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Winter in Sokcho

Zwei Fremdkörper

Der französische Comiczeichner Yan ist im koreanischen Hafenstädtchen Sokcho ein Fremdkörper. Dieses Gefühl sitzt auch seit langem tief in der Studentin Soo-Ha fest.

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Die Pension Blue House in der koreanischen Küstenstadt Sokcho scheint wie aus der Zeit gefallen.Während rundherum die Hochhäuser aus dem Boden schießen und die Sicht auf die Berge versperren, gibt es hier noch einen Holzofen und bunt zusammengesammelte Möbel. Koya Kamura entscheidet sich in seinem Langfilmdebüt für erdige, naturverbundene Töne, gepaart mit der Kühle des winterlichen Lichts, das eine karge Nostalgie des ländlichen Koreas heraufbeschwört.
Genau so einen, auf den ersten Blick unzugänglichen Ort, will sich der französische Comiczeichner Yan erschließen. Er, der noch die Tinte schmecken muss und das Papier wortwörtlich erfassen, bevor er zeichnen kann, ist hier ein Fremdkörper. Aber deshalb genau richtig. Denn dieses Gefühl sitzt auch seit langem tief in Soo-Ha fest. Die Studentin ist aus Seoul in ihre Heimatstadt zurückgekommen, um dem verwitweten Herrn Pak in seiner Herberge auszuhelfen. Ihre Mutter ist Fischhändlerin, ihr Freund Jun-oh träumt von einer Modelkarriere in der Hauptstadt. Und es gibt noch ihren französischen Vater, den die Mutter immer versucht hat, aus ihrem Leben herauszuhalten. Dieser verdrängte Teil ihrer Identität tritt durch Yans Erscheinen aus dem Schatten. Seine Pinselstriche, die der Künstler fast manisch zu Papier bringt, manifestieren sich in Soo-Haas Innerem zu Verstrickungen ihrer Seele, die Kamura in animierten Sequenzen einfließen lässt. Soo-Ha, die alle Bohnenstange nennen und die anderen Menschen nicht viel von sich zeigt, lässt sich von Yans Schaffen, bei dem er meist um sich selbst kreist, mitreißen. Er saugt Orte und Menschen mitsamt ihren Geschichten aus, um sich zu verwirklichen, sie entwickelt Widerspruchsgeist. Was will sie vom Leben? Sicher keine operierte Kinnlinie, die ihr modelnder Freund ihr anträgt. Kamura lässt Soo-Ha ihre eigene Schönheit finden, die irgendwo in den Drachenrückenformen der Berge von Sokcho, oder der blauschwarzen Tinte des Fugu liegt, eines wertvollen, aber, wenn falsch zubereitet, tödlichen Fisches.

Susanne Kim

Details

Originaltitel: Hiver à Sokcho
Frankreich 2024, 104 min
Sprache: Koreanisch, Französisch, Englisch
Genre: Drama
Regie: Koya Kamura
Drehbuch: Koya Kamura, Stéphane Ly-Cuong
Verleih: Film Kino Text
Darsteller: Bella Kim, Roschdy Zem, Park Mi‑Hyeon
FSK: 12
Kinostart: 05.02.2026

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