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Timbuktu

Auf der Seite der Sanftmut

TIMBUKTU, in Mauretanien gedreht, ist ein kaleidoskopischer Sehnsuchtsfilm, der von dem erzählt, was das Leben in Mali lebenswert macht und was sich der Bedrohung durch die Fanatiker widersetzt.

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Abderrahmane Sissakos Film TIMBUKTU beginnt mit Schüssen, die von Islamisten auf Masken und Statuen der Dogon abgefeuert werden. Im Frühjahr 2012 hatten sich die islamistischen Gruppen Ansar Dine und Al Qaida im islamischen Maghreb gegen die Tuareg-Rebellen gestellt, die im Januar gegen die demokratische Regierung von Mali geputscht und im Norden Malis einen eigenen Staat ausgerufen hatten. Die Islamisten besetzten Nord-Mali und unter anderem auch die Stadt Timbuktu und die umliegenden Städte und Oasen. Eigentlich gab es für die Islamisten in Mali nicht viel zu erobern: das Land ist seit Jahrhunderten zu großen Teilen islamisiert, aber die lokalen Religionen der zahlreichen Ethnien in Mali wurden oft in den Islam integriert oder nebenher weiter praktiziert. Die Zerstörung dieser Mali-Kulturen und von allem, was dem radikalen Verständnis des Islam zuwider läuft, war daher eines der Ziele der Al Qaida in Timbuktu. In Sissakos Film aber halten sich die Masken und Statuen erstaunlich gut. Bis zum Ende der Schießerei stehen sie aufrecht, manche mit halbierten Köpfen, manche von Schüssen durchlöchert – verwundet, aber nicht verschwunden.

Wenn die kaleidoskopische Handlung von TIMBUKTU beginnt, fallen zuerst die fantastischen Stimmungen des Wüstenlichts auf, und dann die gelassene Langsamkeit. Die Uhren am Rande der Sahara gehen offenbar anders, die Umgangsformen sind von Selbstbeherrschung und Höflichkeit geprägt, eine tiefe Religiosität verbindet die Personen in Sissakos Film. Die Front, die sein Film aufmacht, verläuft nicht zwischen „Ungläubigen“ und Islamisten, sondern zwischen tiefer islamischer Gottergebenheit und den Al Qaida-Söldnern als Zerstörern des Glaubens, des Friedens und des Lebens. Dabei bleibt Sissakos Film immer auf der Seite der Sanftmut. Ein Paar, ein Mann und eine Frau, sind bis zum Kopf in den Sand eingegraben. Was ihr „Verbrechen“ gewesen sein mag, verrät der Film nicht. Was wir unmittelbar vor der Steinigung sehen, ist eine Bewegung der Augenlider, um den Sand aus den Augen zu wischen. Eine kleine, menschliche Geste, der Versuch, im letzten Moment des Lebens die Lage um einen Hauch zu verbessern.

Es ist still auf den Straßen von Timbuktu. Die Islamisten haben die Musik verboten, ausgerechnet in einer Region mit einer so reichen Musiktradition wie die Gegend um Timbuktu, aus der so viele große malische Musiker kommen: Ali Farka Touré, Afel Bocoum, Rokia Traoré, Salif Keita. Nun ist es sogar verboten, auf der Straße vor den Häusern Tee zu trinken und zu reden. Die Scharia-Miliz patroulliert nachts, horcht auf Musik und sucht die Verdächtigen zu lokalisieren. Trotzdem werden Kora und Gitarre gespielt und Lieder gesungen, unter Lebensgefahr. TIMBUKTU, in Mauretanien gedreht, ist ein Sehnsuchtsfilm, der von dem erzählt, was das Leben in Mali lebenswert macht und was sich der Bedrohung durch die Fanatiker widersetzt. Das ist auch die ruhige Widerständigkeit der Menschen von Timbuktu. Ein neues Edikt wird erlassen: Frauen müssen Handschuhe tragen. Eine Fischhändlerin empört sich: Wie soll sie denn bitte Fisch mit Handschuhen verkaufen? Es sei aber Gesetz, sonst müsse sie mitkommen, meint der Milizionär. „Dann nehmt mich eben mit“. Die Miliz stapft in eine Moschee, man will nachsehen, ob sich Ungläubige dort verstecken. Dies sei das Haus Gottes, wie können sie es wagen, hier in Schuhen und mit Waffen einzudringen, antwortet der Imam.

Der Widerstand wird immer gebrochen. Die Miliz erhält immer, was sie will, selbst wenn sie sich untereinander kaum verständigen kann. Kaum jemand spricht die Tuareg-Sprache Tamaschek, mit dem Arabisch steht es auch nicht immer zum Besten, immer wieder muss auf Englisch oder Französisch ausgewichen werden. Telefongespräche, bei denen es um Leben und Tod geht, werden so beinahe zu Slapstick-Nummern.

Manchmal scheint es, als dämmerte den Milizionären der eigene Wahn, aber die Kriegsmaschine, die sie losgetreten haben, lässt sich nicht mehr aufhalten. Ein junger Mann soll ein Propagandavideo drehen. Früher habe er Hiphop gemacht, jetzt habe er Gott gefunden und wisse, dass er das nicht mehr brauche. Je öfter er den Satz wiederholen muss, desto schwerer fällt es ihm, die Worte auszusprechen, desto unsicherer und verlorener erscheint sein Blick. Es ist, als steige immer mehr die Erinnerung an Lebensfreude empor. Der junge Jihadist wird immer trauriger.

Als Trost bleibt den Jihadisten die Macht, auch die über Frauen, die permanent belästigt, schlimmstenfalls aber entführt und „verheiratet“ werden, ein Euphemismus für Vergewaltigungen. Als der Imam mit dem „Sheikh“ der Milizionäre über deren Praktiken debattieren will und das islamische Recht ins Feld führt, antwortet der Al Qaida-Boss: „Wir sind die Verteidiger des Islam, daher benötigen wir keine Zustimmung des Vormundes der Frau, wir sind der Vormund.“ Mit der Kriegsmaschine kann auch die legendäre Gelehrsamkeit von Timbuktu nicht debattieren.

TIMBUKTU ist ein großer, humanistischer und spiritueller Film, dessen Geist die Wertschätzung nicht nur alles Lebenden atmet, sondern alles Sichtbaren. Abderrahmane Sissako feiert die Welt in seinen farbenprächtigen Bildern, in den verschiedenen Tönen, in denen die Lehmmauern der Stadt zu verschiedenen Tageszeiten schimmern, in der entspannten Pracht des Lagers einer Tuareg-Familie, selbst in den bunten Fetzen, in denen die wahnsinnig gewordene Madame La Mort durch die Straßen und über die Dächer schweift, wo sie ihre Jünger zum Tanzen bringt.

Tom Dorow

Details

Frankreich/Mauretanien 2013, 97 min
Sprache: Arabisch, Englisch, Französisch
Genre: Drama
Regie: Abderrahmane Sissako
Drehbuch: Diane English
Kamera: Sofian El Fani
Schnitt: Nadia Ben Rachid
Musik: Amine Bouhafa
Verleih: Arsenal Filmverleih
Darsteller: Hichem Yacoubi, Abel Jafri, Magali Noël, Toulou Kiki, Fatoumata Diawara, Pino Desperado, Mehdi AG Mohamed, Layla Walet Mohamed
FSK: 12
Kinostart: 11.12.2014

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