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Whiplash

Bootcamp des Jazz

Der neunzehnjährige Schlagzeuger Andrew trifft als Schüler einer renommierten Jazz-Akademie auf den brutalen, beleidigenden Lehrer Terence Fletcher, der seine Schüler mit Trash-Talk zu Höchstleistungen anpeitschen will. Furioser Musikfilm, der für 5 Oscars© (Bester Film, bester Nebendarsteller, bestes adaptiertes Drehbuch, bester Schnitt, bester Soundmix) nominiert ist.

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„Wenn du nicht übst, endest du in einer Rockband“ steht auf einem Poster an Andrews (Miles Teller) Wand. Andrew ist Jazz-Drummer, also ein richtiger Schlagzeuger. Er ist 19 und gerade am renommiertesten Konservatorium der USA angenommen worden. Hier trifft er auf den radikalen, aggressiven Lehrer Terence Fletcher (J.K. Simmons), der seine Schüler mit sexistischem, schwulenfeindlichem Trashtalk zu Höchstleistungen motivieren will. „Sitzt du nur in der ersten Reihe, weil du niedlich bist, oder kannst du auch spielen?“ herrscht Fletcher eine Saxophonistin an. „Das ist nicht der Schwanz deines Freundes. Komm nicht zu früh!“, bekommt ein Posaunist zu hören. Fletchers Lieblingsepisode ist die Geschichte von Charlie Parker, nach dem der Schlagzeuger bei einer Session im Greenwich Village ein Becken geworfen hatte. Parker soll sich danach für ein Jahr zurück gezogen und frenetisch geübt haben, bis er mit einem atemberaubenden Solo auf die gleiche Bühne zurück kam und zu „Bird“ wurde. So fliegt dann ziemlich bald auch ein Stuhl nach Andrew.
WHIPLASH ist ein furioser Film, brillant gespielt, inszeniert und geschnitten. Die Big Band Jazz Stücke überzeugen von den ersten irrsinnig präzisen Stakkato-Bläsersätzen und vom ersten punktgenauen Drumbreak an. WHIPLASH zeigt die Jazzwelt als knallharten Wettbewerb und Fletchers Lektionen wirken wie Bootcamp-Szenen aus Kriegs- und Sportfilmen, feiert aber zugleich die Wucht und Energie des Big Band Jazz wie kaum ein Film zuvor. Der fantastische Soundmix ist für den Oscar© nominiert, die besten Musikstücke stammen jedoch von Don Ellis („Whiplash“), Duke Ellington („Caravan“) und Buddy Rich (das Drumsolo am Ende) und kamen daher für einen Oscar© nicht in Frage. Regisseur Damien Chazelle war als Highschool-Schüler Jazzdrummer in einer der erfolgreichsten Bands der USA, Miles Teller, der Darsteller des Andrew, trommelt seit er 15 ist und trainierte offenbar intensiv für den Film. Spielfilme über das Musikmachen waren kaum je so überzeugend.
Die Position gegenüber den brutalen Trainingsmethoden von Fletcher bleibt in WHIPLASH zwiespältig. Andrew leidet unter seinem Lehrer, den er zugleich haltlos bewundert. Aber Andrew selbst ist keineswegs der nette Junge von nebenan, der zufällig ein besonderes Talent besitzt. Er wird am Familientisch beleidigend, weil er weniger Anerkennung erhält, als sein in der dritten Liga Football spielender Cousin. Er hat keine Freunde, und als er einmal mit einem Mädchen ausgeht, fragt er sie als erstes „Was machst du so?“, als müssten Teenager notwendigerweise über Ziele und Projekte reden, als befänden sich die beiden nicht in einer Pizzeria, sondern in einem Assessment-Center. Nicole hat keine Ziele. Sie arbeitet an einer Kinokasse und studiert ein bisschen herum. Andrew wird sie grausam sitzenlassen, weil er fürchtet, sie könnte ihn „auf ihr Niveau herunterziehen“. Menschliche Qualitäten zeigt Andrew so wenig wie Fletcher.
WHIPLASH ist ein Peitschenschlag ins Gesicht des Männlichkeitsbildes, das Fletcher (und in gewisser Hinsicht auch Alex) repräsentieren, aber keine Dekonstruktion dieses halb-irren Höllenhund-Ideals. Der Bootcamp-Drill-Sergeant, der Footballcoach, der trash-talkende Bandleader: sie wischen sich das Blut von der Wange und erobern immer wieder den verdammten Hügel, bekommen wieder den verdammten Touchdown, fette Bläser und ein perfektes Drum-Break feiern ihren Untergang und ihre Wiederauferstehung. Auch wer Krieg und Sport nicht schätzt, wird kaum umhin kommen, nach WHIPLASH völliges Verständnis dafür zu haben, dass man es wichtiger finden kann, sich die Finger blutig zu spielen um danach von einem Mistkerl angebrüllt zu werden, als mit seiner Freundin noch eine Pizza zu essen. Wer kann schon Duke Ellingtons Musik widerstehen, wenn sie einem praktisch ins Gesicht springt?

Tom Dorow

Details

USA 2014, 105 min
Genre: Drama, Musikfilm
Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Damien Chazelle
Kamera: Sharone Meir
Schnitt: Tom Cross
Musik: Justin Hurwitz
Verleih: Sony Pictures Releasing
Darsteller: .K. Simmons, Miles Teller, Jason Blair, Melissa Benoist, Paul Reiser, Austin Stowell, Kavita Patil, Kofi Siriboe, Jesse Mitchell, Michael D. Cohen, Tian Wang
FSK: 12
Kinostart: 19.02.2015

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