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Weapons – Die Stunde des Verschwindens

Elemente der US-Angstkultur

Elemente der US-Angstkultur durchziehen den Film, die an Schulmassaker und an die „QAnon“-, Pizzagate und Adrenochrome-Erzählungen denken lassen, aber die Motive erscheinen hier von ihrer politisch-quasi-religiösen Bedeutung abgelöst, als Spuren einer gesellschaftlichen Angst.

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Eine Mädchenstimme führt in die Geschichte von WEAPONS ein. In einer Kleinstadt sind 17 der 18 Kinder aus der Klasse der Lehrerin Justine Gandy verschwunden. Die erste, aber bei weitem nicht die einzige ungewöhnliche dramaturgische Entscheidung in WEAPONS ist, dass sich die Stimme des Mädchens, die am Ende des Films wiederkehren wird, keiner Figur zuordnen lässt. Das ist nur eine der leichten Irritationen, die Zach Creggers Film eine Stimmung der permanenten Verunsicherung verleihen.

Wer nach Zach Creggers relativ geradeaus erzähltem Horrorfilm BARBARIAN, der zwar zahlreiche Wendungen nimmt, aber kaum lose Enden aufwies, eine ähnliche Horrorerfahrung erwartet, wird möglicherweise von WEAPONS enttäuscht sein. WEAPONS ist ein komplexerer Film, nicht nur weil er aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird: zunächst aus der Sicht der Lehrerin, dann aus der eines Vaters, der überzeugt ist, dass die Lehrerin weiß, was passiert ist, dann aus der Perspektive des Schuldirektors, eines Polizisten, der eine Auseinandersetzung mit einem Drogensüchtigen hat, dann aus der Perspektive des Süchtigen.

Zunächst beginnt in WEAPONS eine Hexenjagd auf die Lehrerin Justine Gandy (Julia Garner), die vor allem von Archer Graff (Josh Brolin) verantwortlich gemacht wird. Justines Erfahrung ist als dicht inszenierter Paranoia-Thriller inszeniert, der genug Spannung aufbaut, um mich beim Öffnen einer Tür aufschrecken zu lassen. Justine ist eine komplexe Figur. Sie ist Alkoholikerin, steuert im Schnapsladen ohne einen Moment des Zögerns die größten Vodka-Flaschen an und nimmt gleich zwei unter den Arm. Sie pflegt den Vodka mit Mineralwasser zu mischen, eine Methode, um ohne jedes Geschmackserlebnis oder Vergnügen so betrunken wie möglich zu werden. Außerdem hat Justine eine Affäre mit Paul (Alden Ehrenreich), einem verheirateten Polizisten und zeitweise trockenem Trinker. Aber Justine ist auch entschlossen, ihre Unschuld zu beweisen und herauszufinden, was passiert ist.

Hetzmeuten, Verblendung, Trauma, Massenpsychosen, Märchenmotive und ein riesiges Gewehr, das in einer Traumszene aus der Luft herniederschwebt, und grausamste Gewalt sind Elemente des Films. Was in den Nuller Jahren noch als „New French Extremism“ galt, erscheint bei Cregger fast beiläufig. Schädel werden zerschmettert, aber das Beängstigendste in WEAPONS sind nicht die Splatter-Szenen. Furchterregend ist genau das, was sonst als Mangel im Genre erscheint: Es löst sich eben nicht alles auf, im Laufe des Films bleiben zahlreiche lose Fäden hängen, Themen, Hinweise und Motive tauchen auf, werden aber nicht weiterverfolgt. Cregger hat ein Gespür für das Unbehagliche, für den Exzess, für die Wiederholung, die den Witz ruiniert, und das Grauen sich einschleichen lässt, eine Methode, die er mit der Truppe „The Whitest Kids U‘ Know“ bereits in 5 Staffeln Sketch-Comedy erprobt hat.

Elemente der US-Angstkultur durchziehen den Film, die an Schulmassaker und an die „QAnon“-, Pizzagate und Adrenochrome-Erzählungen denken lassen, aber die Motive erscheinen hier von ihrer politisch-quasi-religiösen Bedeutung abgelöst, als Spuren einer gesellschaftlichen Angst, die den Film grundiert. WEAPONS lädt dazu ein, den Film als Allegorie zu verstehen, aber die Allegorie löst sich nicht auf. Es geht um die amerikanische Angstkultur, und der Film deutet an, welche Spuren diese Angst hinterlässt. Creggers grotesker Humor sorgt für einige extrem komische Szene, aber der Humor wird immer wieder verstörend. Bei allen wilden Wendungen hält WEAPONS die Spannung hoch und das Interesse bis zur letzten Minute wach.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Weapons
USA 2025, 128 min
Sprache: Englisch
Genre: Horror, Mystery, Komödie
Regie: Zach Cregger
Drehbuch: Zach Cregger
Kamera: Larkin Seiple
Musik: Zach Cregger, Hays Holladay, Ryan Holladay
Verleih: Warner Bros.
Darsteller: Julia Garner, Josh Brolin, June Diane Raphael, Benedict Wong, Amy Madigan, Alden Ehrenreich, Austin Abrams
FSK: 16
Kinostart: 07.08.2025

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