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Verlorene Illusionen

Opulent, präzise, hochaktuell

Xavier Giannolis Adaption des gleichnamigen Romans von Honoré de Balzac ist opulent und präzise inszeniert, vertraut aber für wichtige Aspekte der Erzählung, für die Einordnung und Interpretation der Ereignisse ganz auf den Text.

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Merkwürdig, dass im stolzen Kinoland Frankreich ein Film der große Gewinner bei den Césars ist, der so nah an der Literaturvorlage bleibt, dass er wichtige Passagen des Romans von einer Off-Stimme vorlesen lässt, anstatt sie filmisch umzusetzen. Xavier Giannolis Adaption des gleichnamigen Romans von Honoré de Balzac ist opulent und präzise inszeniert, vertraut aber für wichtige Aspekte der Erzählung, für die Einordnung und Interpretation der Ereignisse ganz auf den Text. Das gilt im Kino eigentlich als verpönt, weshalb man es fast als selbstbewussten Regelbruch sehen kann, die Worte des Autors auch ganz direkt vorkommen zu lassen. Beim Schauen gewöhnt man sich nach einer Weile daran, dass es hier eben einen Erzähler gibt, der einem immer wieder erklärt, was Sache ist. Erzählt wird von Aufstieg und Fall des jungen Dichters Lucien (Benjamin Voisin), der im nach-revolutionären, nach-napoleonischen Paris der Restauration versucht, sich einen Platz im Literaturbetrieb der Hauptstadt zu erkämpfen. Das läuft - siehe Titel - nicht darüber, dass die Granden der Szene sich in seine Gedichte verlieben, sondern über Kontakte, Intrigen, Gemeinheiten und den Verlust von Gewissen und Grundsätzen. Diesen Prozess der Desillusionierung, der Konfrontation mit gesellschaftlichen Mechanismen und den Blick hinter die grandiosen Fassaden von Kunstbetrieb und Adel erzählen Balzac und Giannoli überaus genau, jeder Schachzug wird nachvollzogen, jede Manipulation durchschaubar gemacht. Herrlich böse die Figur des hochprofessionellen käuflichen Claqueurs Singali, der Triumph oder Fiasko von Theaterpremieren an den Meistbietenden verkauft. Hochjubeln und Hetze spielen sich in Balzacs Paris aber vor allem in gekauften Artikeln in den vielen Tageszeitungen ab. Die Nähe dieser Methoden zum heutigen Hype oder Rufmord via Social Media liegt auf der Hand und gibt dem historischen Stoff große Aktualität.

Susanne Stern

Details

Originaltitel: Illusions perdues
Frankreich 2021, 144 min
Genre: Drama, Historienfilm
Regie: Xavier Giannoli
Drehbuch: Jacques Fieschi, Xavier Giannoli
Kamera: Jacques Fieschi
Verleih: Cinemien
Darsteller: André Marcon, Benjamin Voisin, Cécile de France, Gérard Depardieu, Jean-Francois Stevenin, Jeanne Balibar, Louis-Do de Lencquesaing, Salomé Dewaels, Vincent Lacoste, Xavier Dolan
Kinostart: 22.12.2022

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