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Interview, Feature

„Ich habe das Gefühl, dass wir vielleicht gerade etwas Neues ins Rollen bringen“

Interview mit Faraz Shariat zu FUTUR DREI

Mit dem Spielfilmdebüt FUTUR DREI gewann Faraz Shariat, Jahrgang 1994, auf der diesjährigen Berlinale den Teddy für den besten Spielfilm, den Teddy Leser:innen-Preis und beinahe auch noch den Panorama Publikumspreis (zweiter Platz). Der Film um drei Freunde, um Facetten von Migration, Deutsch-sein und Queer-sein und um Sommernächte in Hildesheim erzählt mit einer inneren Freiheit, die vielleicht auch die kollektive Produktion widerspiegelt. Regisseur Faraz Shariat nennt seinen autobiografisch inspirierten, fröhlich machenden Film „selbstbestimmtes, aktivistisches Popcorn-Kino“. Patrick Heidmann hat sich mit ihm über FUTUR DREI unterhalten.

INDIEKINO: Fangen wir doch mal von vorne an. Können Sie rückblickend noch sagen, womit Ihr Debütfilm FUTUR DREI seinen Ursprung nahm?

Faraz Shariat: Vermutlich müsste ich sagen: mit meiner Geburt (lacht). Aber im Ernst: ich glaube, dass eine Dokumentarfilmarbeit von mir den Anfang für die künstlerischen Zugriffe und auch inhaltlichen Parameter, die FUTUR DREI ausmachen, darstellte. ICH BIN EUER SOHN heißt der Film, den ich 2014, noch während meines Studiums in Hildesheim, mit meinen Eltern gedreht habe. Die Prämisse war, dass ich in das neue Zuhause meiner Eltern reise, die nach meinem Studienbeginn umgezogen waren, und dort eine Woche mit ihnen verbringe, um zwischen Küche, Schlafzimmer und der Kasse ihres Supermarkts ihr Leben und unsere Beziehung zu perspektivieren. Damals habe ich mich noch einmal sehr intensiv mit ihrer Reise aus dem Iran nach Deutschland auseinandergesetzt, habe ihnen Fragen gestellt und einen neuen, postpubertären Zugriff nicht nur zu meiner eigenen Geschichte, sondern vor allem der meiner Eltern gefunden. In FUTUR DREI ist diese Arbeit ohne Frage noch präsent. Ganz buchstäblich sogar, denn ich verwende private Heimvideos aus meiner Kindheit – und wusste von Anfang an, dass ich meine Eltern als die Eltern des Protagonisten besetzen will.

Wenn man die eigene Biografie so stark ins fiktionale Erzählen mit einbindet, muss man da aufpassen, trotzdem einen gewissen Abstand zu wahren?

Eine wichtige Grenze wurde natürlich schon mal dadurch gezogen, dass ich das nicht selber spiele, sondern es mit Benjamin Radjaipour einen Schauspieler gibt, der diese an mich angelehnte Figur natürlich auf eigene Weise interpretiert. Trotzdem muss ich zugeben, dass es in der Regiearbeit und gerade in der Arbeit mit Benjamin schon viel darum ging, was ich selbst empfinde oder woher bestimmte Elemente des Drehbuchs kommen. Ich habe mich da regelmäßig sehr nackt gemacht und klargestellt, worum es mir mit bestimmten Szenen ging und welche Erfahrungen da vielleicht drinsteckten. Wobei man sagen muss, dass Benni und ich uns schon sehr ähnlich darin sind, wie wir die Welt sehen. Das gesellschaftspolitische Interesse, das FUTUR DREI ja auch hat, ist sehr nah dran an seinen eigenen Ambitionen und Perspektiven.

Kannten Sie sich vorher?

Nein, aber gleich bei unserem Treffen während des Casting-Prozesses war mir klar, dass er diese Figur spielen wird. Vieles von dem, was wir in unserem Exposé formuliert hatten, stieß bei ihm sofort auf Resonanz oder hallte nach. Und natürlich ist es so, dass man auch ähnliche Erfahrungen macht, wenn man als junger, queerer Deutsch-Iraner aufwächst. Mir hat das sehr geholfen, noch jemand anderes neben mir stehen zu haben, der an diese Figur glaubt und versteht, warum die wichtig ist. Deswegen ging es mir weniger darum, eine Grenze zu meiner eigenen Person zu ziehen, als Sicherheit und Vertrauen herzustellen, wenn es darum geht, mit diesen Erfahrungen auch an die Öffentlichkeit zu treten.

Wir wollten eine Opposition formulieren und etwas Selbstermächtigendes machen, das war unser Drive

Das gesellschaftspolitische Interesse des Films ist einerseits nicht zu übersehen, andererseits aber ist FUTUR DREI mit seinen träumerischen, utopischen und poppigen Elementen alles andere als ein Sozialdrama der herkömmlichen Art. Wie haben Sie vorab formuliert, was hier in welcher Form verhandelt werden soll?

Unser Kollektiv Jünglinge (Faraz Shariat, Paulina Lorenz und Raquel Molt, Anm. d. Red.) und viele andere, die am Set von FUTUR DREI mitgemacht haben, eint das Studium in Hildesheim, genauer gesagt, unser interdisziplinärer angewandter Kulturwissenschafts-Studiengang dort. Der hat ganz stark unsere Perspektive auf den Film geprägt, schon bevor der überhaupt da war. Da ging es zum Beispiel um den Gedanken, sich etwas rückanzueignen, das im deutschen Kino und Fernsehen eigentlich permanent unter- oder misrepräsentiert wird. Wir wollten eine Opposition formulieren und etwas Selbstermächtigendes machen, das war unser Drive. Aber es ging eben ganz klar nicht darum, einen Dokumentarfilm zu machen, der die Realität unter die Lupe nimmt und versucht, dazu eine Haltung zu entwickeln. Wir wollten eher ein Angebot machen für etwas anderes, für eine Möglichkeit oder ein Potential, das in unserer queeren, post-migrantischen Perspektive steckt. Wir hatten Lust, Gefühle wie Sehnsucht, Gemeinschaft, Leidenschaft in einer Coming-of-Age-Tradition ernst zu nehmen und wollten vor allem diese Figuren mehr sein lassen als die Konflikte, die sie umgeben.

Es ging erkennbar auch darum, dass der Film nicht dröge und didaktisch wirkt, oder?

Wir wollten natürlich nicht, dass sich der Film am Ende anfühlt wie eine kulturwissenschaftliche Hausarbeit. Deswegen war es unsere große Aufgabe, der Sinnlichkeit und dem Gefühl genug Raum zu geben. Wir mussten den Spagat schaffen zwischen Form und Inhalt, aber auch politischer Agenda und Story. Die Frage, ob man das hinkriegen kann, stand immer im Raum. Aber wir haben mit unserem Kollektiv Jünglinge ja einen Musikvideo-Background, was meiner Meinung nach total geholfen hat, sich formale Freiheiten zu nehmen und auch mal die Story- oder Dialogebene zu verlassen.

Stand die Queerness der Geschichte und des Protagonisten für Sie an oberster Stelle?

Nein, wir wollten uns nicht festlegen darauf, dass das ein Film über Migration oder übers Queersein ist. Und wir haben bei FUTUR DREI immer auch versucht, intersektional zu denken, und die Anwesenheit von verschiedenen Positionen stets im Blick zu behalten. Ich selbst habe in meinem eigenen Aufwachsen super viele queere Filme geschaut, auf der Suche nach Repräsentationen von jemandem wie mir. Eine meiner Beobachtungen dabei war, dass gerade in schwulen Filmen die Frauenfiguren oft super Scheiße wegkommen und gar keine eigene Dringlichkeit haben.

Stichwort Queer Cinema: Welche Filme haben Sie da denn besonders beeinflusst?


Ich habe auf jeden Fall viel Xavier Dolan geschaut, gerade die ersten Filme. Wobei ich die sehr ambivalent wahrgenommen habe. Die hatten etwas total Befreiendes und Sinnliches, aber gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, dass da irgendetwas drinsteckt, was mich nicht befriedigt und mein Queersein nicht ausspricht. Andere Filme, die ich spannend fand, waren zum Beispiel PRINCESS CYD oder auch HENRY GAMBLE’S BIRTHDAY PARTY. Aber auch BLAU IST EINE WARME FARBE ist ein Film, mit dem ich viel anfangen konnte und der mich krass geprägt hat. Und etwas aktueller natürlich auch MOONLIGHT. Konkret für FUTUR DREI war zum Beispiel APPROPRIATE BEHAVIOR von Desiree Akhavan eine Referenz. Wobei wir letztlich nichts gefunden haben, was als direktes Vorbild für den Film richtig passend war. Und das ist ja vielleicht auch gut gewesen.

In den alteingesessenen deutschen Filmstrukturen gibt es bislang ja eigentlich genau null Platz für Protagonist*innen, deren Nicht-Weiß-Sein nicht auch permanent zum Thema gemacht wird

Wie haben Sie denn den Look des Films gefunden, der ja eine wichtige Rolle spielt?

Die einzige Regel in der Gestaltung war die, dass es keine gibt. Wir haben uns Szene für Szene, Sequenz für Sequenz überlegt, worauf wir Lust haben. Was macht Sinn und was fühlt sich richtig an, ganz intuitiv. Auf gar keinen Fall wollten wir so arbeiten, dass man in den ersten 5 bis 7 Minuten ein ästhetisches Repertoire etabliert, nach dem der Film dann funktioniert. Das war auch als formale Überlegung wichtig, weil es in diesem Film nun einmal um Vielstimmigkeit, Pluralität und die Anwesenheit von unterschiedlichen Perspektiven geht. Da machte eine einheitliche Sprache einfach nicht so viel Sinn. Es war viel interessanter und wichtiger, dass der Film es sich erlaubt, sich permanent neu zu erfinden, zu überraschen und sich nicht festschreiben zu wollen. Ganz zu schweigen davon, dass wir auch queeres Kino formal ernst nehmen wollten. Oft wird bloß von queerem Kino gesprochen, wenn es um queere Geschichten geht. Aber es kann ja auch darum gehen, mit queerem Kino formal und ästhetisch etwas anders zu machen als das klassische Erzählkino.

Interessanterweise tun Sie das mit FUTUR DREI – und haben trotzdem keinen sperrigen, schwer durchdringlichen Film gedreht...


Uns war immer klar: das ist Mainstream, was wir machen. Wir wollten Zugänglichkeit, die Leute sollten problemlos „verstehen“, was da passiert. Uns ging es nicht um eine komplizierte Geschichte oder Umsetzung, sondern wir haben ein Publikum mitgedacht, das nebenbei Popcorn kauft und Spaß hat. Was nicht heißt, dass wir uns nicht gleichzeitig trauen wollten, zu experimentieren und etwas zu wagen.

Wir haben vorhin schon über Benjamin Radjaipour gesprochen, aber auch Banafshe Hourmazdi und Eidin Jalali sind wunderbar. Wie schwierig war es, geeignete Schauspieler:innen für diese Rollen zu finden?

Es war auf jeden Fall nicht easy, aber mit Raquel Molt ist eine unfassbar tolle Casterin Teil unseres Kollektivs, die auch alle Recherche gemacht und mitproduziert hat. Sie hat insgesamt dreieinhalb Jahre nach der Besetzung für FUTUR DREI gesucht. Denn natürlich gibt es das Problem, dass alle Portale, Archive und Agenturen für Schauspieler:innen eigentlich ziemlich rassistisch strukturiert sind. Da kann man sich also nicht unbedingt auf bewährte Besetzungsverfahren verlassen.

Dass es diesbezüglich in der deutschen Schauspiel- und Castingszene ein echtes Problem gibt, dürfte Sie leider nicht überrascht haben, oder?


Nein. Aber es war teilweise wirklich schmerzhaft, sich die Demo-Tapes von Schauspieler:innen, die of color sind, anzuschauen. Denn die bekommen in Deutschland meist weder die Möglichkeit zu zeigen, was sie können, noch überhaupt zu lernen und zu wachsen. Wenn man nach seinem Abschluss permanent nur die gleichen Sachen spielen darf, die total beschränkt und dumm sind, entwickelt man sich natürlich auch nicht weiter. Und irgendwann sind einem dann die weißen Kommilitoninnen und Kommilitonen ein paar Schritte voraus, weil die dagegen superkomplexe Rollenangebote bekommen. Umso schöner war es zu merken, was in den Leuten drinsteckt, wenn man ihnen mal ein Angebot macht und mehr von ihnen fordert. Das war krass mitzuerleben. Und unsere drei Hauptdarsteller*innen sind wirklich extrem gute, präzise Schauspielende. Ich freue mich einfach, dass bei denen jetzt was Neues auf dem Demo-Tape mit drauf ist.

Die Selbstverständlichkeit und Bestimmtheit, mit der Sie das Nicht-Weiße und Queere ins Zentrum nehmen, gab es im deutschen Kino bislang eigentlich nicht...

Uns ist schon sehr bewusst, dass diese Selbstverständlichkeit, aber auch Leichtfüßigkeit etwas Neues und Anderes sind. Auch dieser Wunsch, dass wir als Menschen, die hier eingewandert sind oder in zweiter oder dritter Generation hier leben, uns von den Konflikten, dem Drama und den Stigmata befreien wollen, die damit sonst einhergehen. Aber wir wissen natürlich auch, dass das nur geht, weil sich in den 80ern und 90ern eine Gastarbeiter-Generation sehr ausbuchstabiert damit auseinandersetzt hat, was dort für Konflikte relevant waren.

Empfinden Sie sich denn als Vorreiter?

Ich habe irgendwie schon das Gefühl, dass wir vielleicht gerade etwas Neues ins Rollen bringen. Dass es vielleicht künftig mehr Möglichkeiten für uns als Filmschaffende gibt. Das sehe ich auch an den Anfragen, die gerade zirkulieren. Was das Erzählen post-migrantischer Perspektiven als Normalität und Ist-Zustand angeht, bewegt sich etwas. Und dass FUTUR DREI bislang mit sehr offenen Armen empfangen wurde, freut mich natürlich krass. Aber vielleicht zeigt es eben auch, dass das Streben nach Veränderungen und der Wunsch, solche Geschichten zu erzählen, auch der richtigen Leute bedürfen. In jedem Fall freue ich mich sehr, dass es FUTUR DREI jetzt gibt und wir nun sagen können: so kann ein Film aussehen, wenn man bereit dazu ist, dieses und jenes strukturell zu verändern. Denn vieles von dem, was wir gemacht haben, kann man ja auch easy auf andere Produktionen anwenden.

Auch auf den absoluten Mainstream? Ließe sich mit Ihren Strukturen und Themen eine Komödie à la Schweighöfer umsetzen, zumal im von Förderern und Fernsehredaktionen geprägten deutschen System?


Das ist eine riesige Frage, die wir uns auch stellen. Wir wollen da eigentlich auf jeden Fall hin. Wir wollen Mainstream machen und das ganz große Publikum bespielen. Aber gleichzeitig interessieren uns natürlich keine 08/15-Geschichten. Entsprechend skeptisch bin ich und kann die Frage noch nicht beantworten. In den alteingesessenen deutschen Filmstrukturen gibt es bislang ja eigentlich genau null Platz für Protagonist*innen, deren Nicht-Weiß-Sein nicht auch permanent zum Thema gemacht wird. Wir arbeiten aber auf jeden Fall auch schon an Projekten mit noch deutlich größerer Reichweite als FUTUR DREI. Zum Beispiel an einer Jugendserie, bei der wir durchgekriegt haben, dass 70 oder 80% des Haupt-Casts nicht weiß sind. Das ist schon ziemlich cool. Und durch Player wie Netflix, Amazon und Sky wird sich zwangsläufig in nächster Zeit noch einiges ändern. Die gehen mit einer anderen Mentalität an ungewöhnlichere Stoffe heran und haben Zielgruppen im Blick, die mehr Diversität konkret einfordern. Das ist eine große Chance, auch für uns.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann