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Westen

Im Räderwerk der westlichen Bürokratie

Nelly Senff wartet mit ihrem kleinen Sohn auf den Mann, der sie über die Grenze bringen wird, in den Westen - die Freiheit. Denn die selbstbewusste Nelly will niemandem mehr Rechenschaft ablegen. Der mysteriöse Hans kümmerst sich um die beiden.

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WESTEN, davon kann man ausgehen, ist ein persönliches Projekt. Den Regisseur Christian Schwochow (NOVEMBERKIND, DER TURM), seine Mutter und Drehbuchautorin Heide Schwochow, und die Autorin der Romanvorlage „Lagerfeuer“ Julia Franck verbindet die Erfahrung tausender Ostdeutscher, die sich nach der Ausreise aus der DDR in einer neuen Welt orientieren mussten. Während die Francks die DDR Ende 70er Jahren verließen und wie die Protagonisten des Films zunächst neun Monate in einem westdeutschen Notaufnahmelager verbrachten, wurde den Schwochows die Ausreise erst am 9. November 1989 genehmigt. Trotz Mauerfall packten sie ihre Koffer und zogen von Ost-Berlin nach Hannover wo sie zunächst bei Freunden unterkamen, Christian Schwochow war damals elf Jahre alt. Heute beschreibt er die Erfahrung so: „Der Moment des Weggehens ist vergleichbar mit einer Trennung. Wenn du in einer Beziehung bist, die dich erstickt, ist dein Wunsch irgendwann: Ich will mich trennen. Aber es gibt nicht sofort den Gegenentwurf zu der Beziehung. Du weißt noch nicht gleich, was für eine neue Beziehung du eingehen willst – oder was für ein Leben leben.“

WESTEN beginnt dort, wo die meisten DDR-Ausreise- und Fluchtgeschichten enden: mit dem Überqueren der Grenze von Ost nach West. Nach einer nervenaufreibenden allerletzten Untersuchung, einer Kür zweckfrei sadistischer Kontrolle, dürfen Nelly und ihr 8-jähriger Sohn Alexej endlich ausreisen. Nellys Erleichterung, als sie auf der anderen Seite ankommen, ist grenzenlos. Dann jedoch geraten sie und Alexej in das Räderwerk der westlichen Bürokratie, die dem Ost-Modell erstaunlich ähnlich sieht. Alexejs Vater, ein russischer Wissenschaftler der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist, erscheint den alliierten Geheimdiensten verdächtig. Immer wieder wird Nelly aufs Amt zitiert und befragt, immer wieder wird der entscheidende Stempel verweigert. Der Aufenthalt in der Zwischenstation „Notaufnahmelager“ verlängert sich ins Unendliche und umso länger der Übergangszustand andauert, umso mehr wächst Nellys Verunsicherung. Sie beginnt, allen zu misstrauen. Ist Alexejs Vater damals wirklich ums Leben gekommen? Oder hat er – wie CIA Agent Bird unterstellt - als Spion gearbeitet? Wird sie selbst verfolgt und beobachtet, von den Alliierten oder von der Stasi? Ist der freundliche Lagermitbewohner Hans, der sich so gut mit Alexej versteht, in Wahrheit auf sie angesetzt?

Aus den Schichten und Verstrickungen der Zwischenwelt, durch die sich Nelly hindurcharbeiten muss, bevor sie ihr „neues Leben“ beginnen kann, hätten deutsche Groß-Geschichts-Verfilmer wie Florian Henkel von Donnersmarck oder Bernd Eichinger sicher einen wuchtigen Agentenfilm um Lügen und Intrigen gebaut. Einzelne Versatzstücke des Kalter-Krieg-Thriller-Genres finden sich auch in WESTEN: klandestine Treffen, erotische Manipulation, doppelbödiges Verhalten, sogar eine Action-Sequenz. Das ganz große Drama jedoch verweigern Regisseur Christian Schwochow und sein Team ganz bewusst. Widersprüche bleiben bestehen. Fragen bleiben ungeklärt. Der Alltag - das Essenkochen in der Gemeinschaftsküche, das kleine Bad, die mal stützende, mal klebrige Nähe der Zwangsgemeinschaft - ist immer präsent. Es sind diese kleinen autobiografisch wirkenden Begebenheiten, die am meisten beeindrucken und im Gedächtnis haften bleiben. Das erniedrige Gespräch, dass Nelly auf dem Arbeitsamt über sich ergehen lassen muss oder der erste Schultag Alexejs. Als er in die neue Klasse kommt, nimmt der Lehrer ganz selbstverständlich an, dass der Junge ein Pionier-Halstuch trägt: „Aber die sind doch nicht rot!“ „Aber es gibt doch auch rote.“ „Aber die haben doch keine Punkte!“.

Hendrike Bake

Details

D 2013, 102 min
Genre: Drama
Regie: Christian Schwochow
Drehbuch: Heide Schwochow
Verleih: Senator Film
Darsteller: Jördis Triebel, Tristan Göbel, Alexander Scheer
FSK: 12
Kinostart: 27.03.2014

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