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Wilhelm Tell

Opulent aber flach

Nick Hamms Schiller-Adaption ist vor allem optisch ansprechend, wenn Kleider und Haare ordentlich mitgenommen aussehen und große Schlachtchoreografien arrangiert werden, inhaltlich aber ziemlich flach.

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Er ist ein unbeugsamer Freiheitskämpfer, gilt als Schweizer Nationalheld und wird von Schüler*innen deutscher Mittelstufen gefürchtet. Im vergangenen Jahrhundert wurde sein Mythos über sämtliche Medien hinweg unzählige Male adaptiert. Die Rede ist von Wilhelm Tell (Claes Bang), dem Meisterschützen, der nicht nur einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schoss, sondern auch noch die Schweiz von der Unterdrückung durch den Habsburger Kaiser (Ben Kingsley) und seinen Handlanger Gessler befreite.

Regisseur und Autor Nick Hamm adaptiert mit WILHELM TELL das 1804 uraufgeführte Stück von Friedrich Schiller als episches Historien-Drama, das bereits bei der Premiere in Toronto treffend mit Genrevertretern wie BRAVEHEART verglichen wurde: Hamm inszeniert weitläufige Bilder der Alpen, unterlegt diese mit einem opulent orchestralen Soundtrack von Steven Price und lässt seine Schauspieler*innen auf dieser Bühne eine Dreifaltigkeit aus klischierter Männlichkeit, expliziten Gewaltexzessen und überzogenem Pathos darbieten. Das ist vor allem optisch ansprechend, wenn Kleider und Haare ordentlich mitgenommen aussehen und große Schlachtchoreografien inszeniert werden, inhaltlich aber ziemlich flach. Denn weder das zügige Erzähltempo noch die durch und durch hassenswerte Verkörperung des Gessler von Connor Swindells können ausgleichen, dass die geschwollenen Dialoge nur wenig emotionale Tiefe zulassen. Und auch die inhaltlichen Abweichungen von Schillers Ursprungswerk, wie Tells Vergangenheit als Kreuzritter, die Hautfarbe seiner Frau oder das angedeutete Sequel werfen die Frage auf, warum sich Hamm trotzdem nicht traut, Frauenrollen zu vertiefen oder unkonventioneller zu erzählen.

So ist WILHELM TELL Brüderlichkeit propagierende Stangenware, die keinen eigenen Stil findet, dafür aber das Heroen-Kino der 90er noch einmal aufleben lässt.

Lukas Hoffmann

Details

Originaltitel: William Tell
Großbritannien/Italien/Schweiz/USA 2024, 133 min
Genre: Action, Historienfilm, Kriegsfilm
Regie: Nick Hamm
Drehbuch: Nick Hamm
Kamera: Jamie Ramsay
Schnitt: Yan Miles
Musik: Steven Price
Verleih: SquareOne Entertainment
Darsteller: Claes Bang, Jonathan Pryce, Ben Kingsley, Golshifteh Farahani, Rafe Spall, Ellie Bamber
FSK: 16
Kinostart: 19.06.2025

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