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Vor der Morgenröte

Stefan Zweig im Exil

In vier kunstvoll komponierten Miniaturen umkreisen Regisseurin und Autorin Maria Schrader und Ko-Autor Jan Schomburg die Exilerfahrung von Stefan Zweig, Autor von DIE WELT VON GESTERN und DIE SCHACHNOVELLE, der in den 1930er nach Brasilien emigrierte und dort 1942 Selbstmord beging.

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Es beginnt mit einem Meer von Blumen. Die Kamera - atemberaubendes Cinemascope von Wolfgang Thaler, der unter anderem für die Kamera in den Glawogger-Filmen WORKINGMAN'S DEATH und WHORE'S GLORY verantwortlich war - fährt zurück und das Blumenmeer offenbart sich als pompöse Tischdekoration. Man befindet sich auf einem Empfang, den der exklusive brasilianische Jockey Club zu Ehren des Exilschriftstellers Stefan Zweig (Josef Hader) ausgerichtet hat. Zugegen ist auch der brasilianische Außenminister. Es dauert, eine Weile bis man den Ehrengast unter den anderen VIPs entdeckt. Es ist, als ob man erst durch das offizielle Getöse hindurch muss, um schließlich bei der „Wahrheit“ Stefan Zweigs anzukommen.

Das offizielle Getöse ist auch das Thema der ersten von vier kunstvoll komponierten Miniaturen, mit denen Regisseurin und Autorin Maria Schrader und Ko-Autor Jan Schomburg die Exilerfahrung von Stefan Zweig umkreisen. Im August 1936 tagt der internationale Schriftstellerkongress in Buenos Aires. Immer wieder wird Zweig von Journalisten und Freunden genötigt, sich gegen das Hitlerregime auszusprechen. Er verweigert sich. Nicht, weil er die Politik der Nazis unterstützen würde, sondern weil ihm eine Polemik von seiner sicheren Exilposition aus wohlfeil erscheint, weil er im Angesicht der zunehmenden Radikalisierung auf Nuancen bestehen möchte.
In weiteren Szenen sehen wir Zweig mit seiner zweiten Frau Lotte (Aenne Schwarz) eine Zuckerrohrplantage besichtigen, verschwitzt steht der Schriftsteller im weißen Sommeranzug, der besser nach Paris passen würde, zwischen den mannshohen Pflanzen und macht sich Notizen. Alles scheint absurd weit weg vom Geschehen in Europa. Wir treffen ihn 1941 in New York mit seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa) und den beiden Töchtern, die von ihrer Flucht erzählen. Täglich erreichen Zweig Briefe von Menschen, die ebenfalls auf der Flucht sind. Im brasilianischen Petropolis, der letzten Station seiner Reise begegnet Zweig seinem Kollegen und Freund Ernst Feder (Matthias Brandt) wieder. Obwohl Zweig schwärmerisch vom tropischen Paradies spricht, liegt eine tiefe Traurigkeit in seinen Zügen und Gesten, die nur kurz weicht, als er zum Geburtstag einen Hund geschenkt bekommt.

Jede der Sequenzen steht für sich, und erinnert damit an Zweigs Kurzgeschichten „Sternstunden der Menschheit“. Es gibt keine Ein- oder Überleitungen zwischen den Kapiteln und keine Einführung der vielen und vielsprachigen Figuren, die um Zweig kreisen. Doch zusammen ergeben die detailreich erzählten Miniaturen einen Eindruck von den Facetten des Entfernt- und Ausgeschlossenseins, die den Literaten quälten und die möglicherweise zum Doppelselbstmord von Stefan und Lotte Zweig im Februar 1942 beitrugen. Seinen Abschlussbrief schloss Zweig mit den Worten: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen Sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika
Deutschland/Österreich/Frankreich 2015, 106 min
Genre: Biografie, Drama, Episodenfilm
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader
Kamera: Wolfgang Thaler
Schnitt: Hansjörg Weißbrich
Verleih: X Verleih
Darsteller: Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt
FSK: oA
Kinostart: 02.06.2016

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