt, arbeiteten im Garten, sahen fern. Sie kochten gemeinsam Abendessen. Zudem führte Rob Videogespräche mit anderen Menschen, die mit Tourette-Syndrom leben. Wenn sie unter Koprolalie litten – was nur bei 20 % der Menschen mit Tourette der Fall ist –, hörte er oft ihre Tics und schrieb sie auf, weil er die Erkrankung vollständig verstehen und John nicht nur imitieren wollte.
Hat er die Tics für den Dreh einstudiert?
Nein, das hätte nicht funktioniert. Am Anfang sagte Rob Take für Take dasselbe. Aber schon bald gingen wir dazu über, zu improvisieren. Rob veränderte seine Position vor der Kamera, ohne mich oder die anderen Schauspieler darüber zu informieren. Dadurch waren die anderen Darsteller immer auf der Hut vor dem, was er als Nächstes tun würde, einschließlich Rob selbst. Einmal hatte er einen Tic und konnte sich nicht einmal daran erinnern. Er war so in seiner Rolle aufgegangen, dass die Tics einfach aus ihm herauskamen, genau wie bei John.

Einmal wälzte er sich morgens in einen stinkenden Kuhfladen, weil das besser war, als von seinen Klassenkameraden gedemütigt zu werden.
Sie haben bereits die verschiedenen Dokumentationen erwähnt, die erste und wohl berühmteste trägt den Titel JOHN'S NOT MAD. Haben Sie den Film 1989 im Fernsehen gesehen?
Ja, ich habe alle drei Dokumentarfilme im Laufe der Jahre in Echtzeit verfolgt. Johns Geschichte hat mich schon damals sehr berührt. Einen 15-jährigen Jungen zu erleben, der einfach keine Kontrolle über das hat, was er sagt, und zu beobachten, wie die Leute ihn dafür hassen, tat mir in der Seele weh. Immer wieder ermahnten ihn die Leute, er solle damit aufhören. Sogar seine Lehrer meinten zu ihm, er würde, wenn er so weitermache, entweder im Gefängnis oder in einer Anstalt landen. In der zweiten Dokumentation, etwa 10 Jahre später, spricht John darüber, wie sehr er sich eine Freundin wünscht. Aber jedes Mal, wenn er auf ein Mädchen zugehe, um sich vorzustellen, würde er ihr ins Gesicht spucken. Dann 2019, als John für seine Lobbyarbeit über das Tourette-Syndrom einen MBE erhielt, dachte ich erstmals darüber nach, mit meiner Idee, seine Geschichte zu verfilmen, auf ihn zuzugehen.
Konnten Sie nachempfinden, wie es ist, als kompletter Außenseiter aufzuwachen?
Nicht in diesem extremen Ausmaß. Ich habe mich immer ein bisschen anders gefühlt, weil ich schon als Junge viel geschrieben und in meiner eigenen Fantasie gelebt habe. John aber hasste die Schule, weil er dort nur gehänselt und gemobbt wurde. Selbst die Lehrer haben ihn in den Schrank gesperrt, um den Unterricht in Ruhe durchzuziehen. Er durfte auch keinen Abschluss machen, weil man behauptete, er würde im Prüfungsraum für zu viel Aufregung sorgen. Irgendwann tat er nur noch alles, um von der Schule sofort wieder nach Hause geschickt zu werden – einmal wälzte er sich morgens in einen stinkenden Kuhfladen, weil das besser war, als von seinen Klassenkameraden gedemütigt zu werden.
Das Licht, das Sie auch im Film auf das britische Bildungssystem der 1980er Jahre werfen, ist nicht gerade rühmlich.
Letztendlich verbirgt sich dahinter eine staatliche Einrichtung, die so ausgelegt ist, dass sie wahrscheinlich etwa 20 % der Kinder bedient, die so funktionieren, wie das Bildungssystem konzipiert ist. Aber 40 % auf der einen Seite und 40 % auf der anderen passen nicht in dieses Raster. Und es ist ein riesiger Irrglaube, zu denken, dass ein einziges Modell für alle Kinder tauglich ist. Heute versteht man das besser als damals in den 1980er Jahren. Aber ich bin weiterhin skeptisch, dass junge Menschen in der Schule ihren individuellen Stärken entsprechend ausreichend gefördert werden.
Es gibt eine bewegende Szene im Film zwischen John und Lucy, die ebenfalls mit Tourette lebt, in der sie beide über Einsamkeit und ihre Sehnsucht nach Liebe sprechen. Ist das für John immer noch ein Problem?
Er ist jetzt Mitte 50 und hatte nie eine Partnerin. Und er sagt heute: „Ich weiß, wie schwer es für Menschen ist, Tourette im Alltag zu akzeptieren. Ich bin mir nicht sicher, ob es da draußen jemals jemanden gibt, der sich freiwillig auf eine Beziehung mit mir einlassen würde.“
Ist Dottie, die Mutter seines besten Freundes aus Kindertagen, die ihn die ganze Zeit bedingungslos unterstützt hat, die große Ausnahme in Johns Umfeld und überhaupt in unserer Gesellschaft?
John sagt, ohne Dottie würde es ihn wahrscheinlich heute nicht mehr geben. Er ist fest davon überzeugt, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Man glaubt es ihm, wenn sie beschreibt, wie er sich verhielt, als er zum ersten Mal zu ihr kam. Er sei dünn gewesen und sehr blass. Drei Wochen lang hat er nicht einmal gelächelt. Sie taten alles, um ihn in die Familie zu integrieren, einfach nur, um John ein Gefühl von Normalität zu vermitteln. Denn sie merkte, dass er aus einem Umfeld kam, in dem ihm gesagt wurde, er müsse sich zusammenreißen. Deshalb ist auch der Moment so wichtig, in dem Dottie John auffordert, sich niemals für seine Erkrankung zu entschuldigen. Das hat seine Sichtweise für immer verändert.

Als ob Tourette sich nach dem Kalender richten würde....
Apropos Entschuldigung: Ich würde gerne mit Ihnen über die diesjährige BAFTA-Preisverleihung sprechen. Was ist da schiefgelaufen?
Die übergreifende Ironie ist, dass Vorfälle wie dieser der Grund sind, warum wir den Film überhaupt gedreht haben. Es fühlte sich plötzlich so an, als wären wir 20 Jahre zurückgeworfen worden. Die Leute, die an jenem Abend im Saal waren und den Film gesehen hatten, verstanden Johns rassistische Beleidigung; es war eindeutig einer seiner verbalen Tics. Erst nach der zeitversetzten Fernsehübertragung habe ich in den sozialen Medien Dinge gelesen wie: John hätte sich doch sicher beherrschen können. Wie konnte er so etwas im Black History Month herausposaunen? Als ob Tourette sich nach dem Kalender richten würde.
Haben Sie mögliche Zwischenfälle im Vorfeld mit der BBC besprochen, die es ganz klar versäumt hat, den Tic aus der Aufzeichnung herauszuschneiden?
Alles wurde besprochen, immerhin: Wir waren für sechs BAFTAs nominiert. Die BBC versprach, dass zwischen Aufzeichnung und Ausstrahlung eine Verzögerung von zwei Stunden liegen würde. Genügend Zeit also, um Vorfälle wie diese zu korrigieren. Es gab auch eine Ankündigung vor der Sendung, um alle Leute im Saal darauf hinzuweisen, dass John verbale Tics ausstoßen oder unerwartete Geräusche machen könnte. Ihm wurde sogar persönlich versprochen, dass alles, was er sagen oder tun würde, im Raum bliebe.
Wie kam es dann zu dem Fehler der BBC?
John hat zweimal dieselbe Beleidigung ausgerufen, eine davon wurde übersehen. Ich frage mich immer noch, warum keiner der verantwortlichen Produzenten an dem Abend das Material noch einmal überprüft hat.
Dazu kommt, dass Ihr Film mit der MBE-Verleihung im Buckingham Palace beginnt, wo John ebenfalls ein Tic widerfährt, den Königin Elisabeth II. gekonnt zu ignorieren versteht.
John erklärte mir, dass ihm in dem Moment einer der Wachmänner im Saal seine Hand auf die Schulter legte und zu ihm sagte: „Keine Sorge, John, die Queen versteht das.“ In diesem Raum herrschte völlige Akzeptanz, alle hatten Verständnis. Aber für John macht es am Ende keinen Unterschied. Die Scham ist für ihn immer noch ein Faktor.
Dass es Menschen wie Dottie gibt, die an einen glauben, ist ein weiteres sehr wichtiges Thema im Film. Wer oder was gab Ihnen das Selbstvertrauen, Regisseur zu werden?
Ich bin im Arbeitermilieu aufgewachsen. Mein Vater war Elektriker, meine Mutter arbeitete in einem Zeitungsladen. Ich hatte weder die familiären Verbindungen noch die finanziellen Möglichkeiten, die mir den Einstieg in die Filmindustrie erleichtert hätten. Aber als ich ein Teenager war, kamen meine Eltern einmal von einem Schulgespräch wieder und erzählten mir, meine Theaterlehrerin hätte ihnen ans Herz gelegt, mich nicht in einem Büro oder am Schreibtisch versauern zu lassen. Sie sagte, ich könne sehr gut mit Menschen umgehen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir, dass ich einmal Filmemacher werden wollte.
VERFLUCHT NORMAL war ein großer Überraschungshit in Großbritannien. Hatten Sie eigentlich Schwierigkeiten, das Projekt finanziell auf die Beine zu stellen?
Nein, und zwar aus einem einfachen Grund: Es gab meinerseits von vornherein Bedenken, dass traditionelle Geldgeber uns auffordern würden, die Schimpfwörter zu reduzieren. Aber ich hatte John versprochen, einen wahrheitsgetreuen und ehrlichen Film zu drehen. Nach unserem ersten Treffen mit einer der üblichen Produktionsfirmen hieß es, die Sprache sei ein Problem. So ließe sich der Film nicht weltweit verkaufen. Etwa zur gleichen Zeit hatten meine Frau und ich unser Familienhaus verkauft, in das wir über 30 Jahre lang investiert hatten. Ich ging zur Bank und fragte nach einem Darlehen. Glücklicherweise willigte auch meine Frau ein. Sie verstand, wie viel mir dieses Projekt bedeutete. Es waren die perfekten Konditionen, weil wir komplette Freiheit hatten, und es war der entspannteste Dreh, den ich je erlebt habe.
Das Gespräch führte Pamela Jahn.
Pamela Jahn