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Interview, Feature

„Ich musste erst selbst Vater werden, um diese Geschichte erzählen zu können“

Interview mit Lee Isaac Chung über MINARI

Regisseur Lee Isaac Chung war kurz davor, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, als er in diesem Jahr mit MINARI seinen Durchbruch hatte. Der semi-autobiografische Film über eine koreanische Zuwandererfamilie in den 1980er Jahren in den USA wurde inzwischen mit 107 Filmpreisen ausgezeichnet und war für sechs Oscars nominiert – davon hat er einen gewonnen: Yuh-Jung Youn erhielt den Preis für die beste Nebendarstellerin für ihr Porträt der Großmutter Soon-ja. MINARI ist der erste Film von Chung, der in Deutschland ins Kino kommt (sein Debüt MUNYURANGABO war 2008 auf der Berlinale zu Gast). Patrick Heidmann hat mit Chung über MINARI gesprochen.

INDIEKINO: Mr. Chung, Ihr erster Spielfilm MUNYURANGABO vor 14 Jahren spielte in Ruanda, danach drehten Sie einen, der von der Lyrik Gerald Sterns inspiriert war und einen über eine einsame New Yorkerin. Warum verarbeiten Sie erst jetzt mit MINARI auch Elemente Ihrer eigenen Lebensgeschichte?

Lee Isaac Chung: Zu Beginn meiner Karriere verspürte ich den Drang nicht wirklich, mich meiner Biografie zu widmen. Doch vor MINARI war ich als Filmemacher an einem Punkt angekommen, an dem ich vor dem Ende meines Wegs stand. Ich war nach Korea gezogen und unterrichtete an der Uni. Es fehlte nicht viel und ich wäre festangestellter Professor in Vollzeit geworden. Ich wusste, dass ich vermutlich nur noch eine einzige Chance haben würde, ein Drehbuch zu schreiben. Und das musste dann einfach eines sein, das sich lohnt. Eines, das ich bereuen würde, nicht geschrieben zu haben. Ob daraus dann überhaupt ein Film werden würde, stand noch vollkommen in den Sternen. Aber ich merkte, dass die Zeit gekommen war, eine Geschichte zu erzählen, die so persönlich wie möglich war und mir mehr bedeutete als alle anderen vorher.

Warum wollten Sie Professor werden und das Filmemachen aufgeben?

Ich kann nicht leugnen, dass das Geld eine Rolle spielte. Man verdient nicht viel mit kleinen Independent-Filmen, und es wird auch immer schwerer, sie überhaupt umzusetzen. Vor allem aber war ich einfach unglaublich unzufrieden mit allem, was ich schrieb. Ich hielt mich für einen miesen Drehbuchautor, der Selbstzweifel und die Frustration wurden immer stärker. Meine Familie spürte das, mein Unglück war nicht zu übersehen. Irgendwann wusste ich, dass es so nicht weitergehen kann und wollte mich darauf konzentrieren, mir selbst und vor allem ihnen ruhige, stabile Lebensumstände zu bieten. Tatsächlich fanden wir genau das dann in Korea, wir lebten uns schnell ein und fanden Freunde. Meine Frau und Tochter waren happy. Aber dieser letzte Versuch, einen Film zu drehen, der mir alles bedeutet, musste es einfach noch sein.

Sie erzählen nun also in MINARI – inspiriert von der eigenen Familiengeschichte – von einem aus Korea eingewanderten Ehepaar, das in den frühen achtziger Jahren mit seinen beiden in den USA geborenen Kindern aus Kalifornien ins ländliche Arkansas auf eine kleine Farm zieht ...

Dass diese Geschichte erzählenswert ist, wusste ich immer schon. Aber ich glaube, ich musste erst selbst Vater werden, um sie erzählen zu können. Um zu verstehen, wie diese Zeit damals eben nicht nur für mich, sondern auch für meine Eltern wohl war. Als nun meine Tochter in dem Alter war, das ich beim Umzug nach Arkansas hatte, und ich selbst etwa im Alter meines Vaters damals, wusste ich, dass der Zeitpunkt nun der richtige war.

War die Gratwanderung zwischen Autobiografie und Fiktion eine schwierige?

Anfangs bereitete es mir etwas Unbehagen, einerseits die Geschichte meiner Eltern zu erzählen, es aber eben andererseits nicht mit ihrer Stimme, sondern aus meiner Perspektive als Sohn zu tun. Doch letztlich beflügelte mich dann der Gedanke an Truffauts SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN. Ich weiß, dass das für ihn eine sehr persönliche Geschichte war, trotzdem denken wir bei dem Film nicht an Truffauts Geschichte, sondern an die von Antoine Doinel. So etwas wollte ich auch erreichen. Entscheidend dafür war natürlich, den Figuren andere Namen zu geben und sie eben nicht mit meiner Familie gleichzusetzen. Meine Erinnerungen sollten den Ausgangspunkt darstellen, aber ich versuchte immer, Raum zu lassen für Fiktion. Und bloße nostalgische Sentimentalität zu vermeiden. Ob mir das in allen Szenen gelungen ist, vermag ich selbst nicht zu sagen. Aber es war mein Anspruch.

Als kleiner Junge mit koreanischen Wurzeln in der US-Provinz auf dem Land aufzuwachsen – sah das in den achtziger Jahren anders aus als es heute der Fall wäre?

Oh, interessante Frage. Was damals sicherlich anders war, war die Tatsache, dass wir keinerlei Vorbilder hatten. In den siebziger Jahren hatten die USA ja gerade erst wieder angefangen, Einwanderer aus asiatischen Staaten ins Land zu lassen. Es gab damals dann eine richtige Welle von Immigranten aus Asien und mein Vater war einer von ihnen. Und wenn Leute wie er dann aus den Städten raus aufs Land zogen, dann gab es da niemanden, der aussah wie sie oder ihre Erfahrungen teilte. Das wäre heute etwas anderes. Mein Neffe ist ungefähr so alt wie ich es damals war und er war ziemlich irritiert, als er MINARI sah. Vieles, was im Film gesagt wird, verstand er nicht, weil er es selbst nicht kennt. Er hat Eltern, die ihm helfen können beim Aufwachsen als asiatischstämmiger Amerikaner, weil sie es selbst bereits erlebt haben. Und er hat andere Kinder mit asiatischen Wurzeln als Freunde. Die Erlebnisse meiner Kindheit waren also schon sehr konkret an jene Zeit gekoppelt.

Manche würden Ihren Werdegang vermutlich als Paradebeispiel des amerikanischen Traums bezeichnen, oder?

Puh, da bin ich nicht sicher, wie ich das sehe. Dieser Begriff ist erstens recht abgenutzt und verwässert, und zweitens bedeutet er vermutlich für jeden individuell etwas ganz anderes. Was ist der amerikanische Traum? Der von dem Martin Luther King Jr. gesprochen hat? Darauf könnte ich mich einigen. Und der war es wohl auch, der meine Eltern damals in die USA hat kommen lassen: dieser Gedanke, dass es in diesem Land möglich ist, nicht nur etwas aus sich zu machen, sondern man auch auf Gleichheit und Gemeinschaft hoffen kann. Das ist in der Praxis nicht immer gegeben. Aber wenn ich mich in meiner sehr diversen Nachbarschaft in Los Angeles umsehe, wo eine Community aus unterschiedlichsten Familien zusammenlebt, sich gegenseitig unterstützt und für die Demokratie und Gerechtigkeit kämpft – das ist für mich der amerikanische Traum. Meine Geschichte ist auch ein Traum, schließlich habe ich es nun doch geschafft, meiner Familie und mir selbst ein stabiles Leben zu ermöglichen und offenbar trotzdem weiter Filme zu machen. Doch das ist mein ganz eigenes Ding.

Wovon ich erzählen wollte, war weniger ein Ankommen und ein Assimilieren an eine fremde Kultur, als eher ein Art Assimilation innerhalb der Familie.

Es wurde in den USA sehr kontrovers diskutiert, dass MINARI bei Filmpreisen wie dem Golden Globe in die Kategorie „fremdsprachiger Film“ gesteckt wurde und häufig nicht mit anderen US-Produktionen konkurrierte. Hat Sie das befremdet?

Für mich war diese Diskussion ein Wechselbad der Gefühle. Aber mir gefiel daran, dass mehr und mehr Menschen über die Regeln diskutiert haben, nach denen wir Filme einordnen und in Schubladen stecken. Und ich hoffe, dass wir auch weiter daran arbeiten werden, unseren Begriff davon zu erweitern, was „amerikanisch“ und was „fremd“ heißt. Solange wir darüber sprechen und den Status quo in Frage stellen, ist schon vieles gewonnen.

Apropos fremd: Rassismus kommt als Thema im Film nur am Rande vor. Warum?

Mir war klar, dass ich das Thema nicht vollkommen außen vor lassen kann, denn das wäre mir als verantwortungslos und unrealistisch vorgeworfen worden. Aber es sollte auf keinen Fall im Vordergrund stehen, denn das tut es für die Familie, um die es hier geht, auch nicht. Natürlich gibt es Situationen, in denen sie Fremdenfeindlichkeit erleben, aber ihr Alltag wird davon nicht dominiert. Unter anderem deswegen war es mir auch wichtig, dass diese Familie nicht ganz frisch in den USA angekommen, sondern bereits seit einigen Jahren im Land ist. Wovon ich erzählen wollte, war weniger ein Ankommen und ein Assimilieren an eine fremde Kultur, als eher ein Art Assimilation innerhalb der Familie. Wie sich das Verhältnis der Familienmitglieder zueinander verändert und verschiebt, fand ich spannend, nicht einem „weißen Publikum“ zu erklären, wer wir sind und was wir auf unserem Weg durchmachen mussten.

Lassen Sie uns noch kurz über Ihre Schauspieler*innen sprechen. Steven Yeun, der den Vater spielt, ist dank THE WALKING DEAD und OKJA sicherlich der bekannteste amerikanisch-koreanische Schauspieler der Welt...

Und er ist mit meiner Cousine verheiratet. Deswegen hatte ich ihn anfangs für die Rolle überhaupt nicht auf dem Schirm. Beruf und Familie zu trennen war für mich eigentlich immer das oberste Gebot. Ich hätte Steven nie für die Rolle angefragt, weil ich viel zu viel Angst gehabt hätte, dass er sich verpflichtet fühlt und aus den falschen Gründen zusagt. Eigentlich wollte ich also in Korea nach einem geeigneten Schauspieler suchen. Doch dann bekam Steven das Drehbuch in die Hände und war interessiert, was ich über meinen Agenten erfuhr. Was für ein Glück! Schon allein, weil er das perfekte Bindeglied war zwischen den aus Korea kommenden Schauspieler*innen, einem Hollywood-Veteran wie Will Patton und den beiden wunderbaren koreanisch-amerikanischen Kindern, die noch nie einen Film gedreht hatten.

Youn Yuh-jung als die Großmutter besetzen zu können, war sicherlich ebenfalls ein großes Glück, nicht wahr?


Ich war sehr nervös, als wir ihr die Rolle angeboten haben. Sie hat den Ruf, sehr ehrlich und meinungsstark zu sein, und ich hatte natürlich Angst, sie könnte das Drehbuch nicht mögen. Dass sie dann zugesagt hat, war eine Riesensache für mich. Denn in Korea ist sie schließlich ein großer Star. Und vor allem ist sie die Lieblingsschauspielerin meiner Eltern. In meiner Jugend war sie omnipräsent, weil sie in allen großen Fernsehserien mitspielte, die wir auch in den USA sehen konnten.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann