
Interview
"All diese Frauen haben mich in ihre Gemeinschaft aufgenommen."
Interview mit Kate Beecroft, Regisseurin von THE NEW WEST
INDIEKINO: Frau Beecroft, warum finden gerade Frauen so leicht Zugang zu Pferden?
Kate Beecroft: Bis ich diese Menschen und die Geschichte für mich entdeckte, hatte ich nicht vor, jemals einen Film mit Pferden zu drehen, oder irgendeine Art von modernem Western. Ich bin zwar mit Reiten aufgewachsen, aber das lässt sich in keiner Weise mit diesen Jugendlichen vergleichen. Ich war überwältigt von ihrem emotionalen Bedürfnis nach diesen Pferden. Sie haben zu niemandem sonst eine so tiefe Verbindung. Aber es ist auch eine komplizierte Beziehung, man darf nicht vergessen, dass es sich letztlich um Arbeitspferde auf einer Ranch handelt. Ihre komplette finanzielle Sicherheit hängt von den Tieren ab.
Wie sind Sie vorgegangen, um diese ganz besondere Beziehung zwischen Ihren Protagonistinnen und den Pferden einzufangen?
Zunächst einmal wollte ich keine professionell trainierten Pferde am Set, genauso wie ich bis auf zwei bewußte Ausnahmen keine professionellen Schauspieler einsetze. Die Tiere, die man im Film sieht, sind Tabithas Pferde, die sie vor dem Schlachter gerettet hat. Sie sollten alle getötet werden, und diese Frau gab ihnen eine zweite Chance. Für mich steht der Gedanke dahinter symbolisch für die Beziehung zu den Kids, die ebenfalls eine zweite Chance bekommen haben. Ich habe deshalb alle immer auf genau dieselbe Weise gefilmt. Ähnlich verhält es sich im Übrigen auch mit der Landschaft, den Badlands. Die Natur, die Menschen, die Tiere, sind gleichwertige Charaktere für sich.
Es gibt viel Kritik am Rodeo. Für die einen ist es ein Sport, für andere Quälerei. Wie sehen Sie das?
Mein Blick auf die Welt insgesamt hat sich stark verändert, seit ich so viele Jahre mit den Menschen in South Dakota gelebt habe – ich war schon lange Zeit vorher bei ihnen, bevor ich den Film gedreht habe. Deshalb wollte ich im Film ein echtes Rodeo zeigen und nichts erfinden. Denn darin liegt ein großer Teil der Kultur dieser Region, insbesondere der Kultur der amerikanischen Ureinwohner. Und weil sie so viel Geld wert sind, werden diese sogenannten Bucking-Stock-Pferde tatsächlich auch recht gut und mit Respekt behandelt, das muss man auch sehen.
Wie sehr unterscheidet sich die Tabitha, die Sie im Film darstellen, von der Frau, die Sie an Ihrem ersten Tag auf der Ranch kennengelernt haben?
Meine Absicht war es, dem Publikum zu vermitteln, wie ich mich bei dieser ersten Begegnung gefühlt habe. Und wie man am Anfang des Films sehen kann, war ich sehr überreizt. Die Musik stammt aus den Spotify-Playlists der Jugendlichen. Es gibt Freude und Gelächter. Aber schon wenige Tage nach diesem ersten Treffen mit Tabitha zeigte sich auch eine Verletzlichkeit an ihr, die ich nicht erwartet hatte. Das war ein echtes Geschenk und etwas sehr Besonderes, denn so offen verhält sie sich nicht jedem gegenüber. Irgendwie entstand sofort ein Vertrauensverhältnis zwischen uns. Natürlich auch, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht daran dachte, einmal einen Spielfilm daraus zu machen.
Haben Sie später mit ihr besprochen, welche Momente und Ereignisse Sie ins Drehbuch übernehmen würden?
Ja, Tabby wusste, worüber ich schreiben wollte. Dann habe ich das Drehbuch in ein paar Tagen zusammengebastelt und ihr geschickt. Alles darin basiert auf dem Material, das ich in den gemeinsamen Jahren mit ihr, ihrer Tochter Porshia und den anderen Kids gesammelt hatte. Aber auf Tabithas Reaktion zu warten, war der beängstigendste Moment meines Lebens. Es war wie mein Liebesbrief an sie, als hätte ich ihr mein Herz ausgeschüttet. Zum Glück erhielt ich die schönste Antwort, die ich mir vorstellen konnte. Sie sagte, es sei das erste Mal, dass sie sich gesehen fühlte.
Wie ist die besondere Szene am Lagerfeuer entstanden, in der Tabitha über den Selbstmord ihres Mannes spricht?
Es war die einzige Szene, die nicht im Drehbuch stand. Im Skript hieß es einfach „Improvisation“. Ich hatte keinen Plan B, falls es nicht funktionieren würde. Aber all diese Frauen in dieser Szene, einschließlich Tabithas eigener Mutter, haben mich in ihre Gemeinschaft aufgenommen, obwohl sie das gar nicht mussten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine so starke Verbindung zueinander aufgebaut, dass ich die Szene am Set damit einleitete, indem ich etwas Verletzliches über mich selbst erzählte. Das gab den Ton an, und dann ging es darum, alles in einem einzigen Take festzuhalten. Wir hatten zwei Kameras laufen, weil ich nicht wollte, dass sie irgendetwas davon wiederholen mussten.
Wann hat Tabitha Ihnen zum ersten Mal davon erzählt?
Sie hat in ihrem Leben überhaupt nur ein einziges Mal darüber gesprochen, was in der Nacht passiert ist. Und das war bei unserem ersten Treffen, weil ich sie fragte, ob sie eine Vorahnung hatte, dass ihr Mann sich das Leben nehmen würde. Damals sah sie mich verwundert an und meinte, niemand hätte sie je danach gefragt. Das sagt immens viel aus über die Mentalität in der Gemeinschaft. Diese Menschen ersticken an ihren Schicksalen. Und darüber zu sprechen, gab Tabitha letztendlich die Erlaubnis zu trauern.

Amerika hat zumindest keine Kultur, die tief in der Geschichte verwurzelt ist
Haben Sie das Gefühl, Ihre Protagonist:innen in gewisser Weise beschützen zu müssen, dass Sie vielleicht gar nicht so viel preisgeben sollten, wenn Sie jetzt in der Öffentlichkeit über sie reden?
Ihre Frage berührt mich sehr. Ich habe diesen Film entdeckt, oder er mich, als ich Mitte zwanzig war – heute bin ich zweiunddreißig. In dem Moment, als ich diese Menschen traf, wusste ich, dass ich ihre Geschichte erzählen wollte. Aber das Ganze fühlte sich lange Zeit unendlich größer an als ich selbst. Ich war damals noch nicht bereit dafür, und wollte diesen Film eigentlich nie machen. Aber wann ist man jemals bereit? Gleichzeitig haben Sie recht, ich fühle mich extrem verantwortlich dafür, die Menschen für immer beschützen zu wollen.
Warum haben Sie sich für eine semi-dokumentarische Erzählweise entschieden?
Dokumentarfilme zu drehen, ist eine hohe Kunst, die ich nicht beherrsche. Mir war also von vornherein klar, dass ich keine Dokumentation machen würde. Ich wollte Tabitha und die Kids auch nicht ausnutzen oder bloßstellen. Dazu kommt noch ein wichtiger Aspekt: Ich denke, es liegt viel Kraft darin, seine eigene Persönlichkeit und die eigene Stimme künstlerisch zum Ausdruck zu bringen, sei es vor der Kamera oder in irgendeiner anderen Form. Und dass diese Menschen einmal die Erfahrung machen durften, hat mich sehr bewegt – sie sind echte Künstler, jeder für sich, sie wussten es nur noch nicht, weil ein Künstlerdasein an einem Ort wie South Dakota keinen Wert und keine Bedeutung hat.
Wo genau liegt für Sie der Unterschied zwischen Dokumentarfilm und Fiktion?
Ich weiß nicht recht, wie ich die Frage beantworten kann. Ich wusste auch nie, was Filmemachen bedeutet, bis ich selbst mittendrin steckte. Man glaubt zu wissen, was man tut, aber gleichzeitig ist man total verloren. Trotzdem find ich Ihre Frage spannend, denn jedes Mal, wenn ich etwas über narrative Spielfilm sagen will, denke ich gleichzeitig, es ist eigentlich beim Dokumentarfilm nicht viel anders.
Sie sind in LA geboren und aufgewachsen. Hat Ihnen das Leben in dieser engen Gemeinschaft in South Dakota geholfen zu verstehen, was gerade in Amerika vor sich geht?
Ich habe bisher nur in Großstädten gelebt: LA, London und New York. Ja, ich verstehe Nuancen jetzt besser, die man erst begreift, wenn man dort lebt, denn sie sind ziemlich kompliziert. Amerika ist sehr, sehr kompliziert. Auch weil wir keine Kultur haben und als Gesellschaft deshalb unglaublich individualistisch sind. Zu sehen, wie stark etwa der Rassismus an solchen Orten allgegenwärtig ist – und natürlich gibt es Rassismus auch in den Städten, aber in den ländlichen Gemeinden ist er noch einmal um so vieles tiefer verwurzelt.
Ist es nicht etwas hart zu sagen, Amerika besitze keine Kultur?
Aber es stimmt doch. Amerika hat zumindest keine Kultur, die tief in der Geschichte verwurzelt ist, denn es handelt sich um eine relativ junge Gesellschaft. Unsere Kultur ist wie ein Schmelztiegel aus anderen Ländern, wir haben sie von den Einwanderern übernommen, die hierherkamen und dieses Land aufgebaut haben. Die einzige Kultur, die wir hatten, war die Kultur der amerikanischen Ureinwohner, aber wir haben sie zerstört.
Gibt es angesichts des Erfolgs des Films Überlegungen, vielleicht ein Langzeitprojekt daraus zu machen und Tabitha in ein paar Jahren wieder mit der Kamera zu besuchen?
Es gab viele Leute, die auf mich zukamen und meinten, sie würden gerne eine Fernsehserie dazu sehen, und klar, ich auch. Aber ich glaube nicht, dass ich jemals wieder einen Doku-Fiktion-Film in der Art drehen werde. Dafür bin ich zu sensibel.
Mein nächster Film könnte nicht unterschiedlicher sein; er handelt von mehreren Frauen verschiedenen Alters, in dessen Zentrum eine Teenagerin steht. Okay, auf dem Papier mag das ähnlich klingen, aber die Welt, in der diese Geschichte spielt, ist in keiner Weise vergleichbar mit THE NEW WEST.
Was sagt Tabitha dazu, dass Sie nun etwas anderes machen?
Wir haben natürlich darüber gesprochen. Ich war kürzlich auf ihrer Ranch und es fühlte sich seltsam an, einfach nur als Kate dort zu sein und nicht zu versuchen, die Bedeutung hinter unseren Gesprächen ergründen, oder sie aufzuschreiben. Es ist auch schwierig für mich, zu einem anderen Projekt überzugehen. Aber ich bin ebenso gespannt, wie sich die starke Verbindung zwischen uns in Zukunft entwickelt. Ich bezweifle, dass sich viel ändern wird. Diese Menschen sind mittlerweile wie eine Familie für mich, und das wird immer so bleiben.
Das Gespräch führte Pamela Jahn
Pamela Jahn