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Das Zen-Tagebuch

Kohl im Tonbottich

Der Autor Tsutomu Mizukami (Kenji Sawada) lebt abgeschieden in den Bergen und ernährt sich von dem, was der Garten und die umliegende Landschaft hergeben. Gelegentlich besucht ihn seine Lektorin Makiko (Takako Matsu), die seine Gegenwart ebenso schätzt wie sein umsichtig zubereitetes Essen.

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Zenmeister Dōgen hat in seinen „Anweisungen an den Koch“ niedergelegt, wie man eine Mahlzeit zubereitet. Der Schriftsteller Mizukami Tsutomu (gespielt von Kenji Sawada) wurde mit 9 Jahren von seinen Eltern nach Kyoto in ein Zen-Kloster gegeben, weil die Familie nicht genug Geld hatte, um alle Kinder zu ernähren. Damals hatte sich der Junge innerlich noch gegen die Regeln der Mönche gesträubt. Er hatte seine Eltern vermisst. Heute, ein halbes Jahrhundert später, findet er in den einfachen Ritualen Halt. Er trocknet sorgsam die im Sommer geernteten Kakis, legt Kohl im Tonbottich ein, schneidet Rettich in exakt gleich große Scheiben, sammelt Wildkräuter. Dabei vertieft er sich ganz in den Prozess, wie Dōgen es fordert.

Regisseur Yuji Nakae lässt die Lektorin Machiko (Takako Matsu) in Tsutomus sorgsam arrangierte Welt einbrechen. Begleitet von quirligen Jazzklängen arbeitet sich ihr kleines blaues Autos in die Berge der Präfektur Shinshu vor. Sie bringt die Hektik der Stadt mit, Ungeduld, den getakteten Zeitplan der Zivilisation. Sie hatte Tsutomu gebeten, einen Essay über seinen Alltag zu schreiben. Die Deadline ist verstrichen, daran kann auch der mit Achtsamkeit mit dem Bambusbesen aufgeschäumte Grüntee nichts ändern. Aber das Warten auf die geschriebenen Worte wird sich lohnen. Das wissen beide. Was sie verbindet, lässt Nakae nur erahnen. Sicher ist es die Liebe zum Auskosten der einfachen Dinge, das Zelebrieren des Essens - wie sich beispielsweise der Geschmack einer in Salz eingelegten Pflaume auf der Zunge entfaltet.

Tsutomus Stimme erzählt uns Ausschnitte aus seinem Leben. Seine Frau ist jung verstorben, die Schwiegermutter lebt ebenfalls zurückgezogen, weil sie nicht mit der Familie auskommt. Im Rhythmus der Jahreszeiten erschließen sich langsam narrative und emotionale Zusammenhänge, ein Geflecht aus menschlichen Beziehungen, die ihn prägen. Erinnerungen, die zu Assoziationen werden, die Nakae wie eine Landschaft mit der Kamera für uns zeichnet. Der Schriftsteller befragt das Feld seines Lebens, stellt sich seiner Angst vor dem Sterben. Er besinnt sich dabei auf das Wesentliche, die Ästhetik der Reduktion: Sich ganz der Routine der Natur aussetzen, das Richtige tun, in dem Moment, in dem es ansteht, die moralische Verpflichtung annehmen.

Diese Botschaften vermittelt Nakae in mit Leichtigkeit kadrierten Bilder. Ihnen wohnt keine Strenge inne, sie pulsieren, obwohl jede Einstellung mit Bedacht gewählt wurde. In Zeiten, in denen wir es gewohnt sind, beiläufig zu konsumieren, ist es ein Genuss, Tsutomu beim Ausstechen der Bambuswurzeln zuzusehen, zu erleben, wie er sie dämpft und mit frischen Trieben gewürzt serviert. Das Vertiefen in die Beobachtung versteht der Film, der auf dem autobiografischen Essay "Tsuchi wo Kurau Hibi/12 Monate von der Erde essen“ von Mizukami Tsutomu basiert, als Aufgabe an die Betrachter*innen.

Susanne Kim

Details

Originaltitel: The Zen Diary
Japan 2022, 112 min
Genre: Drama
Regie: Yûji Nakae
Verleih: Film Kino Text
Darsteller: Fumi Dan, Takako Matsu, Kenji Sawada
Kinostart: 31.08.2023

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